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S.O.S. in der Pflege

Thema des Tages: Pflegenotstand S.O.S. in der Pflege

Wir werden immer älter – die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt stetig weiter. Wer soll sich um sie kümmern? Weil es landesweit an Fachkräften fehlt, wird gar von einem drohenden Pflegenotstand gesprochen. Das Interesse, sich für diesen Beruf ausbilden zu lassen, ist gesunken. Das hat ganz unterschiedliche Gründe.

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Nach Ansicht von Experten kann der Fachkräftemangel in der Altenpflege nur durch Anwerbung von ausländischem Personal aufgefangen werden.

Quelle: dpa

Von Barbara Jahn-Deterding

Man mag es kaum glauben, wenn von einem drohenden Pflegenotstand gesprochen wird. Dabei sieht doch jeder täglich die kleinen Flitzer, die durch ihre Aufschriften signalisieren, dass sie unterwegs sind zu pflegebedürftigen Menschen. Außerdem mehren sich in Städten wie beispielsweise in Hessisch Oldendorf die Einrichtungen, in denen Ältere und Pflegebedürftige betreut werden.
 Die Lebenserwartung steigt, immer mehr alte Menschen sind auf Hilfe und Pflege angewiesen. Früher war es besonders in den ländlichen Regionen eine Selbstverständlichkeit, dass die alten Menschen in den Großfamilien von allen Familienmitgliedern betreut wurden. Angesichts der Landflucht ist es heute eher so, dass in den Dörfern auf den ehemaligen Hof-stellen nur noch eine ältere Person wohnt. Oftmals ist diese dann darauf angewiesen, dass die warme Mahlzeit gebracht wird oder der Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes kommt, um Hilfestellung der verschiedensten Art bei der Pflege zu leisten.

Aber auch in den Städten wächst die Zahl derer, die auf die Versorgung und Betreuung von Mitarbeitern der ambulanten Pflegedienste angewiesen sind oder die stationär betreut werden. Nach Angaben des Statistischen Landesamts waren in Niedersachsen 2011 insgesamt 270 400 Menschen pflegebedürftig. Das Sozialministerium rechnet allein bis 2020 mit einem Anstieg um 20,6 Prozent auf 326 100 Pflegebedürftige. „Das sind die Zahlen, an denen auch wir uns orientieren“, erklärt Sonja Meerhaut, Pressesprecherin der AOK im Servicezentrum Hameln. „Zum heutigen Tag schätzen wir, dass wir bei unseren Versicherten 2013 im Bereich Hameln einen Anstieg um 100 bis 150 stationär und ambulant Pflegebedürftiger im Vergleich zu 2012 haben werden“, macht sie deutlich.

Pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes sind die Personen, „die für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedürfen“. Hilfebedarf kann bestehen bei der Körperpflege, bei der Ernährung, bei der Mobilität oder bei der hauswirtschaftlichen Versorgung.
 „Das sind die grundlegenden Maßnahmen, die vom Pflegepersonal erbracht werden müssen. Die Absolventen unserer Altenpflegeschule erwerben darüber hinaus weitere Kompetenzen“, sagt Ulrike Bäßler. Die Leiterin der Emmerthaler Berufsfachschule erklärt: „Die Fachkraft muss den gesundheitlichen und pflegerischen Zustand des Pflegebedürftigen erkennen und entscheiden, welche medizinisch-pflegerischen und sozial-pflegerischen Maßnahmen erforderlich sind und sie muss deren Ergebnis bewerten.“ Eine Aufgabe, die Verantwortung und Entscheidungsbereitschaft verlange, sowohl von den Kräften, die in der ambulanten Pflege tätig sind, als auch von denen, die in stationären Pflegeeinrichtungen arbeiten, erklärt Ulrike Bäßler.

