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Das Gift vor der Haustür

Landkreis / Deponie Münchehagen Das Gift vor der Haustür

Tausende von Tonnen hochgiftiger Müll, Dioxine in bis dahin nicht gekannten Konzentrationen: Vor 30 Jahren wurde die Giftmüllkippe Münchehagen geschlossen – aber „dichtgemacht“ erst 2001. Noch heute fließen
jährlich 400 000 Euro in die Sicherung der Altlast.

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Mit Atemschutz: Experten versuchen 1985 herauszufinden, ob aus dem Deponiekörper Gas austritt.

Quelle: pr.

„Wir haben eigentlich noch Glück im Unglück gehabt“, sagt der für den Standort Münchehagen zuständige Abteilungsleiter Erhard Edom aus dem niedersächischen Umweltministerium, wenn er über die frühere Giftmüllkippe spricht.

Edom verweist auf die mehrere Hundert Meter mächtige Ton- und Schluffsteinformation mit noch einmal drei bis acht Metern Geschiebelehm, auf der der zum Teil hochgiftige Stoffcocktail liegt. Die frühere Tongrube sei so gut wie kaum ein anderer Standort für eine Sonderabfalldeponie geeignet gewesen. „Die Lehmschichten absorbieren schnell.“

Rückblende: Nachdem die Deponie 1968 von der Firma „Börstinghaus & Stenzel“ eingerichtet worden war, dauerte es nur rund vier Jahre bis zu den ersten Umweltskandalen: Belastetes Niederschlagswasser, das die Firma von der Deponie in das nahe Flüsschen Ils leitete, sorgte für ein Fischsterben. Autoreifen brannten samt Deponie tagelang, der giftige Staub wehte bis in die angrenzenden Dörfer. Die ersten Versuche der Stadt Rehburg-Loccum, die Deponie per Gericht zu schließen, blieben erfolglos.

Nachts fuhren ungezählte Lastwagen mit giftiger Fracht vor dem Tor vor. Rund 56 000 Kubikmeter an flüssigen und pastösen Industrieabfällen verschwanden in 25 offenen, etwa fünf bis sechs Meter tiefen Gruben. Das Sickerwasser verrieselte im nahe gelegenen Wald.

„Fatal“, nennt heute Uwe Kallert, im niedersächsischen Umweltministerium unter anderem für Münchehagen zuständig, die Weise, wie damals eingelagert wurde. Sorglos und von kaum einem Sonderabfallgesetz behindert – die entsprechende Gesetzgebung kam erst 1973 – kippten zum Beispiel Mitarbeiter das flüssige Altöl in die Grube und reicherten es erst dann ein wenig mit Sand an.
1973 übernahm die Gesellschaft für Sonderabfallbeseitigung Münchehagen GmbH und Co. KG (GSM) vier weitere, jeweils 25 Meter tiefe Gruben östlich der Altdeponie. Zehn Jahre lang wurden die Polder I bis III mit rund 350 000 Kubikmetern vorwiegend festen Abfällen verfüllt.

Der Betrieb verlief deshalb nicht weniger reibungslos: 1979/80 platzt bei vielen Bäumen im benachbarten Lusenkamp die Rinde großflächig ab. Den Anwohnern rund um die Deponie platzte der Kragen, sie befürchten gesundheitliche Auswirkungen. Von den 88 Polizeibeamten, die die stacheldrahtgesicherte Altlast zwischendurch bewachen mussten, meldeten sich 13 wegen Augenrötungen, Kopfschmerzen und Übelkeit krank.

„Jetzt wird bekannt, worauf wir schon seit Jahren hingewiesen haben“, meinte damals der Sprecher der Bürgerinitiative, Heinrich Bredemeier. „Kopfschmerzen und andere Beschwerden gehören für die Menschen in der Nachbarschaft seit den siebziger Jahren zum Alltag.“ Das niedersächsische Innenministerium führte die Beschwerden der Polizisten auf psychologische Gründe zurück.

Vor dem Münchehagen-Untersuchungsausschuss verglich der Landwirtschaftsminister Gerhard Glup (CDU) die Deponie mit einem Kuhfladen: „Solange man nicht reintritt, passiert auch nichts.“
Zu keiner Zeit, so versicherte Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), sei ein Anwohner gefährdet gewesen. Zwei Tage später verlor ein Arbeiter auf der Deponie für 24 Stunden seinen Geruchssinn. Gerhard Glup besuchte die Deponie und stellte nach kurzem Aufenthalt fest: „Auf dem Gelände riecht es nicht nach Dioxin.“ Den von der SPD geforderten Rücktritt des Ministers wehrte die Landtagsmehrheit ab.
Im Boden tickte eine Zeitbombe: Die Sonderabfalldeponie Münchehagen wurde zwar vor 30 Jahren geschlossen, aber dicht war sie deshalb noch lange nicht.

