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Mesmer und der animalische Magnetismus

Thema des Tages Mesmer und der animalische Magnetismus

Franz Anton Mesmer war in seiner Zeit so etwas wie der Superstar der elektromagnetischen Szene. Der Arzt, der selbst aus einfachen Verhältnissen kam, hatte durch seine Studien und Therapien Zugang zur feinen Gesellschaft seiner Zeit. Er war überzeugt davon, dass eine Art magnetische Energie zwischen Körper und Seele vermittelt. Seine „magnetische Klinik“ hatte großen Zulauf.

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Franz Anton Mesmer eilt ein gewaltiger Ruf voraus. Mit seiner neuen Heilmethode ist er Gesprächsthema in Paris.

Quelle: Wikimedia/Wellcome Images

 Mesmer war überzeugt davon, dass eine Art magnetische Energie zwischen Körper und Seele vermittelt. Seine „magnetische Klinik“ hatte großen Zulauf und machte ihn über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Unter anderem arbeitete er mit sogenannten „Elektrisiermaschinen“. Auch im Museum Eulenburg in Rinteln steht eine solche Maschine aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, mit der durch Reibung Elektrizität erzeugt werden kann. Dieses Phänomen war das Faszinosum der Zeit.

 Professor Hassencamp, der an der Rintelner Universität lehrte, stand sogar mit dem berühmten Benjamin Franklin in Kontakt. Der Amerikaner hatte einen Blitzableiter entwickelt und so geriet Rinteln 1779 unter die Pioniere der Forschung, als auf den Bastionen der Stadtumwallung große Metallmasten aufgestellt wurden, die die Stadt vor Blitzeinschlägen schützen sollten – leider ohne erkennbaren Erfolg.

 Die Menschen waren im wahrsten Sinne des Wortes elektrisiert von dieser unsichtbaren Energie, obwohl man im Dunkeln tappte, was es mit ihr auf sich hatte und wie man sie nutzen konnte. Das leistete höchst spekulativen Theorien Vorschub, die den Errungenschaften dieses rationalistischen Zeitalters zuweilen deutlich zuwiderliefen. Und hier trat ein Mann auf den Plan, dem es gelang, sich zum Superstar der elektromagnetischen Szene aufzuschwingen: der 1734 in Iznang am Bodensee geborene Franz Anton Mesmer. Der studierte Mediziner aus einfachen Verhältnissen eröffnete nach seiner Heirat mit einer wohlhabenden Witwe in Wien eine noble Praxis, die bald zu den ersten Adressen der Stadt gehörte. Man gab hier Musiksoireen – Mesmer war selbst ein begabter Musiker – und pflegte enge Kontakte zur Familie Mozart.

„Magnetische Klinik“ eingerichtet

In diesem Umfeld konnte der Arzt seine Theorie eines animalischen Magnetismus in der Praxis erproben und richtete eine „magnetische Klinik“ ein. Diese hatte großen Zulauf und Mesmer wurde schlagartig berühmt, auch über die Grenzen des Landes hinaus.

 Im Rückgriff auf Isaac Newtons Gravitationslehre sieht er den Menschen eingebunden in ein System wechselseitiger kosmischer Kräfte, einer Art magnetischer Energie, einem unendlich feinen, unsichtbaren Fluidum, das über das Nervensystem zwischen Körper und Seele vermittelt und gleich Ebbe und Flut in Zyklen einen harmonischen Ausgleich bewirkt. Kommen diese Zyklen ins Stocken, ist dies laut Mesmer die Ursache von Krankheiten. Nur durch den Energietransfer des „Magnetisierens“ könnten Stockungen und Verkrampfungen gelöst und Heilungsprozesse eingeleitet werden. Mesmers Begriff des animalischen Magnetismus soll dabei helfen, diese im Menschen waltenden Kräfte vom hinlänglich bekannten mineralischen Magnetismus zu unterscheiden.

