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Thema des Tages Die wilden Schafe vom Mittelmeer
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00:16 04.12.2013
Wenn im Winter die Nahrung auf dem Bückeberg knapp wird, wagen sich die Mufflon-Herden aus dem schützenden Wald auf die nahegelegenen Felder. Quelle: rg
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Von Oliver Nowak

Wer im Winter am Fuße des Bückeberges spazieren geht, kann Glück haben und eine Herde Mufflons beim Fressen am Waldrand entdecken. Die Wildschafe sind kleine Exoten. Lediglich 18 000 Exemplare kommen in Deutschland vor. In Niedersachsen leben die meisten Mufflons am Bückeberg. Schaumburg kann also zu Recht als Hochburg des Muffelwildes bezeichnet werden. Laut Schätzung von Lothar Seidel, Leiter des hiesigen Kreisforstamtes, gibt es zwischen 300 und 350 Tiere auf dem Höhenzug zwischen Stadthagen und dem Auetal.
Das Europäische Mufflon, die kleinste Wildschafart, war lange Zeit nur auf Korsika und Sardinien beheimatet. Heute ist das Muffelwild in ganz Europa verbreitet – wie schon vor rund 10 000 Jahren: Vor der jüngsten Eiszeit sollen die Wildschafe auch in Zentraleuropa und damit auch in Schaumburg heimisch gewesen sein. Und sind es heute wieder. Durch die erfolgreiche Ausbreitung der Tiere über mehrere Generationen hinweg gilt das Mufflon als heimisches Wildtier.
Muffelwild kann bis zu 1,20 Meter lang werden bei einer Schulterhöhe von 90 Zentimetern. Das Fell der Tiere ist bräunlich und – anders als beim Hausschaf – nicht kraus, sondern glatt. Die Widder haben schneckenförmig eingedrehte Hörner, die bis zu 80 Zentimeter lang werden können – bei Jägern eine beliebte Jagdtrophäe.
Aber wie kommen die seltenen Tiere nach Schaumburg? Zu verdanken ist die Ausbreitung der Wildschafe auf dem Bückeberg Fürst Adolf II. zu Schaumburg Lippe, der 1914 fünf Mufflon-Widder und neun Schafe im damaligen Fürstlichen Forstamt Bruchhof auswildern ließ. Seitdem wird die Population immer größer und gilt heute als größte in Niedersachen. Wurden in den fünfziger Jahren noch fünf Tiere von Jägern getötet, waren es im Jagdjahr 2011/2012 laut Landesjagdbericht bereits 101 Tiere. Zum Vergleich: In der Region Hannover wurden in diesem Zeitraum 51 Abschüsse des Wildschafes gezählt.
Außer in Schaumburg nimmt die Muffelwildpopulation in Niedersachsen seit 2008 ab. Grund dafür sind unter anderem der Wiedereinzug großer Raubtiere in Deutschland.

Luchs und Wolf als Fressfeinde
Luchs und Wolf sind bundesweit auf dem Vormarsch. „Der Luchs ist bis in den Harz vorgedrungen. Die Muffelwildpopulation ist dort drastisch zurückgegangen“, beschreibt Seidel. Einem Luchs habe das Mufflon nichts entgegenzusetzen. Selbst eine Flucht in felsigeres Gebiet biete keinen Schutz: Der Luchs ist im Gegensatz zum Wolf auch in bergigen Regionen ein schneller und effektiver Räuber. Ein Luchs soll bereits in den Deister hineingeschaut haben, meint Seidel.
Dort, wo sich der Luchs niederlässt, werden die Mufflonpopulationen über kurz oder lang aussterben, ist sich der Förster sicher. Vom Wolf gibt es in Schaumburg hingegen noch keine Spur.
Auch Seuchen wie die Blauzungenkrankheit, der Schmallenberg-Virus und die Moder-Hinke sorgen zusätzlich für einen deutlichen Rückgang der Mufflonzahlen. „Eventuell, aufgrund der isolierten Lage des Bückebergs ist die Blauzungenkrankheit bei unseren Mufflons nicht aufgetreten“, freut sich Seidel. Bei der Krankheit, die 2010 in Schaumburg einfiel, treten Missbildungen der Föten im Mutterleib auf. Nach der Geburt verenden die Lämmer an der Virusinfektion. Teilweise sind die Föten so schwer missgebildet, dass das Mutterschaf bei der Geburt ebenfalls stirbt.
Für Schafe sehr gefährlich ist auch die Moder-Hinke, die den Schaumburger Mufflons ebenfalls nichts anhaben konnte. Die Moder-Hinke ist eine bakterielle Erkrankung der Hufe, bei der sich Letztgenannte entzünden, bis sie abfallen. Die Tiere verhungern teilweise, weil sie sich nicht mehr bewegen können oder verenden an einer Blutvergiftung.
Um das Jahr 2005 trat der Schmallenberg-Virus im Schaumburger Land auf: Eine Virus-Erkrankung, die durch Insekten wie Mücken übertragen wird. Glücklicherweise sei es nie zu einem offenen Ausbruch unter den Mufflons gekommen, erklärt der Kreisforstamts-Chef. Allenfalls einzelne verendete Tiere seien aufgefunden worden. Zur Zeit des Schmallenberg-Virus seien die Abschusspläne nicht erhöht worden, um eine Gefährdung der Herden auszuschließen.

