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Verfolgt, verbrannt, verscharrt

Landkreis / Hexenverfolgung Verfolgt, verbrannt, verscharrt

 Der Glaube versetzt Berge – heißt es. Glauben spielte schon immer eine große Rolle, jedoch nicht immer zum Segen der Menschen. Vor allem der Aberglaube führte im Mittelalter und bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zu furchtbaren Tragödien. Insbesondere Frauen wurden als Hexen verfolgt, verurteilt und grausam hingerichtet.

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Blick auf den Weg, den einst Nachtwächter Johan Stöcker beschritt. Im linken Fachwerkhaus befand sich 1657 Gerlach Pennings Gastwirtschaft. 1657 erstattete Stöcker Anzeige gegen mehrere Frauen, weil er sie in einem der Hinterzimmer in „Lucht und Getümmel“ erblickte.

Quelle: tg

Von Claudia Guenther. Hexen, die mit Schadenszaubern Mensch und Tier verhexen und schädigen, auf Besen oder Ziegenböcken zu den Hexentanzplätzen reiten und die Teufelsbuhlschaft, bei der sie vom Teufel bestiegen sich mit ihm vereinigen – all das gehörte für die Menschen noch Ende des 17. Jahrhunderts zu selbstverständlichem Alltagsgedankengut. Man konnte sich Wetterereignisse oder die Entstehung von Krankheiten noch nicht anhand der Naturwissenschaften erklären. In ihrer Unwissenheit und nur wenige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg bauten sich auch die Menschen im Weserbergland ihr Weltbild mit viel „bös‘ Geschrey“ zusammen – wie beispielsweise in Barntrup.

„Unwissenheit, Intoleranz und Fanatismus forderten in Barntrup ihre Opfer“, steht auf der Tafel, die neben der Holzskulptur der „Anne Hohmut“ steht. Die stilisierte Frauengestalt, von Ketten und Eisen umschlungen, soll der als Hexe denunzierten Barntruperin ein Gesicht geben, die am 24. Mai 1658 durch das Schwert hingerichtet wurde.

„Die schlimmste Welle der Hexenverfolgungen fand im 17. Jahrhundert statt und nicht im Mittelalter, wie oft angenommen wird“, berichtet Stadtführerin Marion Behrend. „Mehr als die Hälfte aller wegen Hexerei in der Grafschaft Lippe Hingerichteten fanden unter der Regentschaft von Graf Hermann Adolph zur Lippe (1652-1666) den Tod.“ Der Alltag der Menschen war von Aberglauben durchdrungen und der Reformator Martin Luther glaubte ebenso an die Existenz von Hexen wie Paracelsus, der Vorreiter der modernen Medizin.

 Zu dieser Zeit beherbergte die Stadt Barntrup 68 Familien, bestehend aus 361 Seelen. Diejenigen, die mit der Stadtführerin Marion Behrend auf dem Barntruper „Hexengang“ durch die Zeit reisen, stehen an dem Haus (heute Mittelstraße 37), das im Jahr 1657 Gerlach Pennings Gastwirtschaft beherbergte. Als der Nachtwächter Johan Stöcker in der Nacht zum 1. Mai, die auch Walpurgisnacht genannt wird, von der Hauptstraße in die Gasse neben dem Fachwerkhaus einbog, sah er „Lucht und ein groß Getümmel“. So ist es in den Prozessakten vermerkt, die im Detmolder Landesarchiv liegen. Er sei um das Haus herumgegangen, die Tür habe offengestanden und da habe er gesehen, „daß daselbst im Hauße ein Hauffen Weyber getanzet“. Als er das sah, hätte er große Schmerzen im Leibe bekommen, sich eine Stunde nicht bewegen, nicht sprechen oder sich von dem Ort fortbewegen können, so heißt es weiter. Auf Händen und Füßen sei er nach Hause gekrochen und hätte in den drei folgenden Nächten seinen Dienst nicht versehen können, so krank sei er durch den Schadenszauber geworden, der ihm widerfahren sei.

 Das erzählte er kurze Zeit später seinem Schuhmacher und nannte 14 Frauen namentlich, die er in jener Nacht gesehen haben wollte. Von da an ging das Gerücht, „ein bös‘ Geschrey“ vom Hexentanz in Gerlach Pennings Haus durch ganz Barntrup. Dies war der Beginn einer Kette von Gerüchten und Diffamierungen, die für zehn der Angeklagten tödlich endete. Am 18. Juni wurde Stöcker verhört und zum Kronzeugen der Barntruper Hexenprozesse. Bürgermeister Hans Düvels, der Ehemann der des Teufelstanzes verdächtigen Clärken Düvels, bestand auf die „Wasserprobe“ seiner Ehefrau und Johan Stöckers und hoffte damit, ihre Unschuld zu beweisen – doch vergeblich.

 Nur Clärken wurde gefesselt ins Wasser geworfen. Die Menschen damals glaubten, eine Hexe sei so böse und unrein, dass sie sie bei dieser Probe nicht ins Wasser eintauchen könnten, erklärt Behrend die Denkweise der Menschen. Dreimal schwamm Clärken Düvels oben auf dem Wasser und wurde am 26. Oktober 1657 als erste der von Stöcker bezichtigten Frauen durch das Schwert hingerichtet und anschließend verbrannt. Der Tod durch das Schwert galt als Gnadentod. Manches Mal konnte er erkauft werden. Die beschuldigten Frauen kamen „aus allen Gesellschaftsschichten“, erläutert Behrend. Sie hätten in keinster Weise den heute gängigen Klischees über Hexen entsprochen. Auch den anderen denunzierten Frauen wurde in Brake der Prozess gemacht.

