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Mehr als das Sahnehäubchen

Thema des Tages Mehr als das Sahnehäubchen

Wenn man Christina Haak fragt, wann sie das letzte Mal in ihrem Heimatort Stadthagen war, muss sie gar nicht lange überlegen. „Im August, zu meiner Hochzeit.“ Eine überraschende Antwort, lebt die 50-Jährige doch seit acht Jahren in Berlin, wo sie 2011 zur Stellvertretenden Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz gewählt wurde.

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Die Staatlichen Museen zu Berlin gehören zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ihre 15 Sammlungen dokumentieren die kulturelle Entwicklung der Menschheit von den Anfängen bis in die Gegenwart. Christina Haak hat es von ihrem Büro in der Villa Gontard nicht weit bis zur Gemäldegalerie. 

Quelle: col

BERLIN/STADTHAGEN. Dort ist sie verantwortlich für 19 Häuser und 15 Sammlungen. Mit der Museumsinsel zählt auch das Herzstück der Berliner Museumslandschaft dazu. Ihre Karriere hat die promovierte Kunsthistorikerin in viele deutsche Städte geführt, aber immer wieder zieht es sie zurück nach Stadthagen, wo ihre Eltern noch leben und in die nach Jahren auch ihr Bruder wieder gezogen ist. Und hier liegt auch der Ursprung für ihre Leidenschaft zur Kunst. Diese ist ihr nämlich nicht in die Wiege gelegt worden, wie es immer so schön heißt, sondern hat einen ganz bodenständigen Namen: Frau Claus. Ihre Kunstlehrerin in der Mittelstufe am Wilhelm-Busch-Gymnasium.

„Frau Claus hat einige Zeit in Ägypten gelebt, wo ihr Mann beruflich tätig war“, erinnert sich Haak. Im Unterricht habe sie Aufnahmen ägyptischer Kunst gezeigt, „das war faszinierend“. Naheliegend, dass diese Faszination in der Oberstufe zum Kunst-Leitungskurs geführt hat, „in dem ich allerdings keine Leuchte war“, bekennt Haak heute schmunzelnd und erklärt: „Ich konnte das Praktische nicht.“

Und dennoch sei ihr klar gewesen, dass sie Kunstgeschichte studieren will. Ihrer Mutter habe sie zwar damals auf die Frage, „und was macht man damit?“ auch keine befriedigende Antwort geben können, „aber den Vertrauensvorschuss habe ich bekommen“. Um zu prüfen, ob sie das wirklich tagaus tagein machen möchte, absolvierte sie vor dem Studium ein neunmonatiges Praktikum bei einem Antiquitätenhändler in Hameln, was sie in ihrer Entscheidung bestärkt habe.

Schwerpunktwechsel im Studium

Der Liebe wegen begann sie ihr Studium in Braunschweig, wo damals der kunstgeschichtliche Bereich einen Schwerpunkt in Gotik und Mittelalter hat. Zum Hauptstudium wechselte sie nach Münster, wo wiederum italienische und holländische Kunst im Mittelpunkt standen. Auch für ihre Doktorarbeit blieb sie in Münster, forschte dort zum Thema „Barockes Bildnis in Norddeutschland“. Für ein gutes Jahr unterbrach sie 1998 die Arbeit, um in Osnabrück an der Auftaktveranstaltung zum Jubiläum „350 Jahre Westfälischer Frieden“ mitzuarbeiten, „also etwas mit dem anzustellen, was man im Studium gelernt hat“.

Nach dem Abschluss ihrer Doktorarbeit („Wenn man am Kopierer gesiezt wird, ist es Zeit zu gehen.“), absolvierte sie ein zweijähriges Volontariat im Frankfurter Museum für Kommunikation, wo sie unter anderem an den Vorbereitungen verschiedener Wechselausstellungen mitgearbeitet hat. „Weil ich damals die erste Volontärin dort war, hatte ich einige Freiheiten, mich auszuprobieren. Das war wunderbar und nicht gerade üblich bei einem Volontariat.“

Von 2003 bis Ende 2008 leitete sie bei der Museumslandschaft Hessen Kassel die Stabsstelle mit dem Projektmanagement Ausstellungen/Publikationen, Museumsentwicklungsplanung, Öffentlichkeitsarbeit und IT. In Berlin hat die gebürtige Stadthägerin vor acht Jahren als Stabsstellenleiterin Bau begonnen – bis sie vom Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) einstimmig zur Stellvertretenden Generaldirektorin gewählt wurde. Nun sitzt sie in dem mit dunklem Tropenholz vertäfelten Herrenzimmer, in dem sich früher das starke Geschlecht nach dem Essen auf eine Zigarre und einen Cognac zurückgezogen hat. Der Generaldirektor Michael Eissenhauer sitzt dafür im Damenzimmer.

