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Glückspilz und Teufelszeug

Thema des Tages Glückspilz und Teufelszeug

Es gehört zu den Kindheitserinnerungen früher Jahre, ihn während eines spätsommerlichen Sonntagspaziergangs im prächtigsten Komplementär aus dem Waldesgrün herauslugen zu sehen: den Fliegenpilz mit weißem Stiel und roter, gepunkteter Kappe.

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Der Fliegenpilz sticht ins Auge.

LANDKREIS. Und es war durchaus irritierend, dass ausgerechnet dieser schönste aller Pilze giftig sein sollte und sein Berühren elterlicherseits nicht geduldet wurde. Zu sehr fügte er sich doch in die Welt putziger Kinderbuchillustrationen, wo er, versehen mit Tür, Ofenrohr und Fensterläden, als Zwergenwohnung diente oder kleine Waldbewohner wie Raupe, Spinne oder Käfer vor Regen beschirmte. Dass ausgerechnet dieser nette Kerl dem Beelzebub, dem Herrn der Fliegen, zuzurechnen war und nicht die ordinäre Stinkmorchel, der Gestiefelte Schleimkopf, der Gallertige Zitterzahn oder sonstiges wunderliches Gekröse, das sich im Zwielicht des Waldes aus dem Boden hob, das alles wollte sich dem kindlichen Gemüt nicht erschließen.

Die Aura des Übernatürlichen

Wie bei so manchen Dingen aus der pflanzlichen Zwischenwelt hat der Fliegenpilz etwas Doppelbödiges, ist er Glücksbringer und Teufelszeug zugleich. Wie überhaupt in der Wahrnehmung der Menschen dieser unübersehbaren Familie der Pilzgewächse von jeher eine Sonderrolle zukam. Kaum schlüssig ließen Pilze sich der übrigen pflanzlichen Welt zuordnen, sie hatten immer etwas Sonderbares, zumal ihre Eigenschaft, aus dem Nichts heraus plötzlich aus dem Boden zu schießen, um dort in bizarren Kreationen eine Weile zu verharren und danach wieder spurlos zu vergehen, der gewöhnlichen Vorstellung von Vegetation nur schwerlich entsprach.

So waren sie mit einer Aura des Übernatürlichen umgeben, wurden gar als Boten einer geheimnisvollen Welt angesehen. Es sei denn, dass sie sich als ausgesprochen schmackhaft erwiesen und als Pfifferling, Steinpilz oder Hallimasch den Speisezettel der Sammler und Jäger bereicherten. Um hier Gewissheit zu erlangen, galt es allerdings nach der Methode von Versuch und Irrtum vorzugehen, was so manchen Zeitgenossen vorschnell aus dem Leben scheiden ließ. Bekanntermaßen kam und kommt dem Knollenblätterpilz dabei eine besonders unrühmliche Rolle zu.

Verzehr kann zu Wahrnehmungsveränderungen führen

Der Fliegenpilz, Amanita muscaria, gehört ebenfalls dieser gefährlichen Pilzfamilie der „Wulstlinge“ an, doch wer ihn versuchsweise verspeist, den schickt es nicht ins Jenseits, sondern aufgrund der in ihm enthaltenen Ibotensäure in mehr oder weniger vehemente Rauschzustände. Sie können euphorisierender Natur sein, worin denn sein Nimbus als Glückspilz Begründung fände, und zu optischen und akustischen Wahrnehmungsveränderungen führen, gesteigert bis ins Halluzinatorische, zu hyperaktiven Phasen, gefolgt von Erschöpfung und Schlaf. Da die Konzentration der im Pilz enthaltenen Wirkstoffe nur schwer abzuschätzen ist, kann es allerdings auch hier zu schweren Vergiftungserscheinungen kommen.

Der Pilz ist über die gesamte nördliche Welthalbkugel verbreitet und hat vielerorts in der menschlichen Kulturgeschichte Spuren hinterlassen. Wie so häufig bei psychoaktiven Substanzen, fand er Eingang in religiöse Riten, speziell in die der in diesem Zusammenhang stets zitierten „sibirischen Schamanen“, Riten, die etwa bei Tschuktschen und Kamtschadalen teils bis heute ausgeübt werden, um mittels eines Fliegenpilzsuds, dem „Speichel der Götter“, in Trance zu verfallen, in der sie mit den Vorfahren und der Götterwelt zu kommunizieren suchen. Über den Hindukusch führt seine Spur zu den altindischen Texten der Veda, Ursprüngen des Hinduismus, in denen der berauschende „Soma“-Trank gefeiert wird: „Wie die wilden Winde, so haben mich die getrunkenen Somasäfte emporgehoben. Ich merke, dass ich Soma getrunken habe. Der Trank hat mich fortgerissen, wie ein stürmischer Wind … die eine Hälfte meines Ichs lässt die beiden Welten hinter sich, ich habe an Größe diesen Himmel und diese Erde übertroffen.“ Ebenso spielte in den ekstatischen Dionysien der Griechen offenbar nicht nur der Wein eine Rolle, wenn dem Gott des Rausches gehuldigt wurde.

