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„Das geht an die Substanz“

Thema des Tages zur Brandserie in Stadthagen „Das geht an die Substanz“

An ruhigen Schlaf ist derzeit nicht zu denken: Die aktuelle Brandserie in Stadthagen verlangt den
ehrenamtlichen Einsatzkräften jede Menge ab. Oft gehen sie bis an die körperlichen Grenzen.

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Voller Körpereinsatz: Die Stadthäger Feuerwehr kämpft „bis zum Umfallen“ gegen die Flammen. Die hohe Zahl der Einsätze in kurzer Zeit geht an die Substanz. 

Quelle: rg

Von Katharina Grimpe

Den Autoschlüssel und die Stempelkarte für ihre Arbeitsstelle hat sie immer in der Tasche, der Blick geht immer wieder zum Pieper am Rock: Ruth Kolodziej ist darauf vorbereitet, dass es jeden Moment wieder losgehen kann, dass sie von einer Minute auf die andere von ihrem Schreibtisch aufspringen und zur Feuerwache eilen muss. Die aktuelle Brandserie in Stadthagen verlangt der 20-Jährigen und ihren Kameraden von der Stadthäger Feuerwehr so einiges ab.

„Es ist eine angespannte Situation, die an die Substanz geht“, erklärt Ortsbrandmeister Rainer Pflugradt. Seit einem Monat müssen sich die ehrenamtlichen Feuerwehrleute mit den Bränden im Stadtgebiet auseinandersetzen, müssen zusätzlich zum normalen Einsatzgeschehen zu jeder Tages- und Nachtzeit ausrücken – meist auf Kosten von Beruf und Privatleben. „Wir sind es gewohnt, mitten in der Nacht aus dem Bett zu springen, aber diese Zeit ist belastender als sonst,“ beschreibt der Brandschützer. Während seine Leute beispielsweise bei einem Fehlalarm nach 30 Minuten wieder ins Bett oder an den Arbeitsplatz zurückkehren könnten, seien sie derzeit meist stundenlang im Einsatz und würden dabei bis an die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit gehen.

Vor allem der Wochenbeginn habe es in sich gehabt: Innerhalb von 30 Stunden mussten Pflugradt und sein Team drei Mal ausrücken und mit vollem Körpereinsatz gegen die Flammen vorgehen. „Wir haben gekämpft bis zum Umfallen“, sagt der Ortsbrandmeister mit Blick auf die Brände im Rottlokal der Jungen Bürger am Montagvormittag und im Schrebergarten am Nordwall Dienstagabend. Im ersten Fall sei die Gefahr sehr groß gewesen, dass das Feuer aufs angrenzende Wohnhaus übergeift, in der Gartenlaube haben gelagerte Gasflaschen den Brandschützern Kopfzerbrechen bereitet.

Sie sei erschöpft und habe Muskelkater, erklärt Ruth Kolodziej nach dem Einsatzmarathon von Montag und Dienstag. Ihren Tag Vorgestern fasst sie so zusammen: Die Nachricht vom ersten Brand erreicht sie vor der Bürotür, dann zurück zur Arbeit und versuchen, das Liegengebliebene aufzuholen, bis der Pieper das Feuer am Nordwall anzeigt. Stundenlang im Einsatz, gegen halb acht nach Hause, duschen und ins Bett. „Da läuft nicht viel mit Privatleben“, betont die Auszubildende.
Trotz des Adrenalins sei sie an diesem Tag an die Grenzen des körperlich Machbaren gekommen. „Ich war jetzt mehrmals ganz vorne mit dabei und am Dienstagabend dann so kaputt, dass mein Gruppenführer mir helfen musste, die Gurte des Atemschutzgerätes zu lösen.“

Löschen unter Atemschutz mit den schweren Atemluft-Flaschen auf dem Rücken, meterweise Schläuche ziehen, um in kurzer Zeit die Wasserversorgung aufzubauen: „So ein Einsatz geht richtig an die Knochen“, weiß auch Feuerwehrmann Christian Tietz. Vor allem, wenn das nicht der Einzelfall, sondern wie im Moment die Regel sei.

Zusätzlich zur körperlichen Anstrengung kommt die Ungewissheit, was der nächste Alarm mit sich bringt. „Man macht sich schon Gedanken, ob man schnell genug am Einsatzort ist, ob man das Feuer in den Griff bekommt und ob Menschen verletzt werden“, sagt der 31-Jährige. Es sei bisher viel Glück im Spiel gewesen, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Die Gespräche mit den Kameraden nach den Einsätzen würden helfen, das Erlebte zu verarbeiten. „Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft und können uns immer aufeinander verlassen. Das gegenseitige Vertrauen im Einsatz ist groß“, schildert der Feuerwehrmann. In Sachen Privatleben leide der Bauzeichner nicht so sehr wie andere Kameraden: „Meine Freundin ist auch bei der Feuerwehr. Das passt schon.“

