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Wo „Alltagsmenschen“ die Stadt beleben
Wo „Alltagsmenschen“ die Stadt beleben
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09:24 05.06.2018
Ländliche Idylle und moderner Brückenbau: Vom ehemaligen Fähranleger aus geht der Blick über die Weser in die weite Flusslandschaft; im Hintergrund die „Pott-Mühle“. Quelle: kp
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Petershagen

Der Kupferstich gehört zu Merians Hauptwerk, der Topographia Germaniae. Die damalige hölzerne Jochbrücke in der Mitte der Illustration gibt es schon lange nicht mehr. Sie wurde durch Eisgang der Weser zerstört und jahrhundertelang durch Fährbetrieb ersetzt. Und der wurde längst eingestellt. Nur die damaligen Anleger, an der heute die Angler ihr Glück versuchen, und die Bezeichnung Alte Fährstraße erinnern an die Flussüberquerung. Seit 1970 ist Petershagen mit dem Stadtteil Lahde durch eine moderne Weserbrücke verbunden. Ansonsten ist die Stadt von 1645 auf dem Merian-Stich noch durch das Schlossensemble und ein paar markante Kirchtürme zu erkennen.

Die Zeit des großen Meisters Matthäus Merian liegt weit zurück. Heute ist Petershagen eine liebenswürdige Kleinstadt in Ostwestfalen, die gern von Touristen aufgesucht wird. Zur Stadt mit zwei Mittelzentren, Petershagen und Lahde, gehören sage und schreibe 27 weitere Ortschaften. Die an der Grenze zum Landkreis Schaumburg liegende Stadt wird in erster Linie geprägt von der Weser, die in einem Volkslied aus dem Jahre 1835 von Dichter Franz von Dingelstedt in höchsten Tönen gelobt wird: „Hier hab´ ich so manches liebe Mal mit meiner Laute gesessen, hinunterblickend ins weite Tal, mein selbst und der Welt vergessen...“

Die Storchen-Hauptstadt

Das „Stadtgebiet“ Petershagen gehört zur Region der Westfälischen Mühlenstraße, die über 40 historische Wind-, Wasser- und Rossmühlen vorzuweisen hat. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele funktionstüchtige Mühlen in einem Freilichtmuseum vereint. In der Kernstadt selbst sind gleich zwei zu finden: die Büsching´sche Mühle an der Mindener Straße und die PottMühle an der Kreisstraße. Außerdem ist Petershagen die „Storchen-Hauptstadt“ Nordrhein-Westfalens. Rund 20 Paare nisten in den wassernahen Dörfern und sind über die sogenannte Storchenroute als Fahrrad-Wanderweg erschlossen. Die Skulptur eines Storchennestes ziert den Kreisel an der Hauptstraße/Bremer Straße. Touristische Vorteile bringt der Weserradweg unmittelbar am Strom. Der Besucher findet vor allen Dingen viel Natur, ländliche Idylle in den links und rechts der Weser liegenden Dörfern. Naturschutzgebiete fungieren als Lebensraum für bedrohte Arten der Tier- und Pflanzenwelt.

Wer durch Petershagen streift, stößt irgendwann unweigerlich auf fünf überlebensgroße Figuren, die in ihrer Originalität das Stadtbild beherrschen und jeden Passanten zum Stehenbleiben und Schmunzeln bringen. Christel Lechner heißt die Töpfermeisterin, Bildhauerin und Installationskünstlerin, die die Charaktere aus einem Gemisch von Kunststoff und Beton geschaffen hat. Die in Witten tätige Künstlerin selbst nennt ihre liebenswerten Figuren „Alltagsmenschen“, eben Leute wie du und ich. 2002 tauchte am Brunnen vor dem Rathausgebäude das erste Paar auf: „Frau Peters“ im Sonntagskleid mit Leopardenjäckchen und Handtäschchen und der sitzende „Herr Hagen“ im karierten Hemd mit Hosenträgern und Schiffermütze. Ein Jahr später kam „Hermine“, die es sich unter einem Baum gemütlich gemacht hat und in einem Buch über die Schlosschronik liest. Vor der Stadtverwaltung fand auch „Mathilde“ einen Platz. Die Figur wurde nach der Petershäger Marktfrau Mathilde Oetting benannt, die dort 20 Jahre lang an den Markttagen tätig war. 2009 kam die bisher letzte Figur nach Petershagen. Der „Herr Meier“ schaut an der Mindener Straße zum Storchennest auf dem Alten Amtsgericht empor.

