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Helmpflicht durch die Hintertür

Thema des Tages Helmpflicht durch die Hintertür

Der Sommer ist da, der Drahtesel lockt zur beschaulichen Tour durch die Natur. Sich mal den Wind um die Nase wehen lassen, während man sich gemütlich strampelnd von A nach B bewegt: Fahrrad fahren macht Spaß. Dass die Sicherheit dabei bisweilen auf der Strecke bleibt, blenden viele Zweirad-Fans gern aus. Einen Helm aufzusetzen, ist eben nicht jedermanns Sache.

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Im Rintelner „Fahrradhaus“ von Horst Sieminewski sind Fahrradhelme nicht gerade ein Verkaufsschlager.

Quelle: jak

Soll es ein Gesetz geben, dass alle Fahrradfahrer dazu verpflichtet, bei jeder einzelnen Fahrt einen Schutzhelm zu tragen? Eine allgemeine Fahrradhelmpflicht, vergleichbar mit der Pflicht aller Autofahrenden, immer den Sicherheitsgurt anzulegen?

 Bis jetzt gibt es so ein Gesetz noch nicht und bei den meisten Umfragen spricht sich die Mehrzahl der Bürger dagegen aus. Ein überaus kontrovers diskutiertes Urteil des Oberlandesgerichts von Schleswig-Holstein aber hat die Helmpflicht quasi vorweggenommen. „In der jetzigen Situation würde ich Radfahrern raten, auf jeden Fall einen Helm zu tragen“, so der Hamelner Anwalt für Verkehrsrecht, Ulrich Schmidt. „Selbst wer durch grobe Fahrlässigkeit eines anderen eine Kopfverletzung erleidet, muss nun damit rechnen, eine Mitschuld an den Verletzungen zugesprochen zu bekommen, wenn er keinen Helm trug.“

 Der Fall: Eine Fahrrad fahrende Frau wurde, als sie an einem parkenden Auto vorbeifuhr, durch die plötzlich aufgerissene Fahrertür vom Rad gerissen und zog sich bei dem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma zu, das sie auf Monate ins Krankenhaus brachte und für längere Zeit arbeitsunfähig machte. Sie klagte auf Schmerzensgeld und Schadensersatz. Die Versicherung des Unfallgegners wollte höchstens 50 Prozent der Summe übernehmen. Und schließlich entschied das Gericht, die Radfahrerin habe durch den Verzicht auf den Schutzhelm dazu beigetragen, dass die Verletzungen so besonders schwer und kostspielig wurden. Es liege ein „Verschulden gegen sich selbst vor“, weil sie freiwillig auf Sicherheitsmaßnahmen verzichtet habe, die man von jedem „verständigen“ Menschen erwarten könne. Zu 20 Prozent müsse sie sich an ihren Schadenskosten beteiligen.

 „Ich fürchte, dieses Urteil – so schwer es für viele Menschen nachvollziehbar ist – wird Bestand haben“ meint Rechtsanwalt Schmidt. „Im Straßenverkehrsrecht gibt es auch sonst einige Bereiche, in denen zum Beispiel Autofahrer eine Mitschuld an Unfällen tragen, obwohl sie selbst sich in keiner Weise verkehrswidrig verhalten haben.“ Das wäre etwa beim an sich nicht vorschriftwidrigem Überholen in einem Baustellenbereich der Fall, oder dann, wenn man auf der Autobahn mit einer höheren Geschwindigkeit als 130 Kilometern pro Stunde unterwegs ist. Oder oft auch dann, wenn schwächere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger oder Radfahrer betroffen seien. „Ich denke, dass zukünftig auch andere Gerichte als das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein Helmverweigerern eine Mitschuld anlasten werden.“

 Tatsächlich spricht aus Sicht vieler Radfahrexperten einiges dafür, den Schutzhelm zu akzeptieren. Günther Dohm, Ansprechpartner im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) Schaumburg, organisiert regelmäßig große Fahrradausflüge. Er hat fast alle Teilnehmer solcher Touren davon überzeugt, nicht ohne Helm zu radeln, völlig unabhängig davon, ob man im eigentlich unverschuldeten Schadensfall zu einer Schadenskostenbeteiligung gezwungen würde. Seitdem er selbst einmal schwer stürzte, über Eisenbahnschienen, die wegen großer Pfützen nicht zu sehen gewesen waren, ist er ein umso überzeugterer Helmträger. „Ich kam fast unverletzt davon, mein Helm aber war hinüber“, sagt er.

 In seinen offiziellen Verlautbarungen wehrt sich der ADFC bisher noch klar gegen ein Gesetz zur Helmpflicht – unter anderem mit Bezug auf Studien in Ländern wie Australien, in denen das Tragen eines Schutzhelmes geboten ist und wo der Anteil der Fahrradfahrer daraufhin signifikant zurückging. Zu viele Menschen würden lieber das Auto nehmen, statt einen Helm zu nutzen, heißt es. Jeder müsse das Recht haben, je nach Situation zu entscheiden, ob für ihn ein Helm angesagt sei oder nicht. „Allerdings soll diese Grundhaltung bei unserer nächsten Bundesversammlung überdacht werden“, so Günther Dohm. „Ich persönlich bin eher gegen so ein allgemeines Gesetz, das alles über einen Kamm schert. Die Fahrt zum Bäcker um die Ecke oder über den Weserradwanderweg ist etwas anderes, als eine Fahrt durch dichten Stadtverkehr oder entlang von Landstraßen.“