„Münchehagen“ als Synonym für Giftmüll – diese Stimmung erreichte im April 1983 einen ersten Höhepunkt, als die 41 verschwundenen Dioxin-Fässer aus Seveso auf der Deponie vermutet wurden. Im norditalienischen Städtchen hatte es 1976 einen Chemie-Unfall gegeben, bei dem eine bis heute unbekannte Menge des hochgiftigen Dioxins freigesetzt wurde. Die Mitgliederzahlen der Bürgerinitiative wuchsen schlagartig an. „Es kamen so viele, dass wir das Eingangstor blockieren konnten“, erinnerte sich Bredemeier später in der Wochenzeitung „Zeit“.

Die Stadt Rehburg-Loccum erreichte die Schließung der Deponie vor dem Oberverwaltungsgericht, für den Aushub weiterer Polder hatte der Landkreis Nienburg überhaupt kein Planfeststellungsverfahren eingeleitet. Mit der lakonischen Feststellung, dass mit der Deponie „kein Geld mehr zu verdienen“ sei, meldete die Betreibergesellschaft GSM 1985 Konkurs an. Sie hinterließ nicht nur Tonnen von Sondermüll, sondern auch eine Bürgschaft von 400 000 Mark. Wegen der fehlerhaften Genehmigung forderte die Betreibergesellschaft – eine Tochterfirma der Rüttgers AG – 1,8 Millionen Mark vom Land Niedersachsen.
Weltweit bekannt war die Giftmülldeponie Münchehagen ohnehin schon, als 1985 auch noch ein trauriger Weltrekord hinzu kommt: In einer ölschlierigen Wasserprobe wurde die bis dahin weltweit höchste gemessene Dioxinkonzentration (1,125 mg TE/kg) festgestellt.

Das hielt die Regierung Albrecht nicht davon ab, 1988 die Weiternutzung der Skandalkippe zu erwägen. Die Stadt Rehburg-Loccum zog vor Gericht, um die völlige Beseitigung der Giftmüll-Deponie zu erreichen.
Im selben Jahr trat giftiges Gas aus der Deponie aus. Zwei Arbeiter mussten in Behandlung. Atemschutzgeräte waren fortan vorgeschrieben.

Die Bürgerinitiative Münchehagen stellte im Februar Strafanzeige gegen Beamte wegen der „verseuchten Deponie“. Die Behörden warben in den Orten im Umkreis der Deponie vergeblich um Vertrauen in der Bevölkerung. Einige Fässer aus Münchehagen enthalten giftiges Öl-Wasser-Gemisch und das Seveso-Gift Dioxin. Nachdem einer der Giftsucher selbst vergiftet worden war, wurden die weiteren Arbeiten eingestellt.

Aufgrund der verfahrenen Situation zwischen der „Betroffenenallianz“ und den Fach- und Genehmigungsbehörden setzte die damals neue rot-grüne niedersächsische Landesregierung von 1990 an erstmals das „Umwelt-Mediationsverfahren“ ein. Die Akademie in Loccum iniierte dies nach amerikanischem Vorbild, was unter der Leitung eines neutralen Mediators innerhalb einiger Jahre zu einem konstruktiven Umgang mit dem Konflikt führte.

1997 beschloss die niedersächsische Landesregierung, die Deponie zu sanieren, sie seitlich und von oben einzukapseln. Die Voruntersuchungen hatten ergeben, dass Stoffe über den Grundwasserpfad in das Deponieumfeld gelangten. Darüber hinaus entwichen die im Deponiekörper entstehenden Gase in die Atmosphäre.

1999 schloss das Land mit den Gemeinden und den Anwohnern einen Vertrag über ein gemeinsames Kontrollgremium, das die Sanierung und die Auswertung der Messergebnisse überwacht. Seit einigen Jahren treten aus dem eingekapselten Deponiekörper keine Schadstoffe mehr aus. Die NGS ist bestrebt, die Anlage in den „passiven Betrieb“ zu bringen, überflüssige Anlagen auf dem Gelände zurückzubauen und – so weit es geht – Wald weiter „auszuzäunen“. Dennoch bleibt nach 30 Jahren – eine Generation später – die bittere Bilanz: Geld in dreistelliger Millionenhöhe musste in die Sicherung der Altdeponie fließen, auf 400.000 Euro jährlich werden die Kosten für die Mess- und Überwachungsprogramme beziffert.

Die Debatten um die Sanierung der Sondermülldeponie im niedersächsischen Landtag und das Sicherungskonzept sind im Dokumentationssystem Niedersachsen (NILAS) im Internet unter www.nilas.niedersachsen.de zu finden.

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