Knast-Hotel

Da wären wir schon an dem Gebäude, das nicht nur dem Herrn Meier, sondern jedem Besucher sofort ins Auge fällt. Das Alte Amtsgericht, 1913 im Stil der Neorenaissance erbaut, diente lange Zeit der Rechtspflege, heute ist dort ein Kultur- und Begegnungszentrum etabliert, das von einem Förderverein betrieben wird. Regelmäßig finden dort Theatervorstellungen, Fotoschauen, Musik- und Vortragsabende und Lesungen statt. Das Haus aus preußischer Zeit hat noch eine Besonderheit zu bieten. Im ehemaligen Gefängnistrakt befindet sich ein „Knast-Hotel“. Wo früher Strolche ihre Haftzeit verbüßten, können heute Wanderer und Radler ihre müden Häupter zur Nachtruhe betten, nach Wunsch auch in Sträflingskleidung.

Der im Gebäude befindliche ehemalige Schöffensaal beeindruckt durch hochwertige Holzarbeiten beim Mobiliar und durch bunt verglaste Fenster. Die Kassettendecke ist mit Malereien versehen. Die Tür zum früheren Richterzimmer ist mit Gerichtswaage und Königskrone geschmückt. Die Krone mit Preußenadler findet man auch am Spitzgiebel der Fachwerkfassade, etwas tiefer den Spruch „Recht muss Recht bleiben“. Der historische Schöffensaal des ehrenwerten Amtes dient überwiegend als Trauzimmer. Zur Zukunftsplanung der Brautleute passt die vor dem Haus stehende „Familienskulptur“, die die Einheit von schönen und schlechten Tagen im menschlichen Dasein symbolisiert.

Es gibt in Petershagen eine ganze Reihe von Fachwerkbauten. An der Hauptstraße bilden drei gut erhaltene Häuser ein harmonisches Ensemble (Nr. 4, 6, 8). Zwischen diesen Häusern, der Petri-Kirche und dem geschichtsträchtigen Gebäude des ehemaligen Postamtes aus dem Jahr 1867 (Hauptstraße 11) soll sich früher das Marktleben abgespielt haben.

Große jüdische Gemeinde im 17. Jahrhundert

Die Petri-Kirche, als dreischiffige Hallenkirche von 1615 bis 1618 erbaut, zählt zu den frühesten protestantischen Kirchenbauten in ganz Nordwestdeutschland. In der Goebenstraße lädt das Informations- und Dokumentationszentrum für die jüdische Orts- und Regionalgeschichte zu einem Besuch ein. An der Stelle stand um 1800 eine im Fachwerk erbaute Synagoge. Das Gebäude wurde 1842 wegen Einsturzgefahr abgerissen und 1845/46 durch einen massiven Neubau ersetzt. Die Geschichte erzählt, dass es in Petershagen bereits im 17. Jahrhundert eine beachtlich große jüdische und aktive Gemeinde gegeben hat.

Kommen wir jetzt zum Sahnestück von Petershagen, zum über 700 Jahre alten Schloss, sehr idyllisch gelegen in direkter Nachbarschaft zur Weser. 1306 von Gottfried von Waldeck als Burgfeste und Residenz für die Mindener Bischöfe erbaut, ist das Schloss heute ein Romantikhotel mit Restaurant. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die wehrhafte Burg zum Weserrenaissance-Schloss ausgebaut. 1560 wurde die Anlage um einen zweiten Flügel mit Festsaal und Kirche erweitert. 1647/48 gaben die Mindener Bischöfe die Residenz auf. Das Gebäude wurde von Regierungsbeamten bewohnt und verfiel im Laufe der Jahre immer mehr. 1901 erwarb Heinrich Hestermann das Schloss, das sich bis heute im Besitz der Familie befindet. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde 1967 das heutige Hotel mit Restaurant eröffnet. Vom Restaurant aus hat der Gast einen freien Blick auf die Flusslandschaft. kp

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