Große Population führt zu Schäden
Die große Population auf dem Bückeberg ist jedoch nicht in jeglicher Hinsicht erfreulich. Nach Auskunft Seidels frisst das Mufflon bevorzugt Gras. In großer Stückzahl beginnen die Tiere allerdings auch, die Rinde von jungen Bäumen zu schälen, die davon absterben. Dadurch sei auf dem Bückeberg eine leichte Zunahme der Schalschäden zu verzeichnen gewesen, erklärt Seidel. Zudem würden die Tiere auch auf den Äckern am Waldesrand zunehmend Schäden verursachen.
Die Wildschafe treten in Herden von drei bis zu 40 Schafen mit ihren Lämmern auf. Im Auetal sind schon Herden mit bis zu 100 Tieren beobachtet worden. Die Widder schließen sich den Herden nicht an. Sie bilden Widderrudel von drei bis zehn Tieren. Besonders betagte Widder sind oft auch Einzelgänger. Lediglich zur Paarungszeit nähern sie sich den Schafherden.
Wildunfälle mit Mufflons kommen so gut wie nie vor. Die Paarhufer meiden tunlichst asphaltierte Straßen und überqueren diese nur in Ausnahmefällen. Vor allem aber leben die Tiere sehr territorial. „Die Ausbreitung dauert Jahrzehnte“, sagt Lothar Seidel.
Doch ganz ungestört lebt das Mufflon nicht auf dem Bückeberg. Auch wenn dem Wildschaf dort keine natürlichen Feinde zu nahe kommen, stört der Mensch. „Es kommt häufig vor, dass Mountainbiker kreuz und quer über den Bückeberg fahren und das Mufflon aufschrecken“, beklagt sich Seidel.
Noch schlimmer seien aber wildernde Hunde. Hundebesitzer ließen ihre Tiere am Bückeberg gern von der Leine, obwohl dies untersagt ist. Vor allem im Frühjahr werden durch wildernde Hunde Mufflons gerissen. „Es ist ein regelmäßiges und wiederkehrendes Problem“, sagt der Förster. Töte ein Hund ein Wildschaf, erfülle das den Straftatbestand der Wilderei. Für den Hundebesitzer eventuell noch verheerender ist die Tatsache, dass einem Jäger der Abschuss eines freilaufenden Hundes erlaubt ist. Seidels Appell: Gassi gehen am Bückeberg nur mit angeleintem Hund.

Quelle: rg

Slow-Food: Mufflon selbst zubereiten

Mufflon geschmort oder gebraten probieren? „Viele Menschen trauen sich da nicht ran“, sagt Koch Rolf Parno vom Lüdersfelder Restaurant „Dicker Heinrich“. Mufflon-Fleisch à la carte anzubieten sei wegen der geringen Nachfrage nicht möglich, lediglich beim Wildbüfett komme das Fleisch des Wildschafes auf die Teller. Dann aber auch mit Erfolg: „Den Leuten schmeckt‘s immer“, sagt Parno.
Weniger Berührungsängste hatten da die Teilnehmer eines ganz besonderen Kochkurses, angeboten vom Kreisforstamt in Kooperation mit Rolf Parno und dessen Sohn Martin. Die interessierten Hobbyköche haben gelernt, wie sie leckere Mufflon-Gerichte – von Königsberger Klopsen aus Mufflon-Hack bis zu geschmortem Mufflon-Lamm – zubereiten können. Das Fleisch des Wildtieres sei eine ausgesprochene Delikatesse, schwärmte Lothar Seidel, Leiter des Kreisforstamtes, als er vor versammelter Mannschaft ein frisch erlegtes Mufflon-Lamm „aus der Decke“ schlug, also das Fell abzog, und in küchenfertige Teile zerlegte.
Auch Rolf Parno ist von Geschmack und Qualität des Muffelwildes vom Bückeberg überzeugt: Das Fleisch schmecke etwas intensiver als das vom Hausschaf und sei ähnlich fettarm. Für die Zubereitung empfiehlt er, einfach Rezepte für Lamm-Gerichte abzuwandeln und Mufflon-Fleisch zu verwenden. Mufflon ist in Schaumburg äußerst selten im Handel erhältlich, die größten Chancen haben Interessierte bei der Jägerschaft. „Auf Bestellung geht das aber nicht“, erklärt Seidel, der Jagderfolg sei schließlich nicht planbar. Wer Wildbret, ob vom Reh, Schwarzwild oder Mufflon, kaufen möchte, könne aber seine Daten bei den Waidmännern hinterlassen, die sich nach erfolgreicher Jagd bei den potentiellen Käufern melden würden.
Letztgenannte müssten im Übrigen nicht befürchten, das Tier am Stück samt Kopf und Fell zu bekommen, gibt Seidel Entwarnung. „Heutzutage zerwirken die Jäger das Tier“, erklärt der Förster und meint damit das Zerteilen des Fleisches. Seidel wirbt für das heimische Wild als sogenanntes „Slow Food“: Die Wildtiere würden im Gegensatz zu Tieren aus Massenhaltung artgerecht leben und fressen. kcg

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