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Das Gefühl von Freiheit

Die ersten Fahrräder in Schaumburg Das Gefühl von Freiheit

Der Rekord ist, soweit bekannt, seit 115 Jahren ungebrochen. Aufgestellt wurde er 1901 von Landbriefträger Heinrich Schmöe. Die von dem Bückeburger Postboten in Bestzeit bewältigte Disziplin war das 100-Meter-Fahrrad-Wett-Zeitfahren. Gewonnen hatte, wer zwischen Start und Ziel am längsten unterwegs war. Schmöe legte die Strecke in drei Minuten fünf Sekunden zurück.

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Das Fahrrad machte auch die bis dato „unbeweglichen“ Bevölkerungskreise mobil. Allerdings konnten sich zunächst (hierzulande bis Ende des 19. Jahrhunderts) nur besser gestellte bürgerliche Kreise ein Veloziped leisten. Ab 1900 wurde das Fahrrad zu einem auch für „Proletarier“ erschwinglichen Massenverkehrsmittel. Hier eine Bürgerfamilie um 1900 während einer Landpartie.

Quelle: Archiv

 Seine 18 Konkurrenten hatten allesamt unterwegs aufgeben und sich laut Zeitungsbericht „weit vor dem Ziel von ihren Stahlrössern trennen“ müssen. Ausrichter des Wettbewerbs war der Radfahrer-Verein „Sturmvogel“ Rusbend, der am 10. Juni 1901 sein einjähriges Vereinsbestehen feierte.

 Was heute wie eine lustige Anekdote anmutet, hatte damals einen heftig diskutierten Hintergrund. Es gab nicht genug Straßen, auf denen man ungehemmt in die Pedale treten oder gar ein richtiges Hochgeschwindigkeits-Rennen hätte austragen können. Dabei hatte das Radeln seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen nicht für möglich gehaltenen Aufschwung erlebt. Erstmals konnten auch Frauen und kleine Leute ein Gefühl von Freiheit und Mobilität erfahren.Radfahrvereine schossenwie Pilze aus dem BodenAuch die heimische Bevölkerung war vom Veloziped-Fieber erfasst. Überall schossen wie Pilze Radfahrvereine aus dem Boden – im heutigen Landkreis Schaumburg bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs mehr als 50. Besonders viele Anhänger muss das Pedaltreten laut Aktenlage in und um Bückeburg herum gehabt haben.

Ein Tandem und ein Benzinmotorfahrrad gab es Ende des 19. Jahrhunderts

So traten in nahezu allen heutigen Ortsteilen schon sehr früh bürgerschaftlich organisierte Fahrgemeinschaften auf den Plan. Zu den ersten und aktivsten gehörten „Sturmvogel“ Rusbend (seit 1900), „Schwalbe“ Cammer (1905), „Wanderlust“ Scheie (1906), „All Heil“ Knatensen-Selliendorf (1907) und „Freie Bahn“ Müsingen (1910). In der Residenz selbst waren drei Gruppierungen aktiv: der Radfahrer-Club Bückeburg (gegründet 1896), der Handwerker-Radfahrer-Club (1903) und der Radfahrerverein Saxonia (1908). Darüber hinaus waren laut Landes-Zeitung gegen Ende des 19. Jahrhunderts „ein Tandem und ein Benzinmotorfahrrad auf den Straßen unserer Stadt heimisch“.

 

 Oft deutete bereits die Wahl des Vereinsnamens auf Herkunft, Umfeld und Gesinnung der Truppe hin. Hintergrund: Wie der Sport insgesamt war auch die Radfahrbewegung politisch gespalten. Die Vereine der bessergestellten und nationalkonservativen Kreise gehörten dem Bund Deutscher Radfahrer an. Ihr Motto war „All Heil!“. Der Schlachtruf der proletarischen Vereinigungen lautete „Frisch Auf!“. Ihre der SPD nahe stehende Dachorganisation nannte sich „Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität“ (ARB). Der ARB war bis zu seiner Auflösung durch das NS-Regime im Jahre 1933 mit 330000 Mitgliedern der größte Radsportverband der Welt.

 Das größte Problem für die ersten Veloziped-Liebhaber war das Fehlen befestigter Straßen. Halbwegs glatte Fahrbahnflächen gab es, wenn überhaupt, nur in den Städten und größeren Flecken. Ende der 1880er Jahre war der Andrang auf den hiesigen Marktplätzen und Fußgängertrottoirs so groß geworden, dass sich die fürstlich-schaumburg-lippische Regierung unter Androhung saftiger Strafen genötigt sah, „jegliches Fahren, Üben und Sichbelustigen auf öffentlichen Wegen und Plätzen“ zu untersagen. Fußgänger, Reiter und Gespanne hatten überall und jederzeit Vorfahrt. Zweiradlenker mussten schon von Weitem durch „ein laut tönendes Glocken-, Pfeifen- oder Hornsignal auf sich aufmerksam machen“. Bei Annäherung an ein Pferdefuhrwerk hatten sie „sofort und ehe sie in die Nähe des Tieres kommen, abzusitzen“. Auch „Rindvieh, welches nicht mit verbundenen Augen geführt“ wurde, durfte niemals im Sattel sitzend passiert werden.

Berechtigungsausweise waren Pflicht

 Die stetig zunehmende Begeisterung fürs Zweirad war mit solchen Vorschriften nicht zu stoppen. Im Gegenteil: Der Boom hielt auch an, als die Reichsregierung 1908 eine Art Führerschein („Radfahrerkarte“) einführte. Der Berechtigungsausweis musste bei den örtlichen Polizeidienststellen beantragt und jährlich erneuert werden.

 Darüber hinaus traten nach der damals neu beschlossenen „Verordnung betr. den Radfahrverkehr“ strengere Vorgaben in puncto technische Ausrüstung und Fahrverhalten in Kraft. So war es künftig verboten, „beide Hände gleichzeitig von der Lenkstange oder die Füße von den Pedalen zu nehmen“. Als Beleuchtung wurde eine „voll brennende Laterne mit farblosen Gläsern“ angeordnet. Und statt der zuvor erlaubten „Glocken-, Pfeifen- oder Hornsignale“ mussten die Räder „mit einer hell tönenden Glocke“ ausgerüstet sein. Heftig umstritten war lange Zeit auch die Gesundheitsfrage. Nicht wenige Ärzte sorgten sich um bleibende Schäden aufgrund des „permanenten Geschwindigkeitsrauschs“. So wurden auf der Generalversammlung des „Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“ im Jahre 1900 in Trier unter anderem über die richtige Kleidung und die Schädlichkeit des zu schnellen Fahrens diskutiert. Am besten geeignet sei „die Kniehose, doch ohne den schädlichen Gummizug an den Strümpfen“, ließ der angesehene Nürnberger Sportmediziner Dr. Merkel wissen. Bei Frauen müsse „unbedingt das Korsett fortbleiben“.

Aufs Schärfste wandte sich Merkel gegen die vor allem bei Jugendlichen zu beobachtende „unmäßige Radfahrerei“. Dank eingehender Untersuchungen könne man sagen, „dass fast zwei Drittel der sogenannten Rennfahrer an Krankheiten frühzeitig zugrunde gehen“. Wenn man der aktuellen Zeitungsberichterstattung glauben darf, ist zu schnelles Radfahren bis heute ein Thema. Vielleicht sollte man verstärkt über „Entschleunigungs-Veranstaltungen“ wie vor 115 Jahren in Rusbend nachdenken.

Von Wilhelm Gerntrup

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