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Erst hören, dann schreiben

Thema des Tages / Rechtschreibung Erst hören, dann schreiben

Glaubt man vielen Medienberichten, werden die Grundschüler in Deutschland zu Falschschreibern erzogen. Schuld soll eine Unterrichtsmethode sein, nach der Kinder zunächst ausprobieren, lautgetreu zu schreiben. Eine Debatte, über die die Deutschlehrer in Meerbeck nur den Kopf schütteln.

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Verfolgt, verbrannt, verscharrt
Quelle: kcg

Von Katharina Grimpe

Tafel und Kreide, Bleistift und Schreibheft, aufgeweckte Kinder, die ihre Arme in die Luft recken. Jeder von ihnen möchte den nächsten Buchstaben nennen, bis das Wort „Wald“ komplett buchstabiert an der Tafel steht: Die Kinder der Eingangsstufe an der Grundschule Meerbeck haben Deutschunterricht, sie lernen lesen und schreiben.
Diese Tatsache ist zunächst erst mal nichts, was lang und breit in der Zeitung thematisiert werden müsste. Der Nachrichtenwert ist gleich null. Schließlich haben schon zahlreiche Generationen Schulanfänger gelernt, wie sie Laute den Buchstaben zuordnen, diese zu Worten und schließlich zu ganzen Sätzen zusammenfügen.
Trotzdem ist das Lesen- und Schreibenlernen derzeit eines der Lieblingsthemen von Journalisten. Es hat Konjunktur, dem Land eine Rechtschreibkatastrophe und den Schulen Komplettversagen im Deutschunterricht zu attestieren. Zuletzt meldete der „Spiegel“ in der Ausgabe vom 25. November, dass sich nicht nur die Rechtschreibleistungen von Schülern, sondern auch von angehenden Lehrern dramatisch verschlechtert haben.
Ein Schuldiger ist nach Ansicht der Medienvertreter schnell ausgemacht: Die Lehrmethode „Lesen durch Schreiben“, nach der auch an Grundschulen im Schaumburger Land unterrichtet wird. Nach der Methode lernen die Kinder mit einer sogenannten Anlauttabelle zunächst, die Wörter so zu schreiben, wie sie sie hören. Vor allem der „Spiegel“ kritisiert dieses lautgetreue Schreiben der „fröhlichen Rechtschreibanarchisten“. Der Vorwurf: In den Grundschulen dürfen die Kinder ohne Rücksicht auf die Rechtschreibregeln schreiben wie sie wollen, und werden darin von den Lehrern unterstützt, statt korrigiert. Die Kinder prägen sich ihre falsche Lautschrift ein und haben dadurch lebenslange Nachteile.
Die Deutschlehrer in Meerbeck können über derartige Medienberichte nur den Kopf schütteln. An der Grundschule wird angelehnt an die „Lesen durch Schreiben“-Methode unterrichtet, genutzt wird der Lese-Lehrgang „Tinto“, der explizit im „Spiegel“-Artikel vom 25. November genannt wird. Für das Lehrwerk hat sich das Kollegium vor allem deshalb entschieden, weil es speziell für den Unterricht in einer Eingangsstufe ausgerichtet ist. In dieser lernen die Erst- und Zweitklässler gemeinsam in einer Klasse.
Dass ihre Unterrichtsmethode für die schlechten Rechtschreibleistungen deutscher Schüler verantwortlich sein soll – über solche Behauptungen ärgern sich die Deutschkollegen. Es sei schlicht falsch, dass die mit dem „Tinto“-Buch unterrichteten Kinder „lange Zeit lautgetreu schreiben“, „bevor erste Rechtschreibregeln eingeführt werden“, wie es im „Spiegel“ heißt. Denn bereits im ersten Schuljahr geht es darum, Rechtschreibstrategien anzubahnen und die Schreibübungen der Kinder zu korrigieren. Mädchen und Jungen bis ins dritte Schuljahr frei schreiben zu lassen, ist durch die Vorgaben im Lehrplan für den Deutschunterricht an Grundschulen gar nicht erst möglich. Bereits nach Klasse zwei sollen die Schüler in der Lage sein „grundlegende orthografische Regeln“ anzuwenden, heißt es im Kerncurriculum. Diese Vorgaben sind verbindlich, erklärt Sebastian Schumacher, Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums.
Zudem würden die Medien die Schere zwischen Theorie und Praxis nicht berücksichtigen, kritisieren die Meerbecker Deutschkollegen: Eine Methode werde im Unterrichtsgeschehen zum einen durch die Lehrerpersönlichkeit, zum anderen durch die Lerngruppe ganz unterschiedlich ausgestaltet und mit vielfältigem Material und Elementen weiterer Methoden ergänzt. Kein Lehrer arbeite streng nach Lehrbuch, dieses sei allenfalls Grundlage fürs Lesen- und Schreibenlernen.
Aber der Reihe nach: Was genau ist eine Anlauttabelle, und wie lernen Kinder mit ihr? In Meerbeck üben die Erstklässler zunächst, ganz genau hinzuhören: Wörter bestehen aus unterschiedlichen Lauten, die sich zum Beispiel darin unterscheiden, dass Vokale kurz oder lang klingen. „Wir trainieren zuerst die phonologische Bewusstheit der Schüler“, erklärt eine Deutschlehrerin. Die Kombination des Lautes mit dem zugehörigen Schriftbild spiele zu Beginn des Lesenlernens noch keine Rolle, sondern werde den Mädchen und Jungen erst mithilfe der Anlauttabelle nahegebracht.
Im sogenannten „Buchstabenhaus“ sind alle typischen Laute der deutschen Sprache als Buchstaben zusammen mit einem Objekt, dessen Name mit diesem Laut beginnt, abgebildet. Igel steht für das I, Esel und Ente symbolisieren, dass ein E kurz oder lang klingen kann. Die Schüler können sich mit Hilfe der Tabelle das Schriftbild eines Wortes Laut für Laut zusammensetzen. Sie lernen also, das Hören von Lauten mit den entsprechenden Buchstaben zu verbinden. Ziel ist, dass die Abc-Schützen das System Sprache als solches und das Prinzip, Buchstaben zu Lauten und schließlich zu Wörtern zusammenzuziehen, verstehen.
Dabei spielt die korrekte Rechtschreibung zunächst tatsächlich keine Rolle, sagen die Lehrerinnen. „Es kommt nicht darauf an, ob das Wort ,viel‘ mit f oder v geschrieben wird, sondern dass die Kinder verstehen, dass das Wort aus unterschiedlichen Lauten zusammengesetzt ist.
Schreibe ein Kind in den ersten Schulwochen seines Lebens dann selbstständig einen Satz auf, sei das eine „wahnsinnige Leistung“. Selbstverständlich würden die Lehrer dann nicht den Rotstift zücken, um die Fehler zu korrigieren. Korrekte Rechtschreibung zum falschen Zeitpunkt demotiviere den Schüler und führe nicht dazu, eine gute Beziehung zur Schriftsprache aufzubauen. Genauso selbstverständlich, wie den ersten Brief an die Lehrerin nicht zu korrigieren, sei es aber auch, den Kindern schon frühzeitig zu erklären, dass es zusätzlich zu ihrer ganz eigenen, lautgetreuen, eine regelkonforme Schreibweise gibt. Zudem würden auch die Schreibübungen der Kinder im Übungsheft von Anfang an korrigiert. Spätestens in der zweiten Klasse seien dann die Rechtschreibregeln eingeführt. Einen Bruch zwischen jahrelangem lautgetreuen Schreiben und der korrekten Rechtschreibung, wie im „Spiegel“ beschrieben, gebe es nicht.
Dass immer mehr Schüler Probleme mit der Rechtschreibung haben, sei unbestritten, sagen die Meerbecker Pädagogen. Eine einzige Unterrichtsmethode dafür verantwortlich zu machen, sei aber nicht möglich. Zumal es kaum noch einen Lese- und Schreiblehrgang ohne Anlauttabelle gebe.

