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Tiere auf dem Wunschzettel?

Thema des Tages Tiere auf dem Wunschzettel?

Ein eigenes Haustier – davon träumen viele Kinder und beknien ihre Eltern, gerade zur Weihnachtszeit. Doch Tierschützer beobachten, dass Hunde, Katzen und andere tierische Geschenke inzwischen seltener unterm Weihnachtsbaum landen als noch vor einigen Jahren.

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„Oh, sind die süß“ – niedliche Hündchen wie im Tierheim Hameln bringen Kinderaugen zum Glänzen, sind aber nicht als Weihnachtsgeschenk geeignet.

Quelle: Dana/Archiv

Von Frank Westermann und Anja Sokolow. Süße Kätzchen und niedliche Hündchen bringen Kinderaugen zum Leuchten – auf vielen Wunschzetteln stehen Haustiere deshalb zu Weihnachten ganz oben. Doch nach jahrelangen Warnungen von Tierschützern sind Eltern vorsichtiger geworden. „Sicherlich hat die Aufklärungsarbeit dazu beigetragen, dass weniger Tiere leichtfertig verschenkt werden“, sagt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund.

Dass die Nachfrage nach Tieren als Weihnachtsgeschenk sinkt, bestätigt Kerstin Kassner für das Tierheim Stadthagen. Die Tierheimleiterin betont, dass generell kurz vor den Weihnachtsfeiertagen keine „Spontanvermittlungen“ stattfinden. „Wir machen lediglich bei Leuten Ausnahmen, die wir im Vorfeld schon kennengelernt haben und die ihren Feiertagsurlaub für die Eingewöhnung nutzen wollen“, betont Kassner.

Die Vermittlung von Katzen ist aufgrund der Kastrationspflicht vom Tierheim Stadthagen verschärft worden, was ein weiterer Grund für die sinkende Nachfrage speziell zu Weihnachten sein könnte. „Wir verlangen neben einer Vermittlungsgebühr auch die Kosten für die Kastration“, sagt Kassner. Das schreckt scheinbar viele Interessenten ab. Derzeit kümmert sich das Tierheim „um so viele Katzen wie nie zuvor“.

Vermittlungsstopp auch in Bückeburg

Dass es um Weihnachten rum vor ein paar Jahren durchaus noch anders aussah, weiß Monika Hachmeister, Chefin des Tierheims Bückeburg, Rinteln und Umgebung. „Es gab Weihnachtsfeste, da standen Heiligabend Menschen vor dem Tierheim und hatten eine Bitte: Sie hätten nicht das richtige Geschenk für die Kinder gefunden. Ob sie nicht einfach ein Tier haben könnten, jetzt und hier, für die Bescherung?“, erinnert sich Hachmeister.

Der Wunsch wurde den Interessenten jedoch verwehrt, was nach Aussage von Hachmeister auch gute Gründe hat. Kurz vor Weihnachten und bis Neujahr werden in Bückeburg keine Tiere vermittelt, schlicht und ergreifend, „weil es der falsche Zeitpunkt ist“, sagt die Tierheim-Chefin. „Neue Umgebung, neue Menschen, der Weihnachtsbaum, die Geschenke, die Feier mit der ganzen Verwandtschaft – alles heftige und völlig unnötige Stressfaktoren für das Tier im neuen Heim. Springt das Tier dann vor Schreck in den Weihnachtsbaum, dann kann es passieren, dass Miezi zurückgegeben wird, und zwar sofort.“ Hachmeister erzählt von einer Katze, die Heiligabend vor der Tierheimtür abgelegt wurde. „Die ganze Nacht über fiel Schnee, nur knapp hat die Katze überlebt.“

Claudia Gebhardt, Leiterin des Tierheims in Hameln, unterstreicht die Aussage, dass heute die Nachfrage nach Tieren als Weihnachtsgeschenk deutlich zurückgegangen sei. Allerdings würde dieser Wunsch vom Tierheim auch nicht erfüllt. „Tiere als Geschenk, das machen wir grundsätzlich nicht – nicht nur zu Weihnachten nicht, sondern das ganze Jahr über.“

