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Luthers Gedankengut

Thema des Tages Luthers Gedankengut

Es soll Schüler geben, die es befremdlich finden, dass Goethe seinen „Faust“ mit so vielen bekannten Sprüchen durchsetzt. „Das also war des Pudels Kern“, zum Beispiel, oder: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, oder auch: „Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube.“

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Das Denkmal zu Ehren von Martin Luther vor der Johanniskirche in Magdeburg.

Quelle: dpa

Thema des Tages. Nach einer Weile erst wird ihnen klar, dass Goethe sich nicht großzügig am deutschen Sprüche-Schatz bediente, sondern dass er es war, der diese neuen „geflügelten Worte“ erschuf. Ein bisschen so ähnlich ist es mit Martin Luther.

Erst jetzt, da Martin Luther mit seinen Werken und Gedankengut anlässlich des 500. Jubiläums der Reformation fast täglich in den Medien präsent ist, wird allgemein bekannter, dass unsere Sprache ohne seine Bibelübersetzung um eine ganze Reihe wunderbarer Wörter ärmer wäre. Wer hätte denn geahnt, dass wir dann keinen „Geizhals“ hätten, dass wir kein „Trübsal“ blasen könnten, dass wir ohne einen „Sündenbock“ auskommen müssten und kein „Machtwort“ zur Verfügung hätten. All diese Wörter, und noch unzählige mehr, gab es nicht, bevor Martin Luther sie erfand. Das eigentlich Besondere aber besteht in der Tatsache, dass wir diese sogenannten „Neologismen“, also Wortneuschöpfungen, auch heute noch ganz selbstverständlich benutzen.

Erfindungsreichtum

„Ständig werden ja neue Worte erfunden“, erklärt der Germanist Dr. Ernst Ribbat. „Sprache ist eine höchst wandlungsfähige Angelegenheit, die sich immer weiterentwickelt. Allerdings: neue Worte kommen zwar, aber die meisten gehen auch wieder und waren nur ein kurzer Ausdruck des Zeitgeistes. Es hat schon seine Gründe, dass Luthers Erfindungsreichtum auch nach 500 Jahren noch immer unsere Sprache prägt.“ Ernst Ribbat war Germanistik-Professor an der Universität Münster und wird am Sonntag, 26. Februar, in Hameln einen Vortrag über „Martin Luther als Schriftsteller“ halten. Dabei steht die Sprachgewalt des Reformators im Mittelpunkt.

Das „Lästermaul“ stammt aus Luthers Feder, ebenso wie der „Langmut“; der „Lockvogel“ genauso wie der „Lückenbüßer“; ohne ihn hätten wir kein Wort für einen „Schandfleck“, für „Gewissensbisse“ oder den „Bluthund“. Wir würden nicht „auf Sand bauen“, „die Zähne zusammenbeißen“, „im Dunkeln tappen“, und auch der eindringliche Ausdruck vom „Wolf im Schafspelz“ gehörte nicht zum allgemeinen Wortschatz. „Es kamen einige glückliche Umstände zusammen, damit Luther so präsent bleiben konnte“, sagt Ernst Ribbat. „Der bedeutsamste davon ist die Erfindung des Buchdrucks und dass er sich zu Luthers Zeit so weit etabliert hatte, dass neue Bücher im Handumdrehen deutschlandweit Verbreitung finden konnten.“

Schriften fanden reißenden Absatz

Nicht nur das im Jahr 1522 von Luther übersetzte Neue Testament wurde zum Bestseller, auch seine Kirchenlieder setzten sich im Gesangbuch durch, und Schriften wie die „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ fanden reißenden Absatz. In manchen Jahren stammten 60 Prozent aller gedruckten Sachen von Luther, eine Dominanz, die so niemand jemals wieder erreichen konnte. „Das allein hätte allerdings wohl nicht genügt“, meint Ribbat. „Es war ja eigentlich schon ein Wunder, dass Luther deutschlandweit verstanden werden konnte.“

Hätte der Reformator nicht an der Sprachgrenze zwischen dem Plattdeutschen und dem Oberdeutschen gelebt, und wäre er nicht bestens vertraut gewesen mit der „sächsischen Kanzleisprache“, einer Art Bürokratendeutsch, das eine Verständigung über die einzelnen Dialekte hinaus ermöglichte, seine Sprache hätte wohl kaum alle Menschen in den deutschen Landen erreicht. Luther war bewusst, dass er eine „Volkssprache“ erschaffen müsse, eine, wie er schrieb, „gemeine deutsche Sprache, dass mich beide, Ober- und Niederländer verstehen mögen.“ Manchmal habe er wochenlang über einzelne Worte gegrübelt, bis er den richtigen, allgemein verständlichen Ausdruck fand.