Die Prozessakten geben Einblick in das Leid, das die neun Frauen und ein Mann im Gefängnis zu Brake bei formeller Befragung, peinlicher Befragung, Folter und Wasserprobe bis zur Verurteilung und Hinrichtung ertragen mussten. Auf dem Marktplatz wurden die zum Tode Verurteilten allerdings nicht verbrannt, meint Behrens. „Das wäre viel zu gefährlich gewesen“ wegen der Feuergefahr für die umliegenden Häuser. Vielmehr war der Hinrichtungsort außerhalb Barntrups „unter der Eiche“. Keines der zehn Barntruper Opfer wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

 Luis Knese trug die historischen Informationen in seinem Buch „Zauberwahn und Hexenprozesse in Barntrup“ zusammen, das der Lippische Heimatbund mit der Stadt Barntrup veröffentlichte. Acht der zehn Angeklagten wurden mit dem Schwert hingerichtet, fünf davon seien nach dem Tode verbrannt worden und vier am Schindanger „verscharret“. Am Schindanger außerhalb der Stadt wurden die Überreste von Tieren vergraben, die nicht mehr genutzt werden konnten.

 Während der Befragungen wurden die angeklagten Frauen gegeneinander ausgespielt und bezichtigten sich oft gegenseitig der Hexerei. Dies geschah wohl teils in der Hoffnung, selbst davonzukommen, aber auch aus Missgunst und Neid. Allein, dass die Kälber der Nachbarin besser gediehen als die eigenen und die Bäuerin vielleicht sogar mit den Tieren sprach, wurde aus damaliger Weltsicht übernatürlichen Ursachen zugeordnet.

„Unter Folter sagten die Frauen alles, was ihre Peiniger hören wollten“, ist sich Pastorin Bettina Hanke-Postma sicher, die sich für die Landeskirche auf Spurensuche der Hexenverfolgung im lippischen Südosten begeben hat. Auch die sechs Barntruper Hexentanzplätze, um die es zu der Zeit ein „bös‘ Geschrey“ gab, seien vermutlich von den gefolterten Frauen genannt worden, um die Folter zu beenden. Hatte eine wegen Hexerei angeklagte Frau unter der Folter die ihr vorgeworfenen Taten vor dem Gericht des Landesherrn in Brake gestanden, so „wurde ihr ein Priester geschickt, damit sie ihre Taten bereuen und er ihre Seele retten konnte“, erklärt sie die damalige Rolle der Kirchenmänner. Ein Widerruf der angeklagten Frau hätte deren Seelenrettung in Gefahr gebracht. Deshalb war es den Priestern lieber, die Frau gesteht.

 Der katholische Priester Friedrich Spee von Langenfeld veröffentlichte 1631 anonym den teils im nahen Falkenhagen geschriebenen „Cautio Criminalis“, wo er sich vor der Obrigkeit versteckte. Als Beichtvater hatte er verurteilte Frauen zur Hinrichtung begleitet und kam entgegen der damaligen staatlichen Rechtsauffassung und Kirchenlehre zu dem Schluss, dass Folter nicht der Wahrheit diene.

 Als einzige konnte Liesken Sevinghausen aus dem Gefängnis fliehen. Sie muss Helfer gehabt haben, meint Behrend. Denn nach drei Prozesstagen im Juni 1658 ist sie „zu Brake ausgestiegen und wegkommen“, so steht es laut Knese in den Akten – wenn man denn nicht daran glaubt, sie sei auf dem Besen davongeritten.

 Den einzigen wegen „Teufelsbuhlschaft“ angeklagten Mann, Franz Koop, genannt Paal Franzen und mit 40 Jahren jüngstes Opfer, trieb die Folter in den Selbstmord. Er erhängte sich in seiner Zelle. Der Teufel habe ihm das Genick gebrochen, wurde behauptet. Der Spielmann hatte den Ruf eines großmäuligen und untreuen Ehemannes. Er prahlte mit seinen Ehebrüchen und behauptete, dass das, was die Frauen von ihm auf die Welt brächten, nicht von ihm sei, sondern vom Teufel. Mit diesen vermutlich nicht ganz nüchternen Äußerungen machte er der Obrigkeit die Anklage nicht schwer. Er wurde wegen Ehebruchs und Hexerei zum Tode verurteilt.

 Im September wurde die Buchenskulptur der Annen Hohmut als Teil des Barntruper Kunstpfades vor Gerlach Pennings Gastwirtschaft aufgestellt. Pennings war ihr Ehemann. „Wie fühlt man sich da ohne Hände, ohne Beine eingezwängt und es gibt kein Entkommen“, fragte sich die Künstlerin Sieglinde Strohmeier bei ihrer Arbeit. Das Gesicht hat sie aus altem Lindenholz geschnitzt, das lange auf dem Dachboden des Barntruper Schlosses gelagert war. „Vielleicht haben diese Frauen diesen Baum sogar gesehen.“

 Mütterlicherseits stammt Strohmeier aus Barntrup und „es würde mich schon interessieren, ob meine Vorfahren zu den Verfolgten oder Verfolgern gehörten“, geht sie ihren Gedanken nach. Sie sieht die Skulptur auch als Mahnmal, andere Menschen nicht zu diffamieren. Marion Behrend will mit ihrem Hexengang durch Barntrup „das aufzeigen, was gewesen ist und es nicht in Vergessenheit geraten lassen“. Doch die Verfolgung und Hinrichtung von Menschen wegen Hexerei gehöre in vielen Ländern leider immer noch nicht der Vergangenheit an, betont sie.

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