Teig mit G oder K am Ende? Die ersten Rechtschreibregeln lernen die Meerbecker Grundschüler bereits im ersten Schuljahr.

Quelle: kcg

Statt Methode die Lehrerausbildung auf Prüfstand stellen

Nicht nur in den Medien wird über das Schreibenlernen diskutiert, die Debatte über einzelne Unterrichtsmethoden hat auch die Politik erreicht. In Hamburg haben CDU und FDP im Schulausschuss beantragt, dass die Methode „Lesen durch Schreiben“ nicht weiter angewendet wird. Astrid Vokkert, Fachseminarleiterin für Deutsch am Studienseminar Wunstorf, an dem auch angehende Grundschullehrer in Schaumburg ausgebildet werden, warnt davor, die Wahlfreiheit in Bezug auf die Unterrichtsmethode anzutasten.
Eine einzelne Methode oder ein bestimmtes Lehrwerk als Hauptschuldigen für die Rechtschreibprobleme der Schüler herauszustellen, hält die Pädagogin für sachfremd und übertrieben. Die Gründe für schlechte Rechtschreibleistungen seien „absolut vielfältig“ und schwer zu benennen.
Statt eine bestimmte Methode in den Fokus zu rücken, wünscht sich Vokkert, die Lehrerausbildung als solche auf den Prüfstand zu stellen. „Lehrer müssen darüber Bescheid wissen, wie der Schriftspracherwerb funktioniert und welche Voraussetzungen Kinder dafür mitbringen.“ Erst dann könnten sie gezielt die Methodik auf die individuell zusammengesetzte Lerngruppe abstimmen und den Bildungsansprüchen der einzelnen Kinder gerecht werden. Die didaktischen Grundlagen für den Deutschunterricht spiele in den Universitäten leider eine untergeordnete Rolle.
Nach einer Methode alle Kinder einer Klasse mit ihren Entwicklungsunterschieden zur selben Zeit zu unterrichten, das sei nicht möglich, erklärt Vokkert. Das Studienseminar empfehle daher keine bestimmte Methodik, sondern sorge dafür, dass die angehenden Lehrer eine möglichst breite Kenntnis über die Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden bekommen, um ihren Unterricht entsprechend des individuellen Leistungsstandes der Kinder zu gestalten. kcg

Für jeden Schreibanfänger sichtbar hängt die Anlauttabelle – das Buchstabenhaus – im Klassenraum der Eingangsstufe.

Quelle: kcg

Schulen entscheiden

Welche Methode im Unterricht an allgemeinbildenden Schulen eingesetzt wird, liegt in der Entscheidung der Schulen. Die Fach- oder Gesamtkonferenz beschließt meist für mehrere Jahre, welche Lehrwerke im Unterricht eingesetzt werden.  kcg

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