Gefährlich aufputschender Genuss

Neben seiner die Sinneseindrücke verändernden Wirkung vermittelt der Pilz offenbar das Gefühl gesteigerter körperlicher Kräfte, und so ist es nicht von der Hand zu weisen, dass das sprichwörtlich grobianische Auftreten der kriegerischen Berserker und Vandalen zu einem Gutteil seinem aufputschenden Genuss zu verdanken ist. Allgemein stand er, wenig verwunderlich, bei den Germanen hoch in Ehren. In den ausgedehnten nordischen Wäldern, bevorzugt unter Birken, Buchen und Fichten gedeihend, fand er sich quasi vor der Haustür. Fliegenpilze waren dem Göttervater Odin geweiht und die Legende erzählt, dass sie dort wachsen, wo der Geifer aus dem Maul seines Pferdes auf die Erde tropft, wenn er zu Mittsommer in wilder Jagd über die Erde reitet. Die beiden Raben Hugin und Munin, die Begleiter des Gottes, sind denn wohl der Grund, weshalb der Fliegenpilz in manchen Gegenden Rabenbrot genannt wird.

Ein weiterer Name des Pilzes, „Krötenstuhl“, gebräuchlich beispielsweise in England, signalisiert, dass spätestens mit der Christianisierung dieser heidnische Wulstling der Welt der Hexen und des Satans zugerechnet wurde. Die Kröte mit ihrem ekligen Sekret auf dem Giftpilz sitzend, bildete aus Sicht des abergläubischen Volks eine verderbliche Symbiose, wenn sie in einem der unheimlichen „Hexenringe“ eines Pilzmyzels gesichtet wurden. Kröte und Pilz fügten sich nahtlos in die Vorstellungswelt des Hexenglaubens, waren feste Bestandteile so manchen Zaubergebräus und magischer Flugsalben. Machte er sich im ländlichen Haushalt nützlich, indem er, eingelegt in Milch, Fliegen anlocken sollte, so wurde er hier zum Pilz der Fliegenden, also der dem Wahnsinn Verfallenen.

Über lange Zeit war es um diese dunkle Seite des Fliegenpilzes glücklicherweise ausgesprochen still. Er wurde bürgerlich, fand sich als buntes „Strickliesel“ genutzt, als Zierde am Weihnachtsbaum (schon auffallend, diese farbliche Korrespondenz zwischen Fliegenpilz und Weihnachtsattributen) oder als Glücksbote zum Jahreswechsel, hier gern auch in essbarer Form auf dem Partybuffet, von der Hausfrau mittels gekochtem Ei, Tomatenkappe und Mayonnaisetupfern kunstvoll gestaltet.

Ausgerechnet ein vorpubertäres Mächen

Doch nach solchen Oberflächlichkeiten feiert in den siebziger Jahren sein „bewusstseinserweiterndes“ Innenleben eine kurze, aber bemerkenswerte Renaissance, als sich die aufmüpfige Hippiegeneration daran macht, sich unter der Schirmherrschaft von Propheten psychischer Entgrenzungen wie Timothy Leary oder Carlos Castaneda mit allerlei synthetischen oder pflanzlichen Hilfsmitteln in psychedelische Welten zu verflüchtigen. Und so geschah es denn, dass in diesen experimentierfreudigen Zeiten sich auch in Hamelns Wäldern langhaarige Jugendliche unter kniebundbehoste Pilzsucher alter Schule mischten und in ihrer Sammeltätigkeit eine seltsame Vorliebe für die gewöhnlich verschmähte Sorte von Rotkappen zeigten. Ob diese Argonauten des Psychotrips allerdings den Mut fanden, die nach sorgsamer Trocknung unansehnlich gewordenen Findlinge dem Brechreiz trotzend wirklich zu verspeisen, steht auf einem anderen Blatt.

Da bleibt es bemerkenswert, dass die Blumenkinder diesbezüglich eine außergewöhnliche Vorgängerin hatten. Der britische Schriftsteller Lewis Carroll lässt in seinem berühmten, 1865 erschienenen Roman „Alice im Wunderland“, einem für das eher nüchterne Viktorianische Zeitalter höchst erstaunlichen Werk, doch ausgerechnet ein zartes, vorpubertäres Mädchen in der von ihr durchstreiften fremden Welt an einem solchen magischen Pilz knabbern. Dazu ermuntert von einer Raupe (in einer frühen Fassung war es noch eine Kröte), die, auf seiner Kappe sitzend, gelangweilt Shishapfeife raucht. Alice erlebt die für den Verzehr des Pilzes typischen Wahrnehmungsveränderungen, sieht sich, je nachdem, von welcher Stelle sie einen Brocken verspeist, auf beunruhigende Weise schrumpfen oder wachsen, bis sie endlich ihre wahren Körpermaße wiedererlangt und ihrer Weiterreise durch Carrolls verrücktes, durchaus „psychedelisches“ Wunderland nichts mehr im Wege steht. Von Peter Weber

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