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Thema des Tages Ein Leben wie im Film
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08:39 19.12.2017
Bei Dreharbeiten in Minden für "Kein Reihenhaus für Robin Hood": Wolf Gremm mit Jutta Speidel und Charles Kalmann. Quelle: kp
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Heute gehört sie zu den erfolgreichsten Filmproduzentinnen Europas. Die Rede ist von Regina Ziegler. In Quedlinburg geboren und in Obernkirchen aufgewachsen, eroberte das Mädchen aus der Provinz die damals noch geteilte Stadt Berlin, die sie nach anfänglichem Kulturschock als „mein Märchenschloss“ bezeichnete. Jetzt gibt Regina Ziegler mit ihrer Biografie „Geht nicht gibt’s nicht“ erstmals einen Einblick in ihr filmreiches Leben. Geschäftlich und privat berichtet sie auf 352 Seiten über ihre Erfolge und Niederlagen und lässt dabei die Leser an den Höhen und Tiefen ihres Lebens teilhaben. Zwischendurch blickt sie humorvoll und selbstironisch zurück. Vervollständigt wird das Buch durch eine 32-seitige Fotodokumentation.

Regina Ziegler beginnt ihre Biografie mit der Schilderung, wie ihre in Berlin lebende Familie die Kriegsjahre erlebt hat. Während der Vater Wilhelm Krömer Soldat war, wurde die Mutter Trude mit ihrer Tochter Bärbel und der ungeborenen Regina bei einem Bombenangriff der Alliierten verschüttet. Noch einmal mit dem Leben davongekommen, beschloss Trude, Berlin zu verlassen und auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Allrode im Harz Schutz zu suchen. In Quedlinburg erblickte Regina am 8. März 1944 das Licht der Welt. Bevor die Sowjets den Harz erreichten, floh Mutter Trude erneut, diesmal ins Schaumburger Land zu den Schwiegereltern Krömer in Obernkirchen.

Junge Cineastin

Hier wurde Trude Krömer bald als rasende Reporterin bekannt. Erst mit einem Rad, später auf dem Moped fuhr sie für die Schaumburger Zeitung durch die Lande und berichtete in Wort und Bild über lokale Ereignisse. Während Trude als Journalistin bekannt wie ein bunter Hund war, ging für die beiden Töchter das geregelte Leben weiter. Für Regina in der Grundschule Obernkirchen und am Adolfinum in Bückeburg. Nebenbei wurde gejobbt, Nachhilfe gegeben und Kindergottesdienste gehalten. Mit zwölf Jahren saß sie regelmäßig im Kino und war fasziniert von dem, was sie dort sah. Damals mag der Grundstein gelegt worden sein für das, was sie heute so bravourös zu meistern versteht.

Mit 19 Jahren ging es aus der Provinz in die große Welt, zum Jura-Studium nach Berlin. Ein Kulturschock, aber: „Ich bekam an einem Tag mehr zu sehen, als in einem Jahr in Obernkirchen.“ Und sie sagte sich auch: „Regina, Berlin ist dein Schicksal.“ So war es dann auch. Das Jura-Studium wurde abgebrochen. Es folgte eine Schulung zur Wirtschaftsdolmetscherin. Danach machte sie ein Praktikum beim Sender Freies Berlin (SFB), war dort zunächst Mädchen für alles, später Leiterin der Abteilung für Kulturelles Feature. Beim SFB lernte sie von der Pike auf das Produzieren von Filmen. Sie heiratete Hartmut Ziegler, 1966 wurde Tochter Tanja geboren. Anfang der siebziger Jahre zerbrach ihre Ehe.

Bei der Arbeit lernte sie den Regisseur Wolf Gremm kennen, produzierte mit ihm Dokumentationen für den SFB. Schließlich kamen sie sich näher, wollten gemeinsam die Welt erobern – und taten es auch. Am 27. April 1973 wurde beim Gewerbeaufsichtsamt in Berlin für eine Gebühr von 60 Mark die „Regina Ziegler Filmproduktion“ angemeldet. Der Anfang war für die 29-Jährige in der dominierenden Männerwelt nicht leicht. Als erste Filmproduzentin Deutschlands musste sie sich ständig durchboxen. „Wenn man etwas erreichen will, darf man nicht zimperlich sein. Wer hinfällt, sollte sofort wieder aufstehen. Das gilt für Männer wie für Frauen.“ Einige Male hatte sie bei ihren zum Teil risikoreichen Projekten mit argen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. In ihrer Biografie berichtet sie darüber, wie sie auch diese Hürden genommen hat.

