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Die Rockerin

Landkreis / Katja Keul Die Rockerin

Katja Keul will für die Grünen in den Bundestag einziehen. Die gebürtige Berlinerin mit niedersächsischen Wurzeln und einem Faible für Rock kam als Quereinsteigerin zur Politik.

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Von Bückeburg nach Asien

Früher war sie Rockerin – heute vertritt Katja Keul Schaumburg im Bundestag.

Quelle: fwi

Von Axel Wagner

Landkreis. Ob hier früher schon Politik gemacht wurde, ist nicht bekannt. In jedem Fall aber war das Haus in Marklohe bei Nienburg, in dem Katja Keul heute mit Mann, Kindern und Katze lebt, früher eine Dorfgaststätte, die Keuls Familie gehörte. Hier traf sich die Dorfgemeinschaft zum Klönen. Die Theke steht heute in einem benachbarten Keller, die Schanklizenz gilt immer noch.

250 Jahre ist das Gebäude inzwischen alt, die benachbarte romanische Kirche kommt auf 1000 Jahre. Vor vier Jahren hat Keul das Haus übernommen und mit ihrer Familie saniert. Ihre Kanzlei hatte die Rechtsanwältin dort schon im Jahr 2000 eingerichtet. Geboren wurde die Grünen-Kandidatin zwar in Berlin, ihre Wurzeln liegen jedoch in Heidelberg und Niedersachsen. Mit 17 Jahren kam sie hierher, nach einem Jahr als Austauschschülerin in Jacksonville im US-Bundesstaat Florida. „Ich war 16, als meine Eltern von Genf zurück nach Deutschland zogen“, erinnert sich die 43-Jährige an den Aufbruch. Da hatte sie schon einige Reisen hinter sich.

Keuls Vater hatte seine Frau, die aus Heidelberg stammt, während des Studiums in Berlin kennengelernt. 1969 kam Katja Keul zur Welt. „1972 sind wir dann nach Algerien gezogen“, erzählt sie. Dort leistete ihr Vater Dienst in der Entwicklungshilfe, arbeitete als Mathematiklehrer. „Damals war Algerien ein Land im Aufbruch, man konnte sich dort frei bewegen“, so Keul. Hier lernte sie auch zum ersten Mal Französisch. Mit dem Campingbus ging es quer durch die Sahara.
Kulturschock bei der Rückkehr
1975 kam Keuls Schwester zur Welt. Die Familie kehrte zurück nach Deutschland, ins nordrhein-westfälische Höxter. Sechs Jahre später stand erneut ein Umzug an, diesmal in die Schweiz, nach Genf. Dort lehrte Keuls Vater an einer deutschen Auslandsschule. In dieser Zeit lernt Katja Keul zum zweiten Mal Französisch. Die Sprache, die sie in ihrer Kindheit schon einmal fließend sprechen konnte, hatte sie komplett verlernt. Im letzten Jahr machte sie ihren Abschluss auf dem Collège. 1986 wollen die Eltern wieder zurück nach Deutschland – Keul nicht. Sie entschied sich für den Schüleraustausch und ging für ein Jahr in die USA. Dort machte die 16-Jährige den Highschool-Abschluss. Sie sei dort außergewöhnlich gut aufgenommen worden, erinnert sie sich, der Kontakt mit den Gasteltern besteht bis heute. „Wenn ich ein bisschen älter gewesen wäre als 16, dann wäre ich dort nicht mehr weggegangen.“

Denn anders als in Deutschland ist das Leben in den USA für eine 16-Jährige mit vielen Einschränkungen verbunden. Ein Beispiel: Während man hierzulande mit 16 schon in der Kneipe ein Bier trinken darf, ist das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erst mit 21 Jahren möglich. Entsprechend groß war der – allerdings positive – Kulturschock, den Keul erlebte, als sie von der amerikanischen Groß- in die deutsche Kleinstadt zog: viel mehr Bewegungsfreiheit. Und noch einen Unterschied hat Keul bemerkt: US-Jugendliche, sagt sie, seien aus hiesiger Sicht extremer als ihre deutschen Altersgenossen. Soll heißen: Sie schlagen entweder gar nicht oder vollkommen über die Stränge.

Zwei Jahre Schule standen in Nienburg noch an, die Klassen 12 und 13. Das war nicht anders möglich. Danach meldete sich Keul in Heidelberg zum Studium der Rechtswissenschaften an. Das erste Staatsexamen legte sie im Juni 1994 ab. „Dann wusste ich erst einmal gar nicht, wie es weitergeht, weiter in den Süden oder was?“ An der Schweizer Grenze hätte sie arbeiten können, sie entschied sich aber für Brandenburg. Wohnung in Berlin-Friedrichshain, Referendariat in Frankfurt an der Oder.

