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Thema des Tages Biobauern in Bedrängnis
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19:48 08.01.2014
Viele Biobauern wie Karin Ellersiek bieten ihre Produkte in Hofläden an – so auch Karin Ellersiek. Quelle: jcp

Auch aus Idealismus hat der Lindhorster Landwirt Thomas Ellersiek sich vor gut 20 Jahren entschlossen, Biobauer zu werden. Die Betonung liegt auf „Auch“, denn wirtschaftliche Überlegungen standen bei dem Entschluss nicht völlig außen vor. „Das war schon eine Marktlücke damals“, erinnert Ellersiek sich. Noch wichtiger war ihm aber, dass er „das ganze Gespritze und diese Art der Tierhaltung“ nicht mehr mitmachen wollte.
Schon der Großvater hatte Hof und Äcker um die Domäne Lohhof in Heuerßen gepachtet. Vom Vater übernahm Thomas Ellersiek den landwirtschaftlichen Betrieb 1989. Nach einigen Jahren konventioneller Landwirtschaft entschied er sich 1993 für den ökologischen Anbau und schlüpfte unter das Dach des Anbauverbandes „Bioland“.
In Übereinstimmung mit dessen Richtlinien trennte Ellersiek sich erst einmal von seinen 800 Schweinen. Die habe er bis dahin intensiv gehalten – wobei „intensiv“ in diesem Zusammenhang ein Euphemismus für Massentierhaltung ist.
„Das hat mir damals alles nicht mehr so gefallen“, sagt Ellersiek. Das mit den Schweinen, und: die Art des Anbaus. In der herkömmlichen Landwirtschaft werde auf Umweltbedenken, wie sie dem Heuerßer zwischenzeitlich gekommen seien, nicht viel gegeben. Der Bauer sei in ein System eingebunden. Ellersiek: „Und wenn er das nicht mitmacht, diesen Hang zu Monokulturen auf dem Feld und die ganzen Chemikalien, dann wird es ganz schnell schwierig, wirtschaftlich zu überleben.“
Also nichts wie raus da. Auf Ellersieks 55 Hektar wachsen Zuckerrüben, Wintergerste, Weizen und Raps. „Ohne Chemie und ohne Düngemittel“, versichert er. Zwischenzeitlich hatte er sogar wieder Schweine, wenn auch sehr viel weniger als früher. Eine erneute Verschärfung der Biolandrichtlinien brachte 2009 allerdings das endgültige Aus für die Haltung der Tiere. Ellersiek konnte bauliche Auflagen aus Gründen des Denkmalschutzes nicht mehr erfüllen.
Als Zubrot eröffnete der Landwirt einen Hofladen, als zweites Standbein ist außerdem eine Pferdepension hinzugekommen, um die sich seine Frau Karin kümmert. Eine solche Absicherung scheint nötig. Der Bioboom macht das Geschäft für Biobauern wie Ellersiek kurioserweise nicht eben einfacher. Grund sind billige Importe aus dem Ausland. Osteuropa zum Beispiel.
„Die haben nicht die strengen Kontrollen wie wir“, ist der Schaumburger Landwirt überzeugt. „Ob das alles so bio ist ...“, sagt er und lässt den Satz offen. Bio oder nicht: Auf dem Markt sind die importierten Waren oft günstiger – und schlagen damit die Angebote der heimischen Landwirte.
Als tatsächlich existenzbedrohend stuft Ellersiek aber nicht den globalen Markt, sondern ein ganz heimisches Problem ein. Seine gepachteten Ländereien müssen wohl zu großen Teilen für den Ausbau der Bundesstraße  65 herhalten. Folge: Pachtverträge werden nicht verlängert, irgendwann könnte der Bauer ganz ohne Acker dastehen. Deshalb hat der Landwirtschaftsmeister bereits jetzt einen Zweitjob angefangen, in dem es eventuell eines Tages in Vollzeit weitergehen könnte. Die Landwirtschaft wäre dann nur noch ein Nebenerwerb, ein Hobby. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz, sagt Ellersiek: „Ich würde mich jederzeit wieder für Bio entscheiden.“ jcp

