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Thema des Tages Hiesige Schafzüchter fürchten den Wolf
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00:19 26.01.2018
Christoph Höllers Schafe weiden alle direkt am Waldrand oder in der Nähe des Waldes. Quelle: wm
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Friedrichswald

Vermutete und bestätigte Risse von Schafen durch einen Wolf wurden gemeldet in der Nähe von Rehburg Loccum, Neustadt am Rübenberge, Wunstorf und Stolzenau. Auch im Landkreis Schaumburg gab es Wolfssichtungen. In Sachsenhagen ist ein Wolf in eine Fotofalle gelaufen, bei Rusbend filmte ein junger Landwirt einen Wolf mit dem Handy.

Um den Wolf ist in Niedersachsen inzwischen eine regelrechte Betreuungsindustrie entstanden. Im Juni vorigen Jahres ist die „Förderkulisse Herdenschutz“ verabschiedet worden. Damit sollen Präventionsmaßnahmen sowie Entschädigungen organisiert werden. In Hannover gibt es ein Wolfsmonitoring beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küstenschutz und Naturschutz. Bei der Sachsenhäger Wildtierstation arbeitet Florian Brandes als Wolfsberater. Höller erzählt, demnächst wolle Brandes ihn besuchen und beraten.

Viele Kilometer Zäune

Ob der Biologe ihm wirklich helfen kann, daran hat Höller Zweifel. Der Schäfer nutzt für seine Rauhwolligen Pommerschen Landschafe kleine Grundstücke in Friedrichswald und an der Grenze zum Lipperland. Flächen, die sich weder für Rinder noch Pferde eignen – weil die Weidefläche zu klein, zu steil oder zu schattig ist. Zu wenig Gras wächst dort.

Höllers Schafe kommen gut damit klar. Im Grunde, sagt der Schäfer, biete er auch eine Dienstleistung an, nämlich Landschaftspflege. Seine Schafe hielten den Bewuchs klein, zertrampeln den Boden nicht. Deshalb bekomme er auch oft Flächen angeboten. „Die Leute sind froh, wenn ich mit meinen Schafen komme.“

Diese vielen kleinen Parzellen gegen den Wolf zu schützen sei schwierig, sagt Höller. Zusammengerechnet müsste er viele Kilometer Zäune bauen, Weidegeräte aufstellen, Elektrolitzen ziehen – und viele Hütehunde halten. Einen hat er, doch der kann nicht überall sein. Und fast alle Flächen grenzen direkt an den Wald. Ideal für Wölfe, ein gedeckter Tisch, direkt aus der Deckung des Unterholzes.

Die Schafe gegen den Wolf zu schützen ist schwierig. pr.

Mit den „schablonenhaften Lösungen der Wolfsberater“ kommt Höller also nach eigener Einschätzung wahrscheinlich nicht weiter: „Die Kosten und der Aufwand, die Schafe zu schützen, stehen irgendwann in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zum Nutzen.“ Einen angeblich wolfsicheren Zaun muss er aber bauen, damit er im Falle eines Wolfrisses eine Entschädigung bekommt.

Doch Höller hat nach Gesprächen mit Kollegen Zweifel, ob das alles nutzt. „Wölfe benutzten Zäune als Trainingsparcours.“ Die dreistesten und sprunggewaltigsten Tiere hätten den größten Beuteerfolg. „Die setzen sich durch.“

Kein schöner Anblick

Dass Wölfe Opportunisten sind, kann man nachverfolgen: In der Lüneburger Heide greifen die Tiere inzwischen auch tagsüber Schafherden an. Der letzte Wolfsriss ist am 26. Dezember in Immensen bei Lehrte bestätigt worden. Die Schafe standen nach Angaben des Halters sogar in einem Stall, dessen Eingang mit einer Platte aus Plexiglas gesichert war. Höller sagt: „Das ist kein schöner Anblick, der sich einem Tierhalter nach einem solchen Gemetzel bietet.“

Der Schäfer betont, er habe nichts gegen Wölfe in großen, relativ menschenleeren Gegenden. Das Schaumburger Land sei aber wie das Lipperland zu dicht besiedelt. Es habe vom Landkreis für Nutztierhalter eine Informationsveranstaltung gegeben, bei der das meist benutzte Wort „spannend“ gewesen sei. Höller: „Ebenso gut hätte man sagen können, wir haben keine Ahnung, was da auf Sie als Nutztierhalter noch alles zukommt.“

Das Land Niedersachsen habe seit der Ansiedlung des Wolfes rund eine Million Euro ausgegeben. „Das sind Steuergelder dafür, dass wir künftig unser Lammfleisch aus Australien kommen lassen“, meint Höller – weil es „bei uns“ dann keine Schafzüchter mehr gebe. Kleinere Flächen müssten künftig mit Motorsensen bearbeitet werden. Oder man lasse sie einfach zuwachsen. Erste Schafzüchter im Sauerland hätten bereits aufgegeben.

