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So fühlt es sich an, über Glasscherben zu laufen

Von den Socken So fühlt es sich an, über Glasscherben zu laufen

Die Erkenntnis, dass es schön sein kann und obendrein gesund ist, ab und zu die Schuhe auszuziehen, setzt sich durch. Ein Besuch im Barfußpark Egestorf im Kreis Harburg. Seltsam, was Füße plötzlich alles empfinden können.

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Auf Barfuß-Erkundungstour.

Quelle: Villegas

Egestorf. Sommer, Sonne, da ist es ja angenehm, sich des Schuhwerks zu entledigen. Hosenbeine hochgekrempelt, ab auf die Wasserschräge. Nasse Steine führen einen Hang hinunter. Erfrischend. Aber anschließend bittet Maria Sachs zum Wassertreten.

In dem Becken - es geht ein paar Stufen runter und dann im Kreis - herrscht eine gefühlte Temperatur von knapp über dem Gefrierpunkt. Der Kälteschock kommt etwas unvermittelt. Die Füße schicken eine konsternierte Botschaft ans Gehirn: Das ist k-k-k-k-kalt!

Die Füße werden aufgeweckt

Die Menschen entdecken ihre Füße wieder. Jahrzehntelang wurden die hochintelligent konstruierten Laufapparate des Homo sapiens meist nur in dunkle Verliese gestopft, die bestenfalls aus Leder, schlimmstenfalls aus Polyethylen bestanden. Sie wurden mit High Heels gequält und mit Flipflops überanstrengt und für ihre Mühen mit Nichtbeachtung gestraft. Dann kamen die ersten Botschaften von den Fußreflexzonen aus dem fernen Asien nach und nach auch im Westen an. Und die Erkenntnis, dass es schön sein kann und obendrein gesund ist, zumindest ab und zu barfuß durch die Gegend zu laufen, selbst dann, wenn man kein Kind mehr ist. 1992 entstand der erste Barfußpfad Deutschlands in Bad Sobernheim in Rheinland-Pfalz. Den Barfußpark Lüneburger Heide in Egestorf im Landkreis Harburg gibt es seit 2008.

Beim eisekalten Becken spricht Maria Sachs den Besuchern Mut zu: „Einfach durchhalten, es wird Ihnen gleich besser gehen.“ Und sie hat recht. Das Schockprogramm, das die Entspannungs- und Qi-Gong- und Yoga-Lehrerin des Barfußparks den Gästen verordnet hat, tut zweierlei: Es nimmt den Füßen etwas von ihrer Empfindlichkeit, die durch die ständige Lederumhüllung entstanden ist. Und es weckt sie auf.

Eine Stärkung für das Fußgewölbe

Übrigens auch die Füße von Kerstin Albers. Kerstin Albers hat im Egestorfer Rathaus die Entwicklung des Barfußparks begleitet und dann zugegriffen, als ihr die Stelle der Geschäftsführerin angeboten wurde. Jetzt läuft sie mit über Rasengittersteine: Ferse ins Loch setzen, über das Betongitter abrollen. „Stärkt das Fußgewölbe“, sagt Maria Sachs. Fußgewas? Das Fußgewölbe, erläutert die Wellnesstrainerin, sei der Bogen, den die Füße beschreiben, wenn der Mensch anatomisch korrekt auf Ferse, Großzehenballen und Kleinzehenballen steht.

Kerstin Albers erzählt von Jan Peters, einem schleswig-holsteinischen Agrarfachmann, der vor Jahren nach einer Motorradtour auf den Barfußpark Dornstetten im Schwarzwald gestoßen war und sich gesagt hat: So was will ich auch. Also hat er es sich geschaffen, in Egestorf. Dort gibt es auch gleich ein Naturbad der Gemeinde dazu (mit Kombiticket), außerdem Zeltplätze und Gastronomie.

Es geht weiter. Über Kiesel, Waschbeton, Holzbohlen, Baumrinde, Weinflaschenkorken. Die Füße sagen: pieksig, langweilig, angenehm, aufregend, wackelig. Seltsam, was Füße plötzlich alles empfinden können.

Maria Sachs hat zu dem Thema ein paar Fakten gesammelt. 1700 Nervenenden haben wir in unseren Füßen. Ein Viertel aller Knochen des Körpers, nämlich 26, steckt in den Füßen, plus 27 Gelenke plus 32 Muskeln. Im Laufe des Lebens tun die Füße 200 Millionen Schritte. Das ist dreimal um die Erde rum.

Von Glasscherben bis zu Rindenmulch

Und dann sind wir bei den Glasscherben. Herr im Himmel, sagen die Füße und weigern sich, vorwärts zu gehen. Aber Maria Sachs verspricht, dass nichts passiert. Die blauen Glasstückchen sind in einer Trommel so lange zurechtgeschliffen worden, bis sie keine scharfen Kanten mehr haben. Und tatsächlich: Es ist sogar angenehm! Die Füße sagen: noch mal.

Sie wundern sich seltsamerweise auch nicht mehr über Steinchen oder Holzstückchen und maulen nicht mehr über Unebenheiten auf dem federnden Weg aus Rindenmulch. Der Barfußpark hat aber nicht nur was für Füße zu bieten, er ist ein Natur- und Erlebnispark: Es gibt alte Apfelbaumsorten und eine Äolsharfe und Naturlernstationen und ein Baumtelefon und Riechkästen und einen Kräutergarten und eine Hütte, in der man Salzluft atmen kann. Und einen Yoga-Pfad. Und Ruhe zwischen Wald und Wiese. Und Knabberfische für Leute, deren Füße ein Peeling wünschen.

Die Besucherfüße an diesem Tag wünschen sich nassen Torf. Das ist für sie die schönste von allen Stationen, schöner als Heidekraut und Bucheckernhülsen und Tannenzapfenschuppen (sowieso), aber auch schöner als Lehm und Matsch und Moor und Schlick. Nasser Torf umfängt die Füße weich und wohlig. Sie kribbeln. Der ganze Körper fühlt sich gut an. Kein Wunder: Jedes Organ hat einen Entsprechungspunkt in den Füßen. Wenn die Füße lebendig sind, ist es auch der Rest.

Selbst abends noch, Stunden später, ist das zu spüren. Die Füße sagen jetzt nichts mehr. Sie schnurren. Wie sie das machen, ist unklar, und vielleicht geht es auch eher nach innen als nach außen. Aber sie schnurren.

Schatzsuche am Tag des Fußes

Der Barfußpark Egestorf umfasst 14 Hektar und ist Teil des Naturschutzgebietes Lüneburger Heide. Die Tour durch den Park ist auf drei Wegen möglich: kurz (eine Stunde), mittel (anderhalb) und lang (zwei Stunden). Der Park ist vom 29. April bis 15. Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Jährlich kommen rund 100.000 Besucher. Am Internationalen Tag des Fußes, dem 28. Juni, bietet der Park zusätzliche Aktionen vor allem für Kinder an, beispielsweise eine Fußschatzsuche nach Talern im Sand.

Die Eintrittspreise liegen bei vier (Kinder) und sechs Euro, für Familien und Gruppen gibt es Ermäßigungen. EC-Karten-Zahlung ist nicht möglich.

Für Rollstuhlfahrer ist der Park nur bedingt geeignet, Hunde sind untersagt.

Weitere Barfußparks oder -pfade gibt es unter anderem in Harkebrügge bei Barßel im Kreis Cloppenburg, in Uslar, in Holzminden, in Bad Bodenteich bei Uelzen und in Nienhagen bei Hann. Münden.

Von Bert Strebe

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