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Ein Besuch bei Familie Sabolowitsch

Pflegeeltern öffnen ihr Zuhause Ein Besuch bei Familie Sabolowitsch

Stefanie Sabolowitsch befindet sich gerade in Elternzeit, denn die zweifache Mutter hat im August erneut Nachwuchs bekommen: zweijährige Zwillinge. Denn die 36-Jährige und ihr Mann Timon aus Lauenhagen sind Pflegeeltern. Das Ehepaar hat vor sechs Jahren sein erstes Pflegekind aufgenommen.

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Bei der Erziehung – nicht nur von Hündin Sally – sind Stefanie und Timon Sabolowitsch meist einer Meinung.

Quelle: col

LANDKREIS. Die Entscheidung dazu ist jedoch schon viel früher gefallen. Schon schnell, nachdem sich die beiden kennengelernt hatten, damals in Franken, wo sie herstammt und er eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolvierte, sei das Thema Familienplanung diskutiert worden. „Wir wollten beide Kinder, haben aber auch gleich gesagt, dass wir uns vorstellen könnten, neben leiblichen auch Pflegekinder aufzunehmen“, erinnert sich die gelernte Krankenschwester. Für ihren Mann war das Thema auch kein Neues: Seine Schwester, er sagt nicht Pflegeschwester, kam mit vier Jahren in die Familie. „Meine Eltern haben sie so behandelt, als wäre sie ihr eigenes Kind, sie haben nie Unterschiede gemacht.“ Im Alter von 25 Jahren wurde sie durch Adoption auch ganz offiziell Teil der Familie.

Traum von großer Familie

 „Und ich weiß noch, dass ich mit neun Jahren meinen Eltern eröffnet habe, SOS-Kinderdorf-Mutter werden zu wollen“, erzählt Stefanie Sabolowitsch lachend. Diese Idee habe sie dann aber verworfen, weil sie unbedingt habe heiraten wollen, und das sei damals nicht parallel möglich gewesen. Dann eben eine große Familie mit vielen Kindern. „Wir wussten ja nicht, was das Leben uns bringt“, sagt der 38-Jährige.

 Und es brachte den ersten Pflegesohn, bereits im Teenageralter, ganz plötzlich. Zu der Zeit waren die Eheleute in der Kirchengemeinde aktiv und lernten den Jungen dort kennen. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir das ganze Prozedere des Bewerbungsverfahrens (siehe Artikel unten) bereits durchlaufen. Denn zu dem Zeitpunkt stand auch schon fest, dass das Paar nie eigene Kinder haben würde. Vor diesem Hintergrund wünschten sie sich gerne ein kleines Kind, um alle Phasen des Aufwachsens mitzuerleben. Es sollte, wie gesagt, anders kommen. Manuel* war 14 Jahre alt und wollte auf eigenen Wunsch aus seiner Familie, er blieb eineinhalb Jahre und zog dann zurück zu seinem Vater.

 Da die Sabolowitschs beide Erfahrungen in der Jugendarbeit hatten – Timon hatte noch eine zweite Ausbildung zum Ergotherapeuten gemacht und arbeitet in der Ambulanten Jugendhilfe – wünschten sie sich regelmäßige Besuche des Jugendamts. „Das war eine gute Sache, um die Erfahrungen zu reflektieren“, sagt der Familienvater.

Emotional eine Pause gebraucht

 Es dauerte einige Zeit, „wir brauchten auch emotional eine Pause“, wie Stefanie sagt, bis der sechsjährige Sebastian* in ihr Leben trat. Er lebte bereits seit eineinhalb Jahren in einer Einrichtung und das Jugendamt suchte eine Dauerpflegefamilie, weil es klar gewesen sei, dass er nicht zurück zu seiner Familie kommt. Innerhalb einer dreiwöchigen Kennenlernphase näherte sich das Paar dem Jungen an. „Wir sind immer zu der Einrichtung gefahren und sind dann unter Aufsicht eines Mitarbeiters des Jugendamtes mit dem Kleinen zum Spielplatz oder haben andere Sachen gemacht“, erzählt Timon Sabolowitsch.

 Der Kleine habe sich sehr schnell wohl bei ihnen gefühlt. Weil er noch nicht auf dem Stand eines Sechsjährigen war und die Familie ihn nicht auch – nach der Umstellung durch den Umzug – aus seinem gewohnten Kindergarten reißen wolle, hat er die Kita noch ein weiteres Jahr besucht, bevor er eingeschult wurde. „Er hat sehr an seinen Betreuern dort gehangen“, ergänzt seine Frau, „und wir wollten diese Stabilität gewährleisten.“

 Vor zweieinhalb Jahren kam dann das nächste Familienmitglied dazu: Patrick* feierte zwei Tage nach seinem Einzug seinen 14. Geburtstag. „Es ist untypisch, dass Kinder in dem Alter noch in eine Pflegefamilie kommen“, weiß das Paar. Er habe jedoch verzweifelt eine Familie gesucht, weil er nicht ins Heim wollte. „Das Jugendamt hat bei uns angefragt, und nachdem sich Patrick und Sebastian gut verstanden haben, haben wir zugestimmt“, so Stefanie Sabolowitsch, die sich noch genau an den Tag erinnern kann, weil es zwei Tage vor Heiligabend war: „Wir mussten das Weihnachtsessen etwas strecken und noch schnell das Zimmer einrichten und Geschenke kaufen.