 In der Hamelner Marketing- und Tourismus-GmbH werden vor allem in der Ferienzeit viele E-Bikes ausgeliehen, Fahrräder mit elektrischem Zusatzmotor, mit denen man leichter und auch durchschnittlich schneller fährt als mit normalen Rädern. Helme gibt es leihweise kostenlos dazu. „Die nimmt aber fast niemand“, sagt Frank Lücke, Abteilungsleiter Tourismus.  Die meisten der Kunden seien Gelegenheitsfahrer, die, anders als zum Beispiel viele Urlauber, die ihre eigenen Räder mitbringen, gar nicht auf die Idee kommen, sich über ihre Sicherheit große Gedanken zu machen. „Und aufzwingen können wir ihnen die Helme ja schließlich nicht.“ Immerhin: In den über zwei Jahren, in denen E-Bikes ausgeliehen werden können, sei seines Wissens kein einziger ernst zu nehmender Unfall passiert.

 Im Rintelner „Fahrradhaus“ von Horst Sieminewski sind Fahrradhelme insgesamt nicht gerade ein Verkaufsschlager. „Nur in der letzten Zeit, nämlich nachdem das Urteil gegen die verletzte Radfahrerin bekannt wurde, kaufen deutlich mehr Leute einen Helm“, sagt er. „Ich bin aber ziemlich sicher, dass das wieder nachlässt, sobald die Diskussion über ,Helmpflicht oder nicht‘ abebbt.“

 Einzig Eltern von kleineren Kindern sorgen meistens dafür, dass wenigstens die kleinen, im Straßenverkehr noch unerfahrenen, Radler am Kopf geschützt seien. „Aber kaum ein über 14-Jähriger lässt sich noch gegen seinen Willen einen Helm verpassen.“

 Er selbst allerdings fahre grundsätzlich immer mit Helm. „Die modernen Schutzhelme sind ultraleicht, man spürt sie kaum“ erklärt er. „Viele meinen ja, man würde sehr darunter schwitzen, weil man sich, anders als auf einem Mofa etwa, ja beim Fahren bewegt. Das stimmt aber nicht. Die Helme sind mit ihren Lüftungsschlitzen so gebaut, dass sich keine Wärme stauen kann. Diejenigen, die behaupten, der Schweiß würde in Strömen fließen, dort, wo der Helm aufliegt, befinden sich nicht auf dem neuesten Stand.“

Warten auf
wissenschaftliche
Untersuchungen

50 bis 70 Euro müsse man in einen Fahrradhelm investieren, damit er seinen Sinn erfüllen kann. Alle fünf bis sechs Jahre solle man einen neuen kaufen, weil der Kunststoff nach und nach erodiert. Und ist der Helm einmal richtig runtergefallen, müsse er ausgetauscht werden, weil selbst Haarrisse seine Funktion behindern.
 Rechtsanwalt Ulrich Schmidt geht davon aus, dass es demnächst detaillierte wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die beweisen werden, dass der Schutzhelm tatsächlich die Schwere von Kopfverletzungen abmildern kann, und dass über kurz oder lang ein Gesetz zur Helmpflicht durchkommen wird. Radfahrer ohne Helm müssten dann womöglich nicht nur eine Verwarnung in Kauf nehmen, sondern sie hätten auch grundsätzlich immer eine Mitschuld bei unverschuldeten Unfällen zu tragen. „Aber es ist schon ein vertracktes Gebiet“, meint er. „Sicher werden dann Forderungen laut, dass auch Autofahrer einen geeigneten Kopfschutz sollten. Und es stellt sich vielleicht die Frage, ob man über das Helmtragen hinaus noch weitergehende Schutzkleidung tragen muss, um vollen Schadensersatz einklagen zu können.“
 Es sei nicht gerade leicht, da Grenzen zu ziehen zwischen dem, was „verständig“ und zumutbar sei, und wo der Sicherheitsgedanke seinerseits zu einer Behinderung werde.
 Schutzkleidung für Radfahrer, die jedenfalls führt Horst Sieminewski nicht in seinem Fachgeschäft. Niemand frage danach und es gebe auch keinen geeigneten Körperschutz, der nicht seinerseits die Behändigkeit einschränke und selber zur Gefahr werde. „Motorradanzüge für Radfahrer – nein, das wäre abwegig“, meint er.
 Das Urteil in Schleswig-Holstein jedenfalls habe in seinen Augen immerhin den Vorteil gehabt, dass die Leute noch einmal intensiv darüber nachdenken, ob ihnen der Kopfschutz nicht doch mehr wert sein sollte als die leichte Umständlichkeit, die er bedeute. Ähnlich sieht es auch Anwalt Schmidt: „Angesichts der Gefahr, dass man durch einen Sturz zum Invaliden werden kann, dem dann durch ein Gerichtsurteil ein Teil seiner Invalidenrente abgesprochen wird und finanzieller Ruin droht, solle man zum Helm greifen, auch wenn man nicht direkt dazu gezwungen wird. „Es ist nun mal so, wie viele es ja auch sehen, dass die Möglichkeit solcher Urteile die gesetzliche Helmpflicht praktisch durch die Hintertür eingeführt hat“, so Schmidt.

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