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Warum Menschen töten, was sie begehren

Gründe für Mord Warum Menschen töten, was sie begehren

„Die Zeit nach der Trennung ist die gefährlichste Zeit im Leben einer Frau“ – diese aus der forensischen Psychiatrie bekannte Gefährdungseinschätzung hat nach Meinung von Forschern nichts an Aktualität eingebüßt. Meist sind es Männer, die ihren Intimpartner töten. Mord aus Liebe? Totschlag im Affekt? Der Psychiater Andreas Marneros bezeichnet diese Taten als Intimizide. 

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Juli 2011: In Bad Pyrmont holen Bestatter die Leiche einer jungen Frau ab. Sie ist von ihrem Freund brutal getötet worden. „Das war ein klassischer Intimizid“, meint Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben.

Quelle: ube

Von Ulrich Behmann

„Immer diese Journalisten“, sagt Andreas Marneros. In der ruhigen Stimme des klinischen und forensischen Psychiaters schwingt ein Seufzer mit. „Redakteure wollen immer plakative Antworten, aber so einfach ist das nicht.“ Es geht um die Frage, warum manche Menschen das töten, was sie lieben. Wohl kein anderer als Professor Marneros hat im Laufe seines Berufslebens mehr auf diesem Gebiet geforscht als der heute 66-Jährige. Er hat für das scheinbar Unbegreifliche sogar ein neues Wort geschaffen: Intimizid. So nennt die Wissenschaft inzwischen das Delikt, das bis 2008 als „Tötung des Intimpartners“ beschrieben wurde. Marneros war bis vor kurzem Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Für zahlreiche Gerichte hat er Hunderte von Gewaltverbrechern begutachtet, darunter Vergewaltiger, Sexualmörder und sogar Kannibalen. Die Motive derjenigen, die ihre Partner getötet haben, haben ihn ganz besonders interessiert. Er hat sie 30 Jahre intensiv erforscht.

 Während er mit unserer Zeitung spricht, greift Marneros zu einem Buch, das er selber geschrieben hat, und liest daraus die Einleitung vor, die das beschreibt, was ihn drei Jahrzehnte lang „so sehr bewegt hat“: „Zwei Menschen lieben sich, empfinden Zuneigung füreinander und entscheiden sich für eine gemeinsame Lebensperspektive. Oder sie mögen sich einfach und beschließen, schöne Dinge zu erleben. Dann irgendwann, nach vielen Jahren oder auch – in seltenen Fällen – kurz nach der Begegnung, tötet der eine den anderen. Der eine begeht am anderen das schlimmste aller Verbrechen: die Enttabuisierung und Vernichtung menschlichen Lebens.

 Aber nicht irgendeines Lebens, sondern des Lebens des Intimpartners. Welche Abgründe erstrecken sich zwischen der Schönheit der ersten Begegnung und dem apokalyptischen Moment, in dem das Böse den Vorhang der gemeinsamen Bühne schließt? Zwischen dem Schönen und dem Bösen liegt ein ganzes Bündel von Emotionen, Prozessen, Handlungen, Traumatisierungen, Hoffnungen und Interaktionen zwischen beiden Intimpartnern.“ Marneros hat im Laufe der Zeit Antworten darauf gefunden. „Es gibt verschiedene Motive für einen Intimizid, aber der wichtigste Grund, den wir in der Mehrzahl gefunden haben – und das geht konform mit der internationalen Literatur –, ist der, dass die Selbstdefinition des einen Partners durch den anderen erschüttert wurde.“

 Das sei ein bisschen kompliziert, meint Marneros – und setzt zu einer weiteren Erklärung an. „Die etablierte Partnerschaft ist für uns eine Ressource der Selbstdefinition, also des Selbstwertgefühls. Verlässt ein Partner den anderen, bedeutet das für den Verlassenen eine Erschütterung seiner Selbstdefinition, also seines Selbstwertgefühls.“ Im Kern gehe es dann um die Frage: Warum tut sie mir das an? Seltener auch: Warum tut er mir das an? „Und dann beginnt eine Kette von Gedanken, von Gefühlen, die genau diese Selbstdefinition erschüttert.