Nicht nur Kunst, sondern auch Finanzielles

Wie bei der Stabsstellenleitung Bau hat die 50-Jährige auch jetzt in ihrem Arbeitsalltag mit vielen Baustellen zu tun. Tatsächlichen, also etwa dem geplanten Neubau der James-Simon-Galerie, die als Eingangsgebäude die Besucher der Museumsinsel Ende 2018 in Empfang nehmen soll. Oder auch der Masterplan Museumsinsel, der am Ende eine Milliarde Euro gekostet haben wird. Aber auch mit Baustellen im übertragenen Sinne, etwa Fragen nach finanziellen Mitteln und vielem mehr, hat Haak tagtäglich zu tun.„Wir haben Arbeitsteilung im modernen Sinne. Ich bin eine Art Innenministerin, habe also mit den knapp 750 Mitarbeitern im Haus zu tun, beschäftige mich mit Finanzfragen, Ausstellungen, Publikationen, Investitionen.“ Die Menge an Arbeit sei manchmal „schier erschlagend, aber sie macht Spaß“.

Sie müsse manchmal schmunzeln, „weil tatsächlich Menschen immer wieder denken, dass, wenn die Museen montags zu haben, wir auch alle frei haben“. Doch Museum sei eben viel mehr als die „Frontshow, die ist nur das Sahnehäubchen“, doch dahinter steht so viel mehr. Großes Thema sei aktuell eine umfassende digitale Strategie. „Dieser Prozess wird uns drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen“ ist sich Haak sicher. Sie halte eine multidigitale Vermittlung für wichtig, um Inhalte zu erklären. Dazu soll es allerdings eine Nutzer- und Rezensionsforschung geben, „denn was wir hier glauben, was die Leute haben wollen, muss nicht den Tatsachen entsprechen.“ Schließlich solle Museum Spaß machen „und im besten Falle, nehmen die Besucher auch etwas für sich mit“. Ein Heranführen und Vermitteln sei häufig aber wichtig, um das zu Verstehen, was gesehen wird. Um etwa ein barockes Bild mit seinem uns heute unbekannten „Vokabular“ zu verstehen, brauche es heute „Übersetzer“.

Spannend sei auch das internationale Geschäft mit seinen diplomatischen Verwicklungen, denn die Berliner Sammlungen sind weltweit unterwegs und häufig sind ausländische Stücke in der Bundeshauptstadt zu sehen. Immer gehen diesen Ausstellungen Verhandlungen mit den ausländischen Museen oder aber auch Regierungen voraus, vor allem wenn es um national wertvolles Kulturgut geht, das nicht ohne Weiteres auf Reisen gehen darf. Diplomatie und Vertrauensaufbau spielen hierbei eine ganz wesentliche Rolle.

Manchmal ist der Wunsch nach mehr Zeit zum Denken da

Zwar liebe sie an ihrem Beruf, dass er jeden Tag neue Herausforderungen mit sich bringt, nie Routine einkehrt, aber manchmal wünsche sie sich einfach Mal Zeit zum Denken. Bei der Frage nach einem perfekten Tag muss Haak nicht lange überlegen: „Nicht um sechs Uhr aufstehen müssen.“ Ob sie privat Museumsbesuche überhaupt noch genießen könne? „Durch meine Neugier ja.“ Aber ihre professionelle Brille könne sie dabei nie ablegen. Neben vielen anderen habe sie in den letzten Monaten mit ihrem Mann während eines Apulien-Urlaubs das Archäologische Museum in Tarent besichtigt und sei beeindruckt gewesen von der Qualität der Stücke und der Präsentation. Und am liebsten sei sie in Depots unterwegs, denn nur etwa drei bis fünf Prozent der Sammlungen – auch in Berlin – werden ausgestellt. In den Depots schlummern noch viele Schätze.

Wirklich aufregend sei es gewesen, als die große und tonnenschwere ägyptische Skulptur des Amenemhet – die intern liebevoll „Püppi“ genannt wird und die lange Jahre im Hof des Pergamonmuseums stand – mit einem Kran über das Wasser des Kupfergrabens gehoben wurde, um für einen Transport vorbereitet zu werden. Sie ist während der Sanierungsphase des Museums als Dauerleihgabe an das Metropolitan Museum in New York gegangen. col

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