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Im Land der Samurai

Thema des Tages Im Land der Samurai

Als wahrscheinlich erster Schaumburger hat Carl Köppen 1868 japanischen Boden betreten. Ähnlich wie Tom Cruise in dem historischen Blockbuster "Last Samurai" wirkte der Bückeburger dort als Militärberater auf Kiuschu. Aus seiner Heimat ließ er später auch einige Handwerker nachkommen.

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Schaumburg-lippische Jäger von 1835.

Quelle: pr

Weltreisen sind heutzutage nichts Besonderes mehr. Man kann mit dem Flugzeug jeden Fleck der Erde erreichen. Das war bis vor 50 Jahren noch anders.

Unsere Urgroßväter und Urgroßmütter kannten Länder und Kontinente wie Indien, Thailand oder Australien, wenn überhaupt, nur vom Hörensagen. Als besonders abgeschieden, fremdartig und rätselhaft galt bis in die jüngste Vergangenheit hinein Japan. Selbst aufgeklärten heimischen Zeitgenossen war – mit Ausnahme von einigen geheimnisumwitterten Begriffen wie Geisha, Shogun oder Samurai – nichts vom Land der aufgehenden Sonne bekannt.

Umso größeres Aufsehen erregte es, wenn jemand den fernen Inselstaat selbst erlebt und gesehen hatte. Der erste Schaumburger, dem dies gelang, war Carl Köppen. Der Bückeburger hielt sich von 1868 bis 1871 als „militärischer Entwicklungshelfer“ unter den Söhnen und Töchtern Nippons auf. Allein schon die Überfahrt geriet zu einem kaum vorstellbaren Abenteuer. Die Zweimast-Brigg „Heinrich“ brauchte von Hamburg bis in die Osaka Bay sechseinhalb Monate. Unterwegs herrschte Dauersturm. Ein Teil der Mannschaft starb an Skorbut. Der Kapitän war ständig betrunken.

Elitäre Kriegerkaste

Carl Köppens ungewöhnlicher Auslandseinsatz hatte mit den revolutionären Veränderungen in Japan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu tun. Das Land war über Jahrhunderte hinweg während der sogenannten „Tokugawa-Zeit“ (1603–1867) von einer elitären und traditionsbewussten Kriegerkaste beherrscht worden. Die heute oft als Samurai verherrlichten Kämpfer hatten das Land rigoros gegen Einflüsse von außen abgeschottet.

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Der bis dato machtlose Kaiserhof gewann die Oberhand. Die Repräsentanten des „neuen“ Japans öffneten das Land. Dabei kam es zu einer zuweilen fast schwärmerisch anmutenden Hinwendung zu Europa. Vielbewundertes Vorbild auf militärischem Gebiet war Preußen. In großem Stil wurde die dort entwickelte „Kriegskunst“ importiert. Eine Handvoll ausgewählter Ausbilder und Waffenexperten krempelten die traditionelle heimische Kampfweise auf Drill und Angriffstaktik um. Nicht umsonst ging den Japanern schon bald der Ruf als „Preußen des Ostens“ voraus.

Der Reformkurs stand des Öfteren auf Messers Schneide. Die blutigen Kämpfe zwischen den alten Herrscher-Eliten und den kaiserlichen Reformern zogen sich über fast zwei Jahrzehnte hin. Genau in diese Zeit fällt das Japan-Abenteuer von Köppen.

800 Hinterladergewehre aus Suhl

Köppen wurde 1833 in Bückeburg geboren. Nach einer Lehre als Gerichtsschreiber meldete er sich beim Fürstlich-Schaumburg-Lippischen Jägerbataillon. Seine Karriere als Waffenexperte und Weltreisender begann, als sich sein oberster Dienstherr, der damalige Fürst Adolf Georg, entschloss, seine Soldaten mit neuen Waffen auszurüsten. 1860 bestellte der Schlossherr 800 moderne (Zündnadel-) Hinterladergewehre. Angefertigt wurden sie im thüringischen Suhl – damals Standort der reichsweit bekanntesten Waffenschmiedewerkstätten.