Höller betreibt die Schafzucht seit 1996 und hat mit seiner seltenen alten Rasse unter Schafzüchtern in Niedersachsen einen Namen. Auf der „Grünen Woche“ in Berlin wurde Bock „Aloisus“ ausgezeichnet. Höllers Böcke sind vom Landesschafzuchtverband gekürt, einer sogar als der beste in Niedersachsen gezogene Bock.

Höller verwertet die Wolle seiner Schafe. Seine Frau hat Strickmaschinen dafür. Außerdem verkauft er Lammfleisch, unter anderem in Spezialitäten wie Schafsalami mit Salbei-Ingwer-Würzung. wm

 

„Die Politik verharmlost“

In Niedersachsen sind bisher insgesamt 619 Fälle von „Nutztierrissen“ durch Wölfe bekannt geworden (nachzulesen auf wolfsmonitoring.com). Attackiert wurden neben Schafen auch Kälber, Rinder und Fohlen. In vielen Fällen ist bei Wolfsangriffen mehr als ein Tier verendet.

Ein Wolf reißt nämlich nicht einfach ein Schaf und flüchtet wieder in den Wald. Als Folge eines Rudelangriffs sind beispielsweise in Schleswig Holstein 20 Schafe und 32 Lämmer verendet. Schafzüchter sagen: „Die Politik beschwichtigt und verharmlost.“

Der Bauernverband befürchtet, dass durch den Wolf die Weidetierhaltung vor allem kleiner Betriebe gefährdet ist, die sich effektiven Wolfsschutz nicht leisten können. Auch Pferdehalter sind inzwischen alarmiert, nachdem Wölfe Ponys und Fohlen gerissen haben.

Jäger sagen, das Problem sei, dass Wölfe sich anders verhalten als es die sogenannten „Wolfsexperten“ erwartet haben – weil die anpassungsfähigen Raubtiere ihre Angst vor Menschen verlieren, wenn sie nicht bejagt werden. Die Annahme, der Wolf würde bei seiner Rückkehr nach Deutschland keine Probleme machen, habe sich als falsch erwiesen. Die Landesjägerschaft fordert deshalb, die Tötung von Wölfen generell vorzusehen (einzelne Tiere oder Rudel auch zur Abschreckung) und dafür eindeutige Kriterien zu bestimmen.

Wolf in einem Wildpark.

Wölfe überwinden große Strecken: In Frankfurt ist ein Wolf auf der Autobahn überfahren, im Schwarzwald einer aus Niedersachsen geschossen worden. Wie alle Wildtiere können Wölfe unberechenbar sein. Die Tageszeitung „Die Welt“ hat das so formuliert: „Die Rückkehr der Wölfe ins Land der Ahnungslosen“. Valerius Geist, Professor für Umweltwissenschaften, Biologe an der Universität Calgary in der kanadischen Provinz Alberta hat folgende Beobachtungen veröffentlicht: Demnach gibt es eine Eskalation in mehreren Stufen. Wölfe beobachten zunächst eine Siedlung, bleiben ihr aber fern. Anschließend wagen sie sich dichter heran. Sie reißen zunächst Nutztiere, oft nachts, später auch tagsüber. Danach, so Geist, würden Menschen als Beute getestet, zuerst vorsichtig, beispielsweise durch ein Zerren an der Kleidung. Schließlich folge – wenn die Wölfe nicht vertrieben würden – ein Angriff, der tödlich ausgehen könnte.

„Oberste Priorität hat die Sicherheit des Menschen“, versichern die Zuständigen beim Wolfsbüro des Landes Niedersachsen. Präventionsarbeit im Herdenschutz und Ausgleichszahlungen bei Nutztierschäden sollen „eine konfliktfreie Lebensgemeinschaft von Wolf, Nutztier und Mensch“ schaffen. Schließlich sei der Wolf auch ein Gewinn für den Artenschutz. Als Beutegreifer fresse er bevorzugt schwache Tiere, womit er den Wildbestand auf natürliche Weise reguliert. wm

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