Diese Grübelei vor allem bei der Bibelübersetzung hatte nun nicht nur mit dem bloßen Verständnis-Anliegen zu tun. „Es gehörte auch großer Mut dazu, die Bibel mit eigenen Worten zu übersetzen“, so Ribbat. In einer Zeit, wo allein der Papst in Glaubensdingen das Sagen hatte, wo die Messen auf Latein abgehalten wurden, damit die Kirchgänger nicht etwas Falsches in die Worte der Heiligen Schrift hineininterpretieren könnten, sondern nur die Kleriker ausdeuteten, wie man das Wort Gottes aufzufassen hatte, war eine Übersetzung der Bibel aus dem Lateinischen, dem Griechischen und dem Aramäischen mit dem Risiko verbunden, als Ketzer verurteilt zu werden.

„Perlen vor die Säue werfen“

Zwar gab es auch vor Luther schon Bibelübersetzungen. Die aber waren so sklavische Wort-für-Wort-Übersetzungen, aus Angst, etwas zu verfälschen, dass sie sich als fast unlesbar und jedenfalls nicht eingängig erwiesen. Ein Beispiel dafür: da, wo frühere Übersetzer schrieben: „Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund“, verfasste Luther das später zum Sprichwort gewordene „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“. Auch so schöne Ausdrücke wie: die „Perlen vor die Säue werfen“, oder etwas „ausposaunen“, der „große Unbekannte“ oder „ein Buch mit sieben Siegeln“ wären in einer angstvoll wortwörtlichen Übersetzung niemals entstanden.

Luthers Übersetzer-Mut entstand aus der Auffassung, dass jeder Mensch durch seinen Glauben dazu befähigt sei, sein eigener Priester sein zu können, und dafür brauche er die Bibeltexte in einem verständlichen Deutsch. Ihm war klar, dass er dabei „dem Volk aufs Maul“ schauen müsse, auch deshalb, weil nur die wenigsten Menschen lesen konnten. Seine Texte waren, erklärt Ribbat, immer an der gesprochenen, rhythmisierten Sprache, nicht an einer steifen, gehobenen Schriftsprache orientiert. „Sie wurden ja auswendig gelernt und dann mündlich weitergegeben. Auch das ist übrigens ein Grund für die intensive Aufnahme seiner Sprache. Was man auswendig kann, setzt sich besonders fest.“

Luther-Deutsch übersteht den Wandel der Zeit

Man dürfe natürlich den Zeitpunkt, zu dem Luther seine Bibelübersetzung, die Lieder und Traktate verfasste, nicht außer Acht lassen, erklärt Ribbat weiter. Es war eben die Zeit der „Reformation“, der „Erneuerung“ des Glaubens. Auch die Protestanten brauchten ihre Festschreibungen, ihren Kanon, auf den sich alle Gläubigen gleichermaßen beziehen konnten. Die protestantische Kirche selbst trug entscheidend dazu bei, dass das Luther-Deutsch den Wandel der Zeiten so grandios überstanden hat: „Feuertaufe“ und „Feuereifer“; „friedfertig“ und „wetterwendisch“; „Milch und Honig“, „Mark und Bein“.

Die erste vollständige Lutherbibel mit Altem und Neuem Testament von 1534, die würde wohl kaum ein heutiger Leser ohne große Mühe lesen können. Zwar trug Luther maßgeblich zur Vereinheitlichung der vielen deutschen Dialekte zu einem Hochdeutsch bei. Doch allein sich durch seine damalige Rechtschreibung hindurchzuarbeiten, bedeutet große Mühe, ganz abgesehen von Formulierungen, die man erst ins aktuelle Deutsch übersetzen müsste. Kein Wunder also, dass man, eigentlich ganz in Luthers Sinn, seine Bibel in immer neuen Fassungen herausbrachte. Gerade ist eine frische Übersetzung entstanden, bei der übrigens einige sprachliche Neuerungen der Ausgabe von 1975 rückgängig gemacht wurden. Es wird nicht alles automatisch zum geflügelten Wort, nur weil es in einer Lutherbibel steht.

Fortentwicklung aller bekannten Wörter

Kleiner Nachtrag: So selbstverständlich wirken fast alle bedeutsamen Worte dieser inzwischen 500 Jahre alten bilderreichen Luthersprache, dass mancher sich vielleicht fragt – ähnlich wie die Schüler in Bezug auf Goethes „Faust“ – ob denn wirklich Luther höchstpersönlich diese Wörter und Sprichwörter schuf oder ob er sie nicht aus seiner Sprachumgebung aufgegriffen und dann für sich verwendet hat. Wer es genau wissen will, braucht nur im guten alten Grimm’schen Wörterbuch herumzustöbern. Die Brüder Grimm verfolgen darin den Ursprung und die Fortentwicklung aller bekannten Wörter. Für diejenigen, die in diesem Text vorkommen, ist fast jedes Mal vermerkt, dass sie erstmals in der Lutherbibel auftauchen. Zumindest in schriftlicher Form waren sie niemals zuvor verwendet worden. cok

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