 Wenn nach Schätzung des niedersächsischen Sozialministeriums das Land bis 2020 rund 25 000 zusätzliche Fachkräfte benötige, müsse man sich fragen, wo diese herkommen sollen, so die Schulleiterin. „Wir haben alle 80 Ausbildungsplätze belegt, aber nicht wie in früheren Jahren Bewerberüberhänge“, macht sie deutlich. Und sie wisse aus ihrer Tätigkeit, dass dies nicht nur für Hameln, sondern niedersachsenweit gelte, ergänzt Ulrike Bäßler.
Die Ursachen für diese Entwicklung macht die Schulleiterin an verschiedenen Faktoren fest. „Es ist nicht das Interesse am Beruf der Altenpflegefachkraft, das nachlässt, sondern die Tatsache, dass es von Jahr zu Jahr weniger Realschulabgänger gibt, die eine Berufsausbildung beginnen“, ist eines ihrer Argumente. Außerdem könne man nicht davon ausgehen, dass jeder Schulabgänger in einen Pflegeberuf gehen möchte, fährt die Schulleiterin fort. „Und natürlich müssen die Rahmenbedingungen attraktiver werden. Da ist noch Luft nach oben. Dabei geht es nicht nur um das Geld, sondern auch um die Einteilung der Schichtdienste und die enorme Arbeitsbelastung, verdeutlicht sie.

Der Fachkräftemangel kann nach Ansicht der Verbände nur durch Anwerbungen von ausländischem Personal bekämpft werden. „Bei allen Ausbildungsbemühungen werden wir es nicht schaffen, den Personalmangel in der Pflege in den nächsten zehn Jahren in den Griff zu kriegen“, warnt Henning Steinhoff, Leiter der Landesgeschäftsstelle des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste. Die Politik müsse die Anerkennung ausländischer Abschlüsse vereinfachen und sprachliche Hürden senken. „Es muss verstärkt darüber nachgedacht werden, Pflegepersonal zu Fachkräften nachzuqualifizieren und die Altenpflege als zweiten Beruf attraktiver zu machen, beispielsweise für Frauen, deren Kinder aus dem Haus sind“, sieht Ulrike Bäßler einen möglichen Ansatz.

Altenpflegeschulen fusionieren

Die Altenpflegeschule Emmerthal e.V. und die Altenpflegeschule der Julius-Tönebön-Stiftung in Hameln wollen die hochwertige Ausbildung in der Altenpflege im Weserbergland sichern und für die Herausforderungen der Zukunft fit machen. Zu diesem Zweck wollen beide Schulen fusionieren. Am kommenden Montag wird die Gesellschaft „Bildungszentrum für Pflegeberufe Weserbergland“ in Hameln gegründet.

 Ziel ist es, ein Schulzentrum unter einem Dach zu schaffen, mit dem alle Ausbildungen in der Pflege abgedeckt werden. Darüber hinaus wird das Bildungszentrum für Pflegeberufe Weserbergland ein qualifiziertes Fort- und Weiterbildungsangebot aufbauen.
 Im Frühjahr hatten beide Träger bekannt gegeben, dass die Fusion vorbereitet wird. Mit der Unterzeichnung des Gesellschaftsvertrages wurde die Voraussetzung geschaffen, beide Schulbetriebe zeitnah an einem neuen Standort in Hameln zusammenzuführen.

 Die Zusammenlegung ist so geplant, dass die Mitarbeiter und Dozenten von der neuen Gesellschaft bei Wahrung des vollen Besitzstandes übernommen werden. Der Vorsitzende des Vorstandes der Altenpflegeschule Emmerthal, Gerd Feldmann, und die Leiterin der Schule, Ulrike Bäßler, sowie der Vorstand der Julius-Tönebön-Stiftung, Regine Latzko, erklären übereinstimmend zum Hintergrund der Fusion: „Der Bedarf an gut ausgebildetem Pflegepersonal wird künftig erheblich steigen. Gleichzeitig wird es weniger junge Menschen geben, die diese Aufgabe übernehmen können. Aus diesem Grund bereitet der Bund die sogenannte ,generalistische‘ Pflegeausbildung vor, wo dann nicht mehr zwischen Altenpflege und Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung unterschieden wird. Wir wollen uns dieser Herausforderung stellen, indem wir bereits jetzt unsere Pflegeausbildung durch einen großen und starken Schulträger noch attraktiver machen.“

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