 Um dieses Fluidum zu aktivieren, stehen verschiedene Wege offen. Mesmer bringt metallische Magnetbänder zum Einsatz, die auf den Körper des Patienten aufgebracht werden, dazu durch Elektrisiermaschinen erzeugte Stromstöße, zunehmend geht er aber dazu über, durch Handauflegen, streifende Bewegungen oder durch puren Fingerzeig, zuweilen gelenkt durch Spiegel, die geheimnisvollen Ströme zu übertragen. Während der magnetischen Prozeduren verfallen die Patienten in Zuckungen oder Krämpfe, was, vom Magnetiseur hin zu einer Krisis geführt, oftmals einer Tortur gleichkommt, bis am Ende der Sitzung eine Lösung und Beruhigung sich einstellt.

Ein Fall bringt Wien in Wallung

 Anlässlich einer Reise Mesmers nach Ungarn im Jahre 1775 wird ein Arzt Zeuge, wie sich ein junger Baron, der an Lungenspasmen und Erstickungsanfällen leidet, einer solchen Prozedur unterzieht: „Mesmer saß zur rechten Seite des Bettes auf einem Stuhle, mit dem linken Arme gegen dasselbe gewendet, hatte ein hechtgraues, mit goldenen Tressen besetztes Kleid und auf dem einen Fuße einen weißen seidenen Strumpf an; den andern entblößten Fuß hielt er in einem hölzernen, mit Wasser angefüllten Schaff, der ungefähr zwei Fuß im Durchmesser hatte.“ An diesem Bottich sitzt zudem ein Gehilfe. „Er war ganz angezogen, hielt in der linken Hand ein spanisches Rohr, welches mit dem beschlagenen untersten Theil im Wasser, auf dem Boden des Schaffs ruhte. Dieses Rohr mußte er mit der rechten Hand umfassen und so unausgesetzt von oben hinunter reiben. Beide waren dabei stille; nur der Baron sprach (…). Er hatte Frost und doch redete er irre, als ob er ein hitziges Fieber hätte.“ Der Gepeinigte fleht schließlich, man möge ihn lieber totschießen, doch Mesmer setzt unbeirrt seine Behandlung fort, bis sich die Zustände des Barons beruhigen und seine Spasmen abklingen.

 Dem berichtenden Arzt war bereits aufgefallen, dass neben einigen Magneten ein Elektrisiergerät und besondere Wäsche zu Mesmers Reiseausstattung gehörten, nun beobachtet er, dass der Meister sich vor seinem Auftritt mit einem ledernen Hemd und einem seidenen Unterfutter einkleidet, was offenbar als Isolation dient, wenn er seinen Körper mit dem mitgeführten Elektrisiergerät elektrisch auflädt. Er verschafft sich, so die Interpretation des Arztes, durch diese Vorkehrungen die Eigenschaften einer lebenden Leydener Flasche und vermag es, die so gespeicherte Energie auf seine Patienten zu übertragen.

 Zwei Jahre darauf bringt ein besonderer Fall ganz Wien in Wallung. Mesmer behandelt die in früher Kindheit erblindete Maria Theresia Paradies, die inzwischen 18 Jahre alt und eine Berühmtheit als pianistisches Wunderkind ist. Er bewirkt eine Heilung von dieser offensichtlich psychisch begründeten Erblindung, was allerdings zur Folge hat, dass der jungen Frau nunmehr ihre gewohnte intuitive Fingerfertigkeit fehlt. In ihren musikalischen Künsten gehemmt, steht das familiäre Einkommen auf dem Spiel und Maria Theresia erleidet – wie auch immer – einen Rückfall. Mesmer muss die Behandlung abbrechen und sieht sich der Häme und den Anfeindungen der klassischen Mediziner Wiens ausgesetzt, sodass er es 1777 vorzieht, sich nach Paris abzusetzen.