Grundsätzlich gilt: Einem tierischen Begleiter ein Zuhause zu geben, ist eine langfristige und verantwortungsvolle Aufgabe. Diese Entscheidung zu treffen, bedarf einer langen und intensiven Überlegung und sollte nicht an einem Feiertag wie Weihnachten festgemacht werden. Leichtfertigkeit, Mitleidskäufe kurz vor Weihnachten oder der Wunsch des Kindes nach einem tierischen Freund mögen Auslöser für den Kauf eines Tieres sein, aber man sollte widerstehen: Tiere sind keine Handelsware, die wie ein Pullover nach Weihnachten einfach wieder umgetauscht werden können. Insbesondere Kinder verlieren schnell das Interesse. Tiere sind etwas für die Seele, sie tun gut, sagt Hachmeister mit Blick auf die Hunde und Katzen im Tierheim, auch wenn der Gesetzgeber es „skandalöserweise“ noch immer anders sieht: Rein rechtlich sind Miezi und Mausi und Hasso keine Tiere, sondern eine Sache, vergleichbar mit einem Autoaußenspiegel. Und so werden sie zuweilen vom Menschen auch betrachtet und behandelt.

Ein Tier ist kein Bügeleisen

Hachmeister vergleicht die Anschaffung eines Tieres gern mit dem Kauf eines Bügeleisens: Davon, vom Bügeleisen nämlich, hat man sein ganzes Leben etwas, und wenn man es nicht braucht, kommt es einfach ins Regal, während Tiere eine eigene Persönlichkeit haben, manche sind scheu, manche forsch, sie wollen spielen und nach draußen, und so kommt schnell ein Gefühl beim Zweibeiner auf: Mein Gott, die sind ja lästig. Die Folgen, nicht nur in der Ex-Residenzstadt Bückeburg: Alle Jahre wieder werden Tausende Tiere nach dem Weihnachtsfest in den ohnehin schon überfüllten Tierheimen abgegeben.

Seit Jahren warnen Tierschützer davor, Hunde, Katzen, Meerschweinchen und andere Tiere als Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu setzen. „Viele Eltern möchten ihren Kindern diesen Wunsch natürlich erfüllen“, sagt Lea Schmitz. Doch oft werde ein Tier dann leichtfertig angeschafft.

Eine Trendwende bestätigt auch der Zoofachhandel. „Über interne Umfragen haben wir festgestellt, dass die Anschaffung zur Weihnachtszeit rückläufig ist“, sagt die Sprecherin des Zentralverbands zoologischer Fachbetriebe Deutschlands (ZFF), Antje Schreiber, mit Blick auf Haustiere. Zugenommen habe dagegen der Verkauf von Gutscheinen und von Geschenken für tierische Familienmitglieder.

Wie hoch der Anteil missglückter tierischer Weihnachtsgeschenke in den Tierheimen ist, lässt sich laut Tierschutzbund-Sprecherin Schmitz nicht sagen. Nicht jeder, der ein Tier abgebe, erkläre auch ehrlich, warum er dies tue. Viele Gründe könnten zusammenkommen: spontane Urlaubspläne, unerwartete Kosten oder einfach die bis dahin unbekannten Anforderungen an eine artgerechte Haltung der Tiere.

Ein Tierheim ist nicht Karstadt

Doch den vernünftigen Tierhalter, den gibt es auch: „Der sagt von sich aus, dass er das Tier erst im neuen Jahr abholt, wenn der Festtagstrubel vorbei ist“, erklärt Hachmeister.

