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Die Judenbuche | Die Rüstung des Jakolas

Comic Spezial Die Judenbuche | Die Rüstung des Jakolas

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.“ Ein dunkler, prophetischer Satz, eingeritzt in eine Buche, unter der ein Jude ermordet wurde. Nicht wirklich verwunderlich, dass sich die Prophezeiung letztlich erfüllt.

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Aber so dunkel sie klingen mag, viel dunkler sind die Abgründe des Dorfes und der Menschen, die Annette von Droste-Hülshoff in ihrer 1842 erschienenen Novelle „Die Judenbuche“ beschrieben hat. (Zu lesen übrigens seinerzeit im „Cotta‘schen Morgenblatt für gebildete Leser“.) Der Untertitel „Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“ trifft es auch in der Rückschau: Portraitiert wird eine Zeit, in der das Recht brüchig wurde und der Glauben eher seine urteilende, vernichtende Seite zeigte. Es geht auch um einen Mord, aber nicht nur. Das Schicksal des Friedrich Mergel wird erzählt, aber auch das der Armut, der Holzwilderei und einer dörflichen Logik, die sich bis heute nur unwesentlich geändert hat. 

Julian Voloj hat die Novelle textlich adaptiert und auf eine Weise ummontiert, dass der Mord gleich zu Beginn gezeigt und Friedrichs Leben zu einer Verkettung von Verhängnissen wird, ummantelt von den dörflichen Verhältnissen und des nahezu kollektiv vertuschten Holzklaus. Das atmet Schwere und wenig Spielraum für freie Entscheidungen. Hatte Friedrich je eine Wahl? Dabei belässt Voloj es in der Vergangenheit, übergibt dem Leser den Transfer ins Hier und Jetzt. Die nahezu schmerzliche Erfahrung einer vergangenen Zeit mutiert beim Lesen zu der Frage, ob und was davon wirklich vergangen ist.
Claudia Ahlering fasst dies in Bilder, die wie alte Radierungen wirken, voller Schmutz und Elend. Alles scheint patiniert, weit und breit keine Idylle zu entdecken. Ahlerings Zeichnungen merkt man an, dass ihr Interesse vor allem Gesichtern gilt. Deutlich das Gefälle zum Körper, da stimmt kaum noch was, die Hände sehen teilweise richtig schlimm aus. Auch der eher wahllose Einsatz von Stilmitteln des Comic mutet in dieser Ästhetik sehr merkwürdig an: Die gelegentlichen Speedlines z.B. helfen weder Geschichte noch Ästhetik.
Und doch: Sie nimmt uns mit in die Klaustrophobie des Dorfes und beweist ein feines Auge für Mimik und Körperhaltung. So erwachen die Figuren zum Leben und selbst ihre verzeichnet-verkrüppelten Hände werden zu Bildern ihrer Versehrtheit. Man spürt die Anstrengung, der Protagonisten wie der Zeichnerin, und das passt zu der Chronologie von unheilvollen Ereignissen. (Knesebeck, € 24,95)

Im Juli erscheint ein neuer Film von Luc Besson: „Valerian - die Stadt der tausend Planeten“. Wer den Trailer sieht, mag ein Sequel von „Das fünfte Element“ vermuten, allein: Diesmal verhält es sich eher andersrum! Bereits damals arbeitete Besson eng mit Jean Giraud alias Moebius und eben Jean-Claude Mézières zusammen – letzterer zeichnet seit 1967 die Serie „Valerian und Veronique“, die von zwei Agenten des Raum-Zeit-Service handelt. Warum die Universum Film die weibliche Protagonistin aus dem Titel streichen ließ, man weiß es nicht. Unsinn jedenfalls, weil die Serie immer auch von dem Knistern zwischen den beiden lebt und im Film in jedem Fall erhalten bleiben soll.
Doch während der Klassiker einerseits verfilmt wird, durfte sich im Comic ein ganz Großer an einer Art Spin-Off versuchen, auf den man wohl nicht gleich kommen würde. Nachdem er seinem Opus „Blast“ die dunkelsten Seiten der Comicerzählung ausgelotet hat, verneigt sich Manu Larcenet mit „Die Rüstung des Jakolass“ vor 50 Jahren Valerian und Veronique! Natürlich tut er dies respektlos, mit anarchischem Humor, absurden Wendungen und einer zeichnerischen Virtuosität, die ihresgleichen sucht. OK, Valerian ist ein haarbekranzter Saufbold mit dicker Nase und könnte einem Indie-Funnie-Comic entsprungen sein. Aber das ist natürlich nur Ergebnis einer schäbigen Teleinternation des Jakolass Jesperiank, leider ein Verfahren, dass nur diesem ominösen Erzschurken bekannt ist. Sagt zumindest ein älterer Herr, der sich Albert nennt. Findet die Schnapsnase soweit alles in Ordnung, aber als die Shinguz eine Atomexplosion in Kauf nehmen, geht es schnell ins Weltall, in einem arabischen Tante-Emma-Laden. Klingt verrückt? Ist aber nur der Auftakt zur wohl rasantesten Variante eines vertrauten Kosmos‘, und man darf sich schon jetzt auf weitere, in sich geschlossene Bände aus der Feder unterschiedlicher Zeichner freuen. Obwohl… die schrillste Nummer dürfte bereits vorliegen! (Carlsen Verlag, €12) [Volker Sponholz]

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