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Winterflüchtlinge

Mein Landleben Winterflüchtlinge

Der Winter kündigt sich stürmisch an. Draußen ist es ungemütlich geworden. Als erste Maßnahme habe ich meinen Kaminofen wieder aktiviert. Als Mensch hat man ja die wundervolle Möglichkeit, sich selbst ein Feuer anzuzünden. Spinnen haben es da nicht so leicht.

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Ungewünschte Einwanderer im häuslichen Bereich.

Quelle: Weber

Abgesehen davon, dass ich noch diese Sommer-Abschieds-Wehmut verspüre, kann ich es in meinem Wohnzimmer gut aushalten. Lautstark prasseln Eicheln auf Dachrinnen und sonstige Widerstände, es heult und pfeift in allen Ritzen, doch ich sitze warm am Ofenfeuer und lasse mir vom Dampf meines Heißgetränks die Lesebrillen-Gläser beschlagen. Gemütlich.

Auch der Hund streckt mir wohlig seine warmen Pfoten entgegen und seufzt tief. Doch dann springt er jäh auf, stößt meine Tasse um und läuft im Zimmer umher, Blick und Nase zur Decke gerichtet. Ja, ich habe es auch gehört. Dieses Rascheln, das in meinem Haus zuverlässig den Winter ankündigt. Bis heute weiß ich nicht, ob es nur laute Mäuse sind oder ob da immer wieder derselbe Marder einzieht. Jedenfalls lebt das Tier im Winter in der Zwischendecke und macht dort eine Menge Lärm.

Zuwanderung hat zugenommen

Da ich nichts gegen Einwanderung habe und auch mit einer übertriebenen Portion Empathie ausgestattet bin, lasse ich das Tier gewähren. Allerdings ist es nicht das einzige Wesen, das mein Haus als Winterquartier auserkoren hat. Die Zuwanderung hat in diesen Tagen extrem zugenommen. Und das Aussehen einiger Fremdlinge macht mir ein bisschen Angst – sie haben acht Beine. Besonders die dicken, behaarten Spinnen sind mir unangenehm. Neulich hatte ich schon Albträume. Ich erinnere mich vage an die komplette Übernahme meiner Wohnstätte durch Spinnen. Also so eine Art Spinnisierung meiner Behausung. Am nächsten Tag habe ich vehement mit der Überprüfung der Asylanfragen begonnen. Diejenigen, die sich unauffällig in eine Ecke verzogen hatten, durften bleiben. Die anderen habe ich ausgewiesen. Ab ins Fangglas und zurück ins Spinnenland.

Hat aber nichts genützt. Noch am selben Abend saß wieder so ein schwarzer, behaarter Geselle über meinem Kopfkissen an der Wand. In meinem Büro, hinter dem Drucker, hat sich unbemerkt sogar eine ganze Familie eingenistet. Ich nehme an, das lief unter Familienzusammenführung. Jedenfalls werden diese tierischen Winterflüchtlinge immer mehr. Gibt es für die eigentlich auch eine Obergrenze? Oder kann sich mal jemand dafür einsetzen? Obwohl – das heißt jetzt ja nur noch Richtwert. Ach egal. Das Grundrecht auf Asyl ist unantastbar. Sind ja auch alles nützliche Fachkräfte. Angesichts der vielen Mücken, die immer noch in meinem Schlafzimmer auftauchen, werde ich die nicht wegschicken.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.