 Morde sind fast  immer Affekttaten

 Nicht immer, aber in der Regel ist die Tötung des Intimpartners nicht programmiert, obwohl manche Täter sagen: ,Wenn ich Dich nicht haben kann, dann soll Dich auch kein anderer bekommen‘. Aber das sind Affekte, nicht Planungen.“ Die Tötungssituation sei „eine finale Bankrottreaktion, ein Versagen der Mechanismen des Menschen“. Deshalb seien fast alle Tötungen des Intimpartners Affekttaten. Marneros vergleicht einen plötzlichen Ausbruch mit einer zerstörerischen Welle. „Ein affektiver Tsunami macht alles kaputt. Nach dem Verbrechen ist der Täter meist völlig ratlos. Er fragt sich: Was habe ich da Wahnsinniges gemacht? Erst jetzt realisiert er, was passiert ist.“ Bei einem Intimizid spiele Kränkung eine wichtige Rolle. „Das, was wir als narzisstische Kränkung bezeichnen, ist in diese Erschütterung der Selbstdefinition involviert: Sie verlässt mich. Warum? Meine Gedankenwelt ist: Weil ich ein Versager bin, weil ich bankrott bin, weil ich unfähig bin, weil ich nicht schön genug bin und solche Dinge.“

 Narzisstische Kränkung ein zweistufiger Prozess

 Eine solche narzisstische Kränkung sei ein zweistufiger Prozess. „In der ersten Phase haben wir die langfristige Kränkung, die einige Tage, Wochen, Monate oder auch Jahre dauern kann. Es ist die Vorbereitung für den Intimizid. In einer solchen akuten und finalen Situation bringe eine Provokationssituation, also eine Beleidigungssituation, eine weitere Kränkung mit sich. Es ist möglich, dass diese als Auslöser wirkt. Aber von größerer Bedeutung ist natürlich die langfristige Kränkung“, erklärt der Wissenschaftler – und fügt hinzu: „Es finden Prozesse statt, die die Persönlichkeit des Täters labilisieren.“

 Die Tötung eines Menschen, den man einmal sehr geliebt hat, sei keine Erfindung der Neuzeit, sagt Marneros. Intimizide habe es zu allen Zeiten gegeben. „Bestes Beispiel in der Weltliteratur ist die Tötung des Agamemnon. Das war der Kriegsführer der Griechen in Troja. Als er nach zehn Jahren nach erfolgreichen Siegen zurückkehrte, wurde er von seiner Frau Klytämnestra getötet. Das war natürlich kein Affektdelikt, sondern ein geplanter Mord, denn sie hatte einen anderen.“ Es gebe viele andere Beispiele: Woyzeck habe Marie erstochen und der Boxer Bubi Scholz seine Helga erschossen.

 In Bad Pyrmont ereignete sich im Juli 2011 ein brutales Verbrechen. Ein junger Mann würgte und tötete seine Lebensgefährtin mit 30 Messerstichen. Anschließend verging er sich an der Toten und stellte seltsame Dinge mit der Leiche an. Für den Strafverteidiger Roman von Alvensleben, der den Hinterbliebenen der Getöteten als Opfer-Anwalt zur Seite stand, „ist diese Tat das wohl intensivste Beispiel für einen Intimizid“. Der Jurist glaubt, dass sich nicht aufklären lässt, welche Gedanken den Täter geleitet haben und welche Gefühle für diesen Ausbruch von Gewalt ursächlich waren. „Bei dem Täter muss Verlustangst grenzenlose Gewalt, aber auch ein Verlangen nach Nähe ausgelöst haben“, meint der Anwalt. Der psychiatrische Gutachter habe bei dem unter einer Persönlichkeitsstörung leidenden Täter auch „ein verwirrtes Bild von Liebe“ festgestellt. „Es gab Briefe des Täters, in denen der junge Mann bereits angekündigt hatte, nicht loslassen zu können. Eine wesentliche Rolle spielte auch das soziale Netzwerk Facebook.