Ein Problem sind zuweilen die sozialen Medien: Dort kann sich jeder ausmären und muss heute nicht einmal seinen Namen angeben. Gut zu beobachten war dies, als das Tierheim Bückeburg Mitte des Jahres zum Miezentag lud – und auf Facebook vor allem kritisiert wurde, dass man nicht jederzeit einfach mal vorbeikommen und fünf Minuten später mit einem Tier in der Hand rausgehen könne. Hachmeister kennt die Vorwürfe seit Jahrzehnten, „aber ein Tier ist eben ein Lebewesen und daher gibt es vorher ein Gespräch, in dem auch die Geschichte des Tieres erzählt wird“. Und es gibt eine Besichtigung des neuen Wohnraumes. Und was es auch gibt, sind generelle Ausschlusskriterien, sagt sie: Tiere werden nicht an Menschen vermittelt, die beispielsweise an einer viel befahrenen Bundesstraße wohnen, sagt Hachmeister: „Dann kann ich das Tier auch gleich mitten auf die Straße setzen.“

Diese Sichtweise sei Standard: „Bei anderen Tierschutzorganisatoren, mit denen wir zusammenarbeiten, bekommt man die Tiere auch nicht hinterhergeworfen.“ Später formuliert es Hachmeister prägnanter, ganz einfach kurz und knackig: „Wir sind nicht Karstadt.“

Der Miezentag jedenfalls sei gut gelaufen, gefühlte fünf Busladungen hätten das Tierheim besucht, vier Mitarbeiter hätten sich um die Gäste gekümmert. Und natürlich gehöre es zur Philosophie des Tierheimes, dass man die vermittelten Tiere noch lange im Auge behalte, dass man den Kontakt zum Halter nicht abreißen lasse: „Wir begleiten unsere Tiere noch eine lange Strecke.“ Und wenn das dem neuen potenziellen Halter nicht passe, dann dürfe man sich auch mal einen Spruch anhören, nicht besonders originell, aber recht beliebt ist dieser hier: „Dann behaltet doch eure blöden Viecher.“ Den entsprechenden Facebook-Eintrag gibt es heutzutage dann noch obendrauf.

Rinteln, die Stadt der Streuner

Hachmeister spannt den Bogen in die Weserstadt nach Rinteln, denn weil das Tierheim in Bückeburg steht, werde ja gern vergessen, dass es auch für die Rintelner Tiere zuständig ist. Und Rinteln, das sei die Hochburg der Streuner, dort würden sich die mit Abstand meisten herrenlosen Tiere finden; vor allem in Ahe, Schaumburg, Deckbergen, Engern. Aber weil sich der jährliche Unterhalt der Kommunen mittlerweile an den Einwohnerzahlen orientiert, „zahlt Rinteln auch am meisten“, sagt Hachmeister.

Das Bückeburger Tierheim hat bis zum 3. Januar geschlossen. Die Schließung kommt früher als gewohnt, der Grund ist die Grippe, die das Tierheimteam mächtig ausgedünnt habe, heißt es. Mit einer Handvoll Mitarbeitern schaffe man gerade mal die Fütterungen, erklärt Monika Hachmeister.

Das Tierheim Hameln ist dagegen weiterhin geöffnet und hat lediglich Heiligabend und Silvester sowie natürlich über die Feiertage geschlossen. Und auch in diesen Tagen werden durchaus Tiere abgegeben – allerdings nur an geeignete Personen, die man zuvor entsprechend überprüft habe und auch weiter begleite, wie Gebhardt betont. Es gebe Haushalte, in denen es auch zu Weihnachten geruhsam und nicht so turbulent zugehe.

Ausdrücklich warnt sie vor dem Welpenkauf via Internet oder per Parkplatzgeschäft. Das Tierheim Hameln habe zwei Welpen in Quarantäne nehmen müssen, die ihre Halter über das Internet gekauft hatten. Die Hunde seien erst hier geimpft worden, eine längere Quarantäne im Tierheim sei dann gesetzlich vorgeschrieben – für die Welpen keine schöne Zeit.

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