International renommiert

Sie hat sich behauptet. Die Powerfrau par excellence produzierte einen Film nach dem anderen, arbeitete mit den bedeutendsten Regisseuren zusammen, entdeckte Schauspieler und machte sie zu Stars. Sie erhielt die wichtigsten Preise der Filmbranche, vom International Emmy-Award bis zur Ehren-Lola, so auch den Bundesfilmpreis, mehrere Adolf-Grimme-Preise, den Goldenen Löwen von Venedig, Deutsche Fernsehpreise und den Bambi-Publikumspreis. In New York wurde die Honorarprofessorin an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse mit einer Retrospektive im Museum of Modern Art geehrt. Sie reiste beruflich um die Welt, war auf vielen Filmfestivals dabei, in Berlin richtete sie vier Jahre den Deutschen Filmpreis aus.

Kommen wir zum Schaumburger Land zurück. Durch ihre Mutter Trude hat sie die Verbindung zur Provinz lange aufrecht erhalten, fand in Schaumburg für ihre Filme sogar einige Drehorte. 1979 wurden unter der Regie von Wolf Gremm in Stadthagen, Obernkirchen und Auhagen Szenen für die Erich-Kästner-Romanverfilmung „Fabian“ aufgenommen. Der Film wurde in Amerika für den Golden Globe nominiert, Hauptdarsteller Hans-Peter Hallwachs avancierte mit diesem Streifen zum Star. Ein Jahr später drehte Wolf Gremm in Minden und Stadthagen den Krimi „Kein Reihenhaus für Robin Hood“ mit Jutta Speidel in der weiblichen Hauptrolle.

Meine Frau und ich hatten das große Glück, Regina Ziegler bei ihren Projekten über einen gewissen Zeitraum begleiten zu können, insbesondere bei den Dreharbeiten im Schaumburger Land, wo wir sogar als Komparsen mitmischten. Wir denken an die privaten Treffen, an gesellige Abende im Kreise von Freunden und Teammitarbeitern, an die Aufenthalte in Berlin oder Düsseldorf, wo wir bei Premieren oder bei Filmfesten dabei sein konnten. In Hamburg waren wir Gäste bei einer NDR-Talkshow, in der Regina Ziegler zu ihrem Filmschaffen interviewt wurde.

Großzügige Gastgeberin

Regina Ziegler und Wolf Gremm waren in ihrem damaligen Haus an der Matterhornstraße in Berlin großzügige Gastgeber. Reginas Kochkünste wurden von ihren Gästen, Schauspielern, Künstlern und Filmschaffenden sehr geschätzt. Einige Rezepte für kulinarische Genüsse gibt sie in ihrer Biografie preis. 1998 zog die Familie von der Matterhornstraße in das Viertel Schlachtensee, wo das Schauspielerehepaar Andrea Sawatzki und Christian Berkel zu den Nachbarn zählen.

Persönlich hat Regina Ziegler drei schwere Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Neben dem Verlust ihrer Eltern, Vater Wilhelm und Mutter Trude, verlor sie im Juli 2015 mit ihrer großen Liebe den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, ihren Ehemann Wolf Gremm, mit dem sie jahrzehntelang die Leidenschaft als Filmschaffende geteilt hat. An ihrer Seite steht heute Tochter Tanja, die ebenfalls als erfolgreiche Filmproduzentin tätig ist. Regina Ziegler wird auch weiterhin ihrem Beruf nachgehen. Die vorliegende Biografie, die sie ihrem Mann Wolf, Tochter Tanja und Enkeltochter Emma gewidmet hat, sieht sie nicht als Abschluss ihres Filmschaffens, sondern als Zwischenbericht, denn: „Filme sind mein Leben. Und mein Leben war und ist über große Strecken wie in einem Film verlaufen.“

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie Regina Ziegler ihr berufliches wie privates Leben bisher gemeistert hat, sollte sich die aufschlussreich und spannend geschriebene Autobiografie zulegen: „Geht nicht gibt’s nicht“, Untertitel „Mein filmreifes Leben“, 384 Seiten, davon 32 Bilderseiten, C. Bertelsmann Verlag, ISBN: 978-3-570-10326-5, 22 Euro. Von Karlheinz Poll

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