 Dort hatte die 21-Jährige am Tag vor der Tat ihren Beziehungsstatus zunächst von verlobt in problematisch und dann in alleinstehend geändert. Der Täter soll das gesehen haben.“ Auf diesen Fall angesprochen, sagt der Psychiater Marneros: „Nach einer Affekttat – dazu gehört auch der Intimizid – sind die Reaktionen des Menschen vielfältig. Da gibt es Täter, die absolut ratlos sind, und Leute, die in Panik geraten, oder Menschen, die direkt danach einen Suizidversuch unternehmen. Und da gibt es diejenigen, die sogenannte unsinnige Handlungen machen. Diese Aktionen haben mit der psychischen Verfassung des Täters postdeliktisch, also mit dessen Befinden direkt nach dem Delikt zu tun.“ Die Wissenschaftlerin Silke C. Rabe vom Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen ist bei ihren Studien zu dem Schluss gekommen, dass Intimizide am häufigsten in etablierten (nichtehelichen) Partnerschaften vorkommen. „Dann nämlich, wenn das spätere Opfer – in der Regel ist das die Frau – eine Trennung anstrebt.“

 Tötung kettet zwei Menschen aneinander

 „Von diesem Ausgangspunkt aus betrachtet könnte man die Frage, warum ein Mann die Frau tötet, die er liebt, so beantworten, dass er durch den Mord seine Partnerin behalten will.“ Anders ausgedrückt: Die Tötung aus Liebe kettet zwei Menschen auf ewig aneinander. In einem Fall, mit dem sich die Bremer Wissenschaftlerin näher befasst hat, habe sich der Täter erst ein Jahr nach der Trennung – und obwohl er bereits eine neue Partnerin hatte – „für Mord entschieden, da bei ihm die Befürchtung akut wurde, dass auch sie einen neuen Partner finden würde. Wir sprechen in solchen Fällen von sogenannter sexueller Besitzstandswahrung.“ Neben diesen Macht- und Kontrollmotiven gebe es aber auch Fälle, bei denen es um Erniedrigung, Bestrafung und Rache für eine erlittene Trennung geht und der Täter sich deshalb berechtigt fühlt, die Tötung durchzuführen, erklärt Silke C. Rabe.

 Axel Brünger, Leiter des 1. Fachkommissariats in Hameln, das für Mord und Totschlag zuständig ist, zählt Verlustangst, verschmähte Liebe und gekränkte Eitelkeit als häufige Motive für einen Intimizid auf. „Bei sehr vielen Tötungsdelikten, die wir aufgeklärt haben, hatte es zuvor zwischen Täter und Opfer eine Liebesbeziehung gegeben. Brünger hat Schwierigkeiten mit dem Begriff „Liebesmord“. „Hassmord trifft es meiner Meinung nach in vielen Fällen besser“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar, der seit 1979 Polizeibeamter ist und bereits mehrere Mordkommissionen geleitet hat. Für den Kriminalisten muss ein klassischer Liebesmord eine ganz besondere Vorgeschichte haben. Brünger nennt ein Beispiel: „Nach einer langen Ehe wird einer der beiden Partner sehr krank. Schließlich erlöst der Gesunde den Kranken aus ehrlicher Liebe zu ihm von seinen Leiden.“ Es ist wohl eine Frage der Definition und Sichtweise.

 Wenn es um die Tötung des Intimpartners geht, ist Hass für Psychiater Marneros nicht das richtige Wort. „Hass ist – wenn überhaupt – ein vorübergehender Aspekt, der in einen Prozess eingebaut wird“, sagt er. „Nein, nein“, meint der Wissenschaftler, „das hat nur mit Liebe zu tun.“ Die Bremer Forscherin Rabe sieht das genauso: „Die Bezeichnung Hassmord ist weniger passend, denn den Ausgangspunkt eines Intimizids bildet eine einvernehmlich eingegangene sexuelle Beziehung – und nicht etwa Hass gegen bestimmte Gruppen wie bei Morden im homosexuellen Milieu oder bei terroristischen Anschlägen. Der Ausgangspunkt ist nicht erwiderte oder enttäuschte Liebe, nicht unbedingt oder nicht ausschließlich Hass.“

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