Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Thema des Tages Die Angst bleibt
Thema Specials T Thema des Tages Die Angst bleibt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 12.06.2014
Anfang der Achtziger protestieren immer mehr Bürger gegen das achtlose Entsorgen der Giftabfälle in Münchehagen. Quelle: Archiv

Früher haben wir hier gebadet“, sagt ein älterer Herr während des Tages der offenen Tür auf der Sonderabfalldeponie (SAD) Münchehagen. „Damals war hier noch eine Tongrube.“ Heutzutage lagern auf dem Areal 450 000 Kubikmeter Sonderabfall, darunter Dioxine in Höchstkonzentrationen unter einer Oberflächenabdichtung. Zu der Zeit, als er jung war, sah das noch ganz anders aus. Erst im Jahr 1968 wurde das Gebiet in Münchehagen an die Herren Börstinghaus und Stenzel veräußert, die dort mineralölhaltige Abfälle einlagern wollten.
Was tatsächlich dort hingekippt wurde, ist bis heute nicht bis ins letzte Detail bekannt. Die Eigentümer argumentierten, dass es der Ton im Erdreich als undurchlässige Schicht erlauben würde, Sonderabfall zu lagern. Dass diese Behauptung nicht gänzlich der Wahrheit entsprach, ist eine der schlimmen Erfahrungen, die die Menschen der Umgebung in den Folgejahren machen mussten. Und als im Jahr 1972 im benachbarten kleinen Gewässer Ils die Fische mit den Bäuchen nach oben trieben und zwei Jahre darauf auch ein Waldsterben in Sichtweite begann, während zeitgleich die neu gegründete Firma GSM als neuer Betreiber eine Erweiterung der Deponie auf 67 Hektar plante, wurden die Bürger hellhörig.
Bis zur Stilllegung im Jahr 1983 wurden noch vier Großpolder von jeweils 25 Metern Tiefe ausgehoben, die dann schließlich die Gesamtmenge von 450 000 Kubikmetern Sondermüll unterschiedlicher Art fassten. In der Zwischenzeit protestierten immer mehr Bürger gegen das, was ihnen tote Fische und Bäume bescherte, was teilweise zum Himmel stank und von dem sie überzeugt waren, dass es auch für Menschen nicht gesund sein könne.
Wolfgang Völkel ist einer derjenigen, die seinerzeit vor dem Tor standen und gegen die SAD protestierten. An die Presseerklärung, die er mitgebracht hat zum Tag der offenen Tür, hat er auch alte Zeitungsartikel angeheftet. Ein Foto zeigt junge Menschen bei der Blockade der Deponie. „Die Deponie bleibt geschlossen“ und „Hier ist nicht nur Dioxin tödlich“ haben die Demonstranten auf Bettlaken geschrieben, die an der symbolischen Absperrung hängen.
Die Pressemitteilung hat Völkel im Namen des Rehburg-Loccumer Ortsverbandes von Bündnis 90/Die Grünen mitgebracht – und auch im Namen der Bürgerinitiative „Rehburg-Loccumer Bürger gegen Giftmüll“. „Eigentlich war unser Ziel, dass der Dreck hier weg kommt“, bekräftigt Völkel noch einmal. Das ist nicht gelungen.
Weite Grünflächen, kleine Teiche und Wäldchen an den Rändern des 67 Hektar großen Geländes der SAD können fast darüber hinweg täuschen, dass dieses Fleckchen einmal zum Brennpunkt in Deutschland wurde und der Name Münchehagen sogar an erster Stelle in der Tagesschau fiel. Abgesichert ist die „Altlast Münchehagen“ seit der Jahrtausendwende durch eine Dichtwand, die 30 Meter tief in die Erde reicht, und eine Art Deckel. Heute ist auf dem Gelände nur noch ein grüner Hügel zu sehen. Und die vielen Messstationen, die überall aus dem Boden ragen und die kontrollieren, ob die Sicherungsmaßnahmen auch wirklich sicher sind.
Momentan scheint das so zu sein. Doch ob es das bleibt, kann keiner auf Dauer voraussagen. Das hat auch das Bewertungsgremium aus drei Gutachtern in seinem jüngsten Statusbericht von 2013 wieder einmal mitgeteilt. Dieses Gremium wurde 1999 innerhalb des Mediationsprozesses einberufen, der 1990 begann und der eine Verständigung zwischen den betroffenen Parteien herbeiführen und außerdem nach gangbaren Lösungen für die Problematik suchen sollte.
Christian Poggendorf als Gutachter für das Land Niedersachsen, Frank Schmidt als Gutachter für die Stadt Rehburg-Loccum und Meinfried Striegnitz als Vorsitzender, der bereits das Mediationsverfahren leitete, sind auch heute noch die Mitglieder dieses Gremiums. Ihre Aufgabe ist es, das Monitoring-System fortlaufend zu beurteilen und Empfehlungen für die Weiterentwicklung abzugeben.
Das Fazit ihres jüngsten Statusberichts: Die Experten gehen davon aus, noch über Jahrzehnte mehr als nur ein wachsames Auge auf die Deponie werfen zu müssen. Diese ist zwar seitlich und von oben von der Umwelt abgekoppelt. Im unteren Bereich jedoch – in 30 Metern Tiefe – liegt der Boden frei. In jedem der Berichte des Gremiums ist bisher von korrespondierenden Wasserständen – also zwischen dem Bereich inner- und außerhalb der Deponie – die Rede gewesen. Dadurch könnten eines Tages Giftstoffe aus diesem unteren Bereich der Deponie austreten und die Umwelt erneut verseuchen, befürchten die Gutachter. Allerdings, so wendet das Gremium stets ein, würden diese Prozesse sehr langsam ablaufen, so dass im schlimmsten Fall immer noch genügend Zeit bleibe, um weitergehende Maßnahmen zu treffen. Die Deponie sei also trotzdem sicher.
Diese Botschaft hat Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel mit der Übergabe des Berichtes im Februar 2014 aufgenommen. Und sagte daraufhin zu, dass der 2016 auslaufende Vertrag zwischen Land und den Anrainer-Kommunen sowie Anliegern verlängert wird. Im Vertrag ist unter anderem geregelt, dass das gemeinsame Kontrollgremium die Sanierung und Auswertung der Messergebnisse überwacht.
Das Misstrauen hat sich auch mehr als zehn Jahre nach der Sicherung der Altlast in der Bevölkerung nicht gelegt. Viele Besucher des Aktionstages auf der Deponie gehörten wie Wolfgang Völkel zu den Aktivisten gegen die Giftmülleinlagerung. Zum Beispiel Annekatrein Kleine aus dem nicht weit entfernten Winzlar, deren Tochter gerade geboren war, als die ersten Schreckens-Meldungen aus Münchehagen kamen. Jahre später – ihre Tochter war schon zwölf Jahre alt – stand sie demonstrierend vor dem Tor des Loccumer Klosters. Gerhard Schröder, der zum Neujahrsempfang der Landeskirche dorthin kam, wollte sie mit ihren Transparenten auf die Problematik aufmerksam machen.
Hautnah erlebt hat auch Dieter Hüsemann, ehemaliger Bürgermeister von Rehburg-Loccum, die Geschichte der Altlast, wenn auch erst ab 1989. Damals wurde er Stadtdirektor Rehburg-Loccums – und wusste kurz nach Amtsantritt kaum wie ihm geschah, als er sich zum Giftmüll äußern sollte. Ahnung hat er schnell von der Angelegenheit bekommen und schon 2001, als das Land mit einer Einweihung auf der Deponie den Abschluss der Sicherungsmaßnahmen feierte, gemahnt, statt in die allgemeine Freude einzustimmen. Er betrachtet die Maßnahmen auf dem Gelände keineswegs als abgeschlossen. ade, jpw