Zu dieser Zeit, sagt Keul, habe sie noch das alte Ostberlin erleben können. „Damals war das noch ohne Infrastruktur.“ Telefonanschluss im Haus oder gar in der Wohnung? Fehlanzeige. An Mobiltelefone war noch nicht zu denken. Die ersten Geräte, riesig und teuer, kamen erst später auf den Markt. Um telefonieren zu können, musste man eine der wenigen Telefonzellen aufsuchen, immer in der Hoffnung, dass die Zelle gerade mal frei ist. Mit ihrem heutigen Mann zu telefonieren, den sie damals gerade in Nienburg kennengelernt hatte, das war da eine echte Herausforderung.

Im Januar 1996 zog Keul zurück in den Kreis Nienburg, im März kam ihre Tochter zur Welt. 13 Jahre lang lebte die Familie, zu der heute außer der Tochter auch zwei 14 und neun Jahre alte Söhne gehören, in Penningsehl, rund zwölf Kilometer von Marklohe entfernt. Damals wurde sie auch Mitglied der Grünen, trat aber 1999 wieder aus, weil sie den Beschluss, Serbien ohne UN-Mandat anzugreifen, nicht mittragen konnte.
Eine Rockerin im Bundestag
Am Tag des Interviews hat sich Keul eine Stunde geblockt – für’s Freibad. Sie will noch die letzten Sommertage genießen. Die wenige Zeit, die sie für sich hat, genießt sie. Dann sitzt die Familie auch gerne mal am großen Gartentisch und spielt Karten. „Da schaue ich schon, dass wir dann auch mal was zusammen machen.“

Früher hatte Keul noch mehr Zeit für Hobbys. Da spielte sie zehn Jahre lang Musik in einer Band – Rockmusik in einer siebenköpfigen Frauenband, die allerdings ganz ohne Röcke auskam. Entstanden war die Band aus einem Workshop des Landes Niedersachsen heraus. Zum Repertoire gehörten Coversongs, aber auch eigene Titel. Doch die Band ging auseinander, und um neue, eigene Musikprojekte anzuschieben, fehlte die Zeit, erinnert sich Keul. Ab und zu spielt sie noch Tennis, „aber auch eher sporadisch“. Auch für die Kultur bleibt nicht viel Zeit übrig. „Wenn ich mal einen Abend Luft habe, sitze ich auch mal gerne auf dem Sofa.“

2005 kehrte die Markloherin zu den Grünen zurück und stieg schnell auf. Als Quereinsteigerin schaffte sie es 2009 in den Bundestag. Dieses Tempo führt Keul auf den Drang der Grünen zurück, neue Gesichter an die Spitze zu bringen. Für die Kandidatur musste sie sich 2008 in Wolfsburg einem Redewettbewerb stellen, jeder Anwärter bekam zehn Minuten. Die Rede kann noch heute auf ihrer Internetseite nachgelesen werden. Nach der Listenaufstellung hatte sie noch zehn Monate Zeit, um den Wahlkampf zu organisieren und die Zukunft ihrer Kanzlei zu regeln. Nach der Wahl ging es in Windeseile weiter. „Ich habe wahnsinnig viel gelernt“, sagt Keul, auch wenn das erste Jahr „komplett Land unter“ war.

Wie die Wahl am 22. September ausgeht, darauf will sich Keul – wie alle Bundestagskandidaten aus dem Wahlkreis – nicht festlegen. Sie hofft jedoch, dass es für Rot-Grün doch noch reicht.

Fünf Fragen an Katja Keul

  •  Wo ist Ihr Lieblingsplatz in Schaumburg? Die Meeresblickstraße in Wölpinghausen mit ihrem herrlichen Ausblick.
  • Was ist Ihr Leibgericht? Selbst gemachte niedersächsische Hochzeitssuppe.
  • Mit welcher Person der Geschichte hätten Sie sich gerne einmal getroffen, und warum? Sophie Scholl, weil sie so mutig war, zu tun, was sie für nötig befand.
  • Welches Buch liegt zurzeit bei Ihnen auf dem Nachttisch? Hauke Friedrich: „Bombengeschäfte – Tod made in Germany“.
  • Theater oder Kino? Theater.

Zur Person

  • Geburtstag: 30. November 1969
  • Geburtsort: Berlin
  • Sternzeichen: Schütze
  • Beruf, Ausbildung: Rechtsanwältin
  • Konfession: Keine
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