Der Verbraucher entscheidet nach Preis

Wirtschaftlichen Selbstmord muss der Gang in die Bio-Landwirtschaft nicht gleich bedeuten, sagt Kreislandwirt Cord Lattwesen. Ein einfacher Weg sei es bei der durchschnittlichen Hofgröße in Schaumburg allerdings nicht. Lattwesen: „Ich sehe hauptsächlich die Möglichkeit über die Nische, das Direktmarketing.“ Heißt: Hofladen. Ansonsten hätten Biobauern es in Konkurrenz zum globalen Markt besonders schwer. Zwar wolle der Kreislandwirt niemanden unter Generalverdacht stellen. Aber das Siegel „Bio“ sei inzwischen nun mal eine Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. In Italien hätte es sogar Fälle gegeben, in denen die Mafia Zertifikate gefälscht hat. „Oder es kommen Schiffe mit Waren aus Osteuropa“, moniert Lattwesen. „Von der Crew kann keiner richtig Deutsch sprechen, aber die garantieren dann, ja klar, bei uns ist alles bio.“ Supermarkt oder Hofladen? „Der Verbraucher entscheidet“, sagt Lattwesen. „Und meistens orientiert er sich dabei am Preis.“  jcp

Hühner-Haltung lohnt sich nicht

Ein Schaumburger Bio-Landwirt hat seine Bio-Hennen bereits im Jahr 2011 aufgegeben. Es habe sich schlichtweg nicht mehr gelohnt, in die Tiere zu investieren.
Für die Neuausstattung eines Stalles hätte der Bauer zehn bis 15 Jahre lang wirtschaftlich mit den Tieren erfolgreich sein Geschäft müssen. Doch die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten mit dem Federvieh seien damals schon zu unkonkret gewesen. Zumindest auf diese lange Zeit betrachtet.
Die ungewisse wirtschaftliche Zukunft für den Bauern mit Bio-Huhn-Haltung nimmt zu. „Man ist froh, wenn man keine Anforderungen mehr erfüllen muss“, sagt der Öko-Bauer. Dass einem Bio-Huhn im Freiluftbereich 400 Quadratzentimeter zustehen, kostet Geld.
„Da in Schaumburg so viel Ackerfläche für die Versorgung von Biogasanlagen genutzt wird, sind die Pachtpreise deutlich gestiegen“, erläutert der Landwirt. In den vergangenen fünf Jahren hätten sie sich fast verdoppelt, auf 800 bis 1000 Euro pro Hektar.
Zudem haben sich die Auflagen in der Lebensmittelhygiene erhöht. Diese Auflagen gelten für die ökologische und die konventionelle Tierhaltung und verursachen weitere Kosten. Nur könnten die Erträge bei der biologischen Landwirtschaft nicht so gesteigert werden wie bei der konventionellen.
In dieser nämlich gelte: Höhere Kosten werden durch größere Produktionsmengen ausgeglichen, sei es durch künstliche Düngemittel im Ackerbau oder Antibiotikagabe bei der Tierhaltung.
Die Steigerung des Ernte-Ertrags oder eine geringere Sterblichkeit der Tiere durch Krankheiten sei sozusagen programmierbar. Bei der ökologischen Landwirtschaft seien solche Eingriffe jedoch nicht erlaubt.
Ein Kostenausgleich könne damit nur über den Markt geschehen. Doch einen deutlichen Anstieg der Preise für Bio-Lebensmittel gab es nicht. Das sei ein grundsätzliches Problem in der ökologischen Landwirtschaft. Ganz gleich, ob es sich um die ökologische Tierhaltung oder Pflanzenproduktion handelt, meint der Bio-Landwirt. on