Damit die Gewehre mit ihrer hierzulande noch unbekannten Technik richtig gewartet und im Bedarfsfall auch repariert werden konnten, wurden einige technisch begabte Soldaten zu einer Art Einführungskurs abkommandiert. Zu den in Suhl geschulten Einheimischen gehörte auch Köppen. Der als besonders geschickt und clever geltende Feldwebel mauserte sich schon bald zum unentbehrlichen Fachmann und hoch geachteten schaumburg-lippischen Waffenexperten.

1867 wurde die Streitmacht des Fürstentums im Gefolge der Bismarckschen Großmacht- und Bündnispolitik in das Heer des übermächtigen Nachbarn Preußen eingegliedert. Die nicht mehr benötigten Ausrüstungs- und Ausstattungsgegenstände wurden verkauft. Besonders begehrt waren die noch weitgehend ungenutzten Zündnadelbüchsen.

Den Zuschlag bekam eine mit der Abwicklung von japanischen Waffengeschäften und dem Anwerben eines hochkarätigen Militärexperten betraute Hamburger Großhandelsgesellschaft. Köppen erklärte sich sofort zur Ausführung des Beraterjobs bereit. Am 17. Dezember 1868 stach der damals 35-Jährige von Hamburg aus in See. Einzelheiten über seine anschließenden Erlebnisse hat er in einem Tagebuch festgehalten.

Militär-Ausbilder in Wakayama

Sein neuer Wirkungskreis war das zu den vier japanischen Hauptinseln zählende Eiland Kiuschu – damals noch ein weitgehend unabhängiges und unerschlossenes Territorium. Köppens feudaler Dienstsitz lag in der Nähe der Residenzmetropole Wakayama. Schon bald hatte sich der tatkräftige Handwerkersohn aus dem fernen Schaumburg als Ausbilder der ihm anvertrauten Rekruten und später als Ratgeber bei der Truppenorganisation sowie beim Bau und der Anlage von Kasernen, Schießständen, Munitionsfabriken und sonstigen militärischen Anlagen unentbehrlich gemacht. Bei der Umsetzung half ein stetig wachsender Mitarbeiterstab. Zur Herstellung von Schuhwerk, Koppeln, Patronentaschen und Tornistern ließ er Schumacher und Gerber aus Schaumburg nachkommen.

Zum Schluss konnte Köppen seine japanischen Gesprächspartner von den Vorteilen der allgemeinen Wehrpflicht überzeugen. Bei der ersten „in scharfer Marschweise“ nach schaumburg-lippisch-preußischem Vorbild ausgerichteten Militärparade der mittlerweile auf 6000 Mann angewachsenen Truppe soll es stürmischen Beifall gegeben haben. Köppen verdiente prächtig. Er bewohnte mehrere Anwesen. Auch eine junge Hausdame wurde ihm zur Milderung des Trennungsschmerzes zur Verfügung gestellt.

Pionier der deutsch-japanischen Beziehungen

Im Juli 1871 schickten ihn seine japanischen Gastgeber mit einer Generalvollmacht nach Deutschland, um weiteres Kriegsgerät zu beschaffen und zusätzliches Fachpersonal anzuheuern. Bei dieser Gelegenheit wurde er von Kaiser Wilhelm I. „in Anerkennung der Verdienste für die Förderung deutscher Interessen in Japan“ zum Leutnant befördert. Als Köppen Anfang 1872 nach Japan zurückkehrte, hatten sich die dortigen Machtverhältnisse weiter nachhaltig verändert. Die von ihm ausgebildeten Truppen waren einem höfischen Zentralkommando unterstellt worden.

Die von Köppen entwickelten Strukturen galten jetzt in ganz Japan. Für den Reformator selbst aber blieb, nicht zuletzt aufgrund von Intrigen seiner Neider, kein Platz. Einige Monate später kehrte Köppen nach Deutschland zurück. Als er 1907 starb, war er ein hoch dekorierter, über die heimische Region hinaus bekannter und angesehener Mann. In den Nachrufen war vom „Pionier der deutsch-japanischen Beziehungen“ und vom „Moltke der japanischen Armee“ die Rede.

Heute kommt der Name des Bückeburger Handwerkersohns nur noch in japanischen Schulbüchern vor. Von Wilhelm Gerntrup

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