 Vom Erfolg verwöhnt

 In der brodelnden Metropole eilt dem Arzt bereits ein gewaltiger Ruf voraus und er kann in kurzer Zeit am eleganten Place Vendôme erneut eine Praxis eröffnen. Mit seiner im großen Stil propagierten Methode rennt er in den Salons offene Türen ein, ist das Gesprächsthema der Stadt und strapaziert einmal mehr die überspannten Nervenkostüme vor allem der Damen, die in ihren einschnürenden Miedern eh dazu neigen, aus geringem Anlass in Ohnmacht zu fallen. Wenn er zu seinen Séancen lädt, weiß Mesmer sich mit einer Aura des Geheimnisvollen zu umgeben, hüllt den Behandlungsraum in Dämmerlicht und sich selbst in Gewänder mit okkulten Symbolen und lässt im Hintergrund Musik und Gesang ertönen, um den Fluss des Fluidums zu befördern. Bald gilt sein Verfahren als Allheilmittel und treibt ihm das Publikum in einem Maße zu, das ihn darauf bringt, Gruppenbehandlungen einzuführen, seine magnetischen Ströme durch Menschenketten laufen zu lassen oder seine Klientel um sogenannte Baquets zu versammeln, große, mit Magneten, Glas und Wasser gefüllte Zuber, aus denen Metallstäbe herausragen, die die Anwesenden an die betroffenen Körperstellen halten, um sie vom zugeführten Fluidum durchströmen zu lassen.

 Vom Erfolg verwöhnt, gründet Mesmer über das Land verteilte „Harmonische Gesellschaften“, in denen er gegen gutes Geld Interessenten ausbildet und nach seiner Weisung therapeutisch verfahren lässt. Das lässt natürlich auch die etablierten Mediziner der Société Royale nicht ruhen und sie unternehmen einiges, um Mesmer zu diskreditieren, obwohl Heilungserfolge durchaus zu konstatieren sind und Mesmer alles unternimmt, um sein Verfahren wissenschaftlich zu legitimieren.

Expertenkommission einberufen

Um die Unruhe in der Fachwelt zu beenden, sieht sich König Ludwig XVI. im Jahre 1784 veranlasst, eine Expertenkommission einzuberufen, der als prominentester Teilnehmer Benjamin Franklin angehört. Diese verwirft nach eingehenden Untersuchungen Mesmers Methode, siedelt seine Behandlungserfolge im Reich der Autosuggestion an und warnt vor den Gefahren des Herbeiführens krisenhafter psychischer Zustände. Damit ist es um seine Reputation geschehen und er verlässt die französische Hauptstadt in Richtung seiner Bodenseeheimat, wo er noch lange Jahre unverdrossen sein Metier betreibt. Ein Jahr vor seinem Tod erscheint 1814 sein Vermächtnis, das grundlegende Werk „System der Wechselwirkungen“, und dies zeitgleich mit einem weiteren epochemachenden Buch, die „Symbolik des Traums“ des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert, der Mesmers Ideen aufgreift und in die Welt des Unbewussten überführt. Beide Arbeiten treffen in Deutschland den inzwischen von der Romantik geprägten Nerv der Zeit, beeinflussen die Vertreter der Geisteswelt und Schriftsteller wie Heinrich von Kleist oder E.T.A. Hoffmann.

 So kommt es im 19. Jahrhundert zu einer ausgeprägten Renaissance des Mesmerismus, insbesondere in der hypnotischen Spielart des „künstlichen Somnambulismus“. Und sieht man von den nebulösen und obskuren Elementen ab, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der animalische Magnetismus einigen Einfluss auf die aufkommende Naturmedizin, auf die Kenntnisse psychosomatischer Erkrankungen und letztlich auf die Entstehung der Psychoanalyse hatte. Auch in heutigen Zeiten finden sogenannte heilmagnetische Verfahren in der Naturheilkunde Anwendung und eben erst machte ein Wiedergänger des Meisters, „Mesmer“ geheißen, im Pariser „Olympia“ mit einer spektakulären Hypnoseshow Furore.

Von Peter Weber

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