 „Und dann war für uns der Zeitpunkt gekommen, uns doch noch mal um ein jüngeres Kind zu bemühen“, erzählt Timon Sabolowitsch und seine Frau fügt hinzu: „Da waren wir einfach mal egoistisch, denn die Erfahrung wollten wir gerne machen.“

Kind gibt das Tempo vor

 Die älteren Brüder seien natürlich in die Entscheidung einbezogen worden, „wir müssen alle an einem Strang ziehen“. Nach einer zehntägigen Anbahnungsphase – anberaumt waren eigentlich drei Wochen – seien die Kleinkinder schon so weit gewesen, dass sie in die Familie kommen konnten. „Hier gibt das Kind das Tempo vor“, erklärt Timon Sabolowitsch und seine Frau fügt hinzu: „Sie fühlten sich schnell bei uns wohl, so dass der Wechsel aus der Bereitschaftspflege früher als angedacht erfolgen konnte.“ Die Zwillinge seien mit nichts als zwei Kuscheltieren und den Sachen am Leib zu ihnen gekommen.

 Heute teilen sie sich ein Zimmer und sagen auch schon Mama und Papa zu den Sabolowitschs, die betonen: „Es muss immer von den Kindern selbst kommen.“ Man dürfe ihnen dies aber nicht verwehren, schließlich „sehnen sie sich nach Normalität und wollen Mama und Papa haben“, so Stefanie Sabolowitsch. Auch der Kindergarten, den die beiden Jungs mit drei Jahren besuchen sollen, ist ein weiteres Puzzleteil auf dem Weg zu einer ganz normalen Kindheit. „Wir waren bereits da und haben uns alles angeguckt. Die Beiden freuen sich da schon ganz doll drauf“, erzählt die 36-Jährige. Und auch die beiden älteren Jungs gingen sehr liebevoll mit den kleineren um.

Hundedame Sally gehört dazu

 Als die Zwillinge zu ihnen gekommen seien, hätten sie nur ein paar Worte gesprochen, sodass nicht klar gewesen sei, ob sie in einen normalen Kindergarten würden gehen können. „Aber sie haben Frühförderung bekommen und sich jetzt super entwickelt.“ Gerne spielen sie auch mit der Hundedame Sally, die seit drei Jahren zur Familie gehört. Das Tier hat das Ehepaar von einer Tierschutzorganisation aus Griechenland vermittelt bekommen. „Unser Beitrag zur Griechenland-Krise“, scherzt der 38-Jährige.

 Beide können sich vorstellen, später auch Bereitschaftspflege zu übernehmen, also in Notsituation von einem Tag auf den anderen ein Kind unterzubringen. Dies allerdings beschränkt auf maximal sechs Monate. Das seien jedoch nur Gedankenspiele für die Zukunft, „wir wollen erst mal ein normales Familienleben haben“, so Timon Sabolowitsch. Die Kinder sollen so unbelastet wie möglich aufwachsen, auch wenn sie, wie ihr Vater sagt, „ihr Päckchen zu tragen haben“.

 Und für das Ehepaar ist eins klar: „Alle vier sind unsere Kinder, für die wir alles tun würden.“ Damit stehe für sie auch fest, dass keins der Kinder mit 18 Jahren, wenn das Pflegefamilien-Verhältnis offiziell endet, einfach rausgeschmissen wird. „Wir wollen nach wie vor für sie da sein und passen auch gerne auf die Enkel auf, wenn es soweit ist.“ Ebenso, wie die Kinder auch von den Eltern von Timon und Stefanie Sabolowitsch als Enkel angenommen worden seien. col

  *Namen geändert

 Jugendamt sucht Pflegeeltern für Kinder in Not

 Der Landkreis Schaumburg ist immer auf der Suche nach Menschen, die sich und ihr Heim für Pflegekinder – und sei es auch nur für einen begrenzten Zeitraum – zur Verfügung stellen. Ein pädagogischer Hintergrund sei für Pflegeeltern nicht verpflichtend. „Wir legen aber großen Wert darauf, dass unsere Bewerber gut ausgebildet werden, damit sie auf mögliche Schwierigkeiten vorbereitet sind“, erklärt Christine Radug, Leiterin der Sozialen Dienste beim Landkreis.