Schwerer haben es junge Familienväter wie Waldemar Skowranek. Der Stadthäger hat eine sieben Monate alte Tochter. „Die sieht ihren Papa momentan fast gar nicht mehr“, sagt Skowranek (39) selbst.
Familienleben und Beruf mit der Einsatzintensität der vergangenen Wochen unter einen Hut zu bringen, sei sehr schwer. Sein Vorgesetzter und seine Kollegen bei Faurecia seien glücklicherweise sehr verständnisvoll – noch, meint der Brandschützer. So sei gut nachzuvollziehen, wenn den Arbeitgebern der Geduldsfaden reißt, sollte es so weitergehen. Den Arbeitgebern gelte großer Dank, betont auch Pflugradt. Bisher habe es durch die häufigen Einsätze bei keinem Kameraden Probleme auf der Arbeitsstelle gegeben. „Das ist sehr hoch anzurechnen.“

Auch über den Zuspruch der Bevölkerung freuen sich die Feuerwehrleute. „Da wird uns Mineralwasser an die Einsatzstelle gebracht. Solche kleinen Gesten nehmen wir dankbar an“, sagt der Ortsbrandmeister, der nichts als lobende Worte für seine Leute hat: „Was die leisten ist mehr als anerkennenswert. Ob Mann oder Frau, alle packen mit an und arbeiten bis zur Erschöpfung.“ Umso größer sei die Sorge, dass es nicht wie bisher ohne Verletzten weitergeht. „Ich hoffe, dass ich immer alle wieder heil mit nach Hause bringe“, betont Pflugradt. Sollte es weiterhin so oft brennen, sei es eine Frage der Zeit, bis jemand zu Schaden kommt.

Im Interview: Psychiater Andreas Tänzer über Motive von Brandstiftern

Welche Motive stecken generell hinter Brandstiftungen?
Ein Großteil der Brandstiftungen ist kriminell motiviert, etwa durch Versicherungsbetrug oder Verdeckung einer anderen Straftat. Pathologisch motivierte Brandstiftungen können in Zusammenhang stehen mit Geltungsbedürfnissen, Faszination gegenüber der Zerstörungsmacht des Feuers, aber auch mit Frustration, Wut und Kränkungserlebnissen.

Wie sieht das Krankheitsbild eines psychiatrischen Brandstifters aus?
Brandstiftungen, bei denen psychische Auffälligkeiten eine Rolle spielen, liegen sehr unterschiedliche psychiatrische Krankheitsbilder zugrunde. Die größte Gruppe sind Persönlichkeitsstörungen, zumeist mit selbstunsicheren Zügen. Es handelt sich dann oft um schüchtern-gehemmte jüngere Männer mit geringen Konfliktlösungsfähigkeiten und kommunikativen Kompetenzen.
Häufiger spielt eine niedrige Intelligenz oder Intelligenzminderung sowie Probleme in Partnerschaft, sozialer Bindung und Integration in das Berufsleben eine wesentliche Rolle. Etwa die Hälfte der Täter hat ein Suchtmittelproblem, zumeist als Alkoholmissbrauch. Eine weitere Gruppe von Tätern zeigt eher ein hohes Geltungsbedürfnis beziehungsweise narzisstische Züge.
 

Was treibt krankhafte Brandstifter an, immer wieder Feuer zu legen?
Der größte Teil dieser Täter baut durch die Brandstiftungen (negative) innere Spannung, Frustration, Ohnmachtsgefühle und Aggressionen ab. Für eine andere Gruppe bedeutet Feuer einen Stimulus, sie bauen also durch ihre Taten positive Spannung und Erregung auf, genießen die Faszination des Feuers und die Aufmerksamkeit für ihre spektakulären Taten sowie oft auch den anschließenden Löschvorgang.
Beide innerseelischen Vorgänge stehen im Dienst der Spannungs- Emotions- und Selbstwertregulation. Die Täter inszenieren durch ihre Taten ihre inneren Konflikte, manchmal im Sinne eines indirekten Hilferufes. Dahinter steht sehr oft eine tiefer reichende Lebenskrise mit sozialem Rückzug beziehungsweise fehlenden sozialen Bindungen, verstärkt noch durch Suchtprobleme.

Welche Rolle spielen sexuelle Motive?
Sexuelle Erregung bis hin zu Selbstbefriedigung und Erreichen eines sexuellen Höhepunktes durch die Betrachtung des Szenarios prägt nur in ganz seltenen Fällen die innere Deliktdynamik.

Können krankhafte Brandstifter geheilt werden?
Mit therapeutischen Maßnahmen, die auf die Verbesserung der Kommunikations- und Konfliktfähigkeit sowie eine bessere soziale und berufliche Integration zielen, können die meisten dieser Täter wirksame Hilfe erhalten. Wenn die Betroffenen therapeutische Unterstützung annehmen, sind Rückfalldelikte selten. Es müssen auch die Suchtmittelprobleme einbezogen werden. Jugendliche Brandstifter hören zumeist auch ohne Therapie mit ihren Taten auf, sobald sie den kritischen Lebensabschnitt hinter sich gelassen haben und sich ins Erwachsenenleben integrieren können.

Interview: Katharina Grimpe

  • Andreas Tänzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie forensischer Psychiater an der Psychiatrie Wunstorf. Als Chefarzt leitet er die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, in der psychisch kranke Rechtsbrecher, die schuldgemindert oder schuldunfähig eine Straftat begangen haben und gerichtlich in den Maßregelvollzug eingewiesen werden, behandelt werden. Etwa bei zehn Prozent seiner Patienten liegt als Einweisungsdelikt eine Brandstiftung zugrunde.
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