Dienst mit tödlichen Folgen

Längst nicht vergessen hat der pensionierte Polizeibeamte Udo Mirsch seinen mehrwöchigen Dienst auf der Deponie in Münchehagen. Vor mehr als 30 Jahren hatte er den Auftrag, zusammen mit seiner Gruppe Kamera- und Videotechnik auf der Deponie zu installieren. Seit 2006 ist Mirsch an Alzheimer erkrankt. Er weiß, dass er den direkten Bezug seiner Krankheit zur Kippe nicht wird nachweisen können. Mirsch fühlt sich dennoch „vom Staat verheizt“.
Er und die anderen 87 Polizisten mussten auf ausdrücklichen Befehl der Vorgesetzten ungeschützt Dienst tun, als Wissenschaftler sich der Kippe nur noch in Ganzkörperanzug mit Maske näherten. Besonders wütend ist er darüber, dass „uns gesagt wurde, dort ist kein Dioxin“.
Die Geschichte von Mirschs Kollegen Joachim Blümel, der 1986 kurz nach dem Einsatz auf der Deponie im Mindener Krankenhaus starb, machte damals bundesweit Schlagzeilen. Blümel hatte einen Cocktail von polychlorierten Biphenylen, Dibenzodioxinen und -furanen im Blut. Gutachter wiesen vergeblich auf verstärkende Wirkungen der hochtoxischen Substanzen hin.
„Platzende rote Blutkörperchen“ führten zum Tod des jungen und austrainierten Polizisten, trotzdem wurde ihm ein natürlicher Tod bescheinigt. Auch der damalige Chef der Polizeigewerkschaft Horst-Udo Ahlers – er hatte sich energisch für einen Schutz der diensthabenden Beamten eingesetzt – ist heute noch fassungslos über einige der damaligen Vorgesetzen. jpw

Münchehagen als Synonym für Giftmüll

Tausende von Tonnen hochgiftiger Müll und Dioxine lagern auf der Sonderabfalldeponie in Münchehagen, die 1968 von der Firma „Börstinghaus & Stenzel“ eingerichtet wurde. Anfang der Siebziger kam es zu den ersten Umweltskandalen, die Versuche der Stadt Rehburg-Loccum, die Deponie per Gericht zu schließen, blieben aber erfolglos. 1973 erweiterte die Gesellschaft für Sonderabfallbeseitigung Münchehagen GmbH und Co. KG (GSM) das Areal, und der Bürgerprotest gegen die Giftmüllkippe formiert sich weiter. Ein Untersuchungsausschuss des Landtages wird eingerichtet. Die Sorge vor Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit erreichte im April 1983 den Höhepunkt, als die 41 verschwundenen Dioxin-Fässer aus dem italienischen Seveso auf der Deponie vermutet wurden. Die Mitgliederzahlen der Bürgerinitiative wuchsen schlagartig an. Die Stadt Rehburg-Loccum erreichte die Schließung der Deponie vor dem Oberverwaltungsgericht, 1985 meldete die Betreibergesellschaft GSM Konkurs an. Im selben Jahr wurde in einer ölschlierigen Wasserprobe die bis dahin weltweit höchste gemessene Dioxinkonzentration (1,125 mg TE/kg) festgestellt. 1997 beschloss die niedersächsische Landesregierung, die Deponie zu sanieren. Die Sicherung der Altlast wurde 2001 abgeschlossen. kcg