 Die Schulungen umfassen vier je zweistündige Abendveranstaltungen sowie drei ganze Sonnabende. Inhaltlich gehe es sowohl um rechtliche Grundlagen (Entscheidungsbefugnisse) sowie Themen wie Bindung und Trauma – wie kann der Beziehungsaufbau gefördert und traumatischen Erfahrungen begegnet werden?

 Allein bei der Sonderpflege ist ein pädagogischer Hintergrund bei den Pflegeeltern erwünscht. Dabei geht es um behinderte oder schwer geschädigte Kinder, die in Vollzeitpflege vermittelt werden, zum Beispiel nach Misshandlungen oder bei Alkoholschäden. Weniger dramatisch sind die Fälle der Kurzzeitpflege. Dort bleibt das Kind höchstens acht Wochen bei der Pflegefamilie, zum Beispiel bei einem Krankenhausaufenthalt der Eltern.

 Im ersten Schritt müssen Bewerber allerlei Unterlagen einreichen: Gesundheitsbescheinigung, Schufa-Auskunft, erweitertes polizeiliches Führungszeugnis. Drei Hausbesuche gehören ebenfalls zum Verfahren, wie Christel Kohlmeier-Ashfaq, Mitarbeiterin im Pflegekinderdienst, erklärt. „Wir möchten die potenziellen Pflegeeltern gerne in ihrer häuslichen Situation erleben, die leiblichen Kinder kennenlernen und hören, wie die anderen Familienmitglieder zu dem Vorhaben stehen, Pflegekinder aufzunehmen.“ Es sei sehr wichtig, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, ob tragbare stabile Beziehungen vorhanden sind. „Man lernt die Bewerber zu Hause besser kennen und die leiblichen Kinder sollen ja auch nicht überfordert werden.“

 Zu den sogenannten äußeren Kriterien gehören geordnete wirtschaftliche Verhältnisse sowie Zeit. „Uns ist aber die persönliche Eignung wichtig“, so Radug: Gutes Einfühlungsvermögen und Belastungsfähigkeit seien unerlässlich, „denn die Kinder bringen häufig eine negative Erwartungshaltung mit und testen die Pflegeeltern aus“. Und Amtsleiter Hans-Ulrich Born ergänzt: „Sie wollen die Grenzen austesten, weil sie bisher wenig Struktur und Fürsorge erfahren haben.“

 Die Seminare laufen zweimal jährlich, aktuell läuft ein solcher Kurs mit acht Bewerberpaaren, darunter auch zwei Ehepaare, die minderjährige Flüchtlinge in ihrer Obhut haben. Die Altersspanne reiche von Ende 20 bis 50 Jahre. „Wir achten darauf, dass bei einer Vollzeitpflege nicht mehr als 40 Jahre zwischen den Bewerbern und dem Kind liegen“, so Born.

 Das erste Thema in der Schulung betrifft das Spannungsfeld zwischen den leiblichen und den Pflegeeltern. „Egal, was die Eltern ihnen angetan haben, das Kind schöpft seine Identifikation aus seiner Herkunft und jede Abwertung seitens der Pflegeeltern gefährdet das Verhältnis zu diesen“, weiß Radug. Deswegen sei es wichtig, die leiblichen Eltern anzunehmen und sie nicht zu verurteilen, ergänzt Kohlmeier-Ashfaq.

 Dass den leiblichen Eltern das Sorgerecht entzogen werde, sei sehr selten. „Hartnäckig hält sich dieses böse Bild, dass das Jugendamt die Kinder aus den Familien nimmt, dabei passiert das meist einvernehmlich.“ Denn die Eltern begriffen in den meisten Fällen, „dass sie für ihre Kinder nicht sorgen können“, so Kohlmeier-Ashfaq. Und dies sei auch für die Entwicklung der Kinder entscheidend. „Denn dann haben sie nicht das Gefühl, ihre Eltern im Stich zu lassen oder sie zu verraten, wenn sie sich in der Pflegefamilie wohlfühlen.“

 Radug hat auch schon Paare erlebt, die nach den Schulungen ihren Wunsch nach einem Pflegekind zurückgestellt haben, „und es ist gut, dass sie das zu diesem Zeitpunkt erkennen“. Aber auch für erfahrene Pflegeeltern stünden die Mitarbeiter immer zur Verfügung. Es bestehe auch die Möglichkeit, dass die Kinder für ein Wochenende von anderen betreut werden, um den Eltern eine Auszeit zu gönnen. Sie müssten mit ihren Kräften haushalten. Humor sei auch eine wichtige Eigenschaft, „weil sich brenzlige Situationen besser entspannen lassen“, so Radug.

 Die Rückführung muss in einem zeitlich vertretbaren Rahmen – maximal zwei Jahre – erfolgen. Danach gilt die Beziehung zu den Pflegeeltern als so stabil, dass sie nicht wieder zerstört werden soll. col

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