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Überfahrt ins Ungewisse

Grenzkontrollen in Dänemark Überfahrt ins Ungewisse

Wegen der vielen Flüchtlinge hat Dänemark seit Anfang der Woche wieder Kontrollen an der Grenze zu Deutschland eingeführt. Stichprobenartig werden die Ausweise von Einreisenden überprüft, zunächst bis zum kommenden Donnerstag.

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„Dann probieren wir es noch mal auf einem anderen Weg“: Asadullah Balkhi (l.) und Hamza auf der Fährfahrt von Puttgarden nach Rødby.

Quelle: Neelsen

Rødby/Puttgarden. Asadullah Balkhi steht an Deck der „Prins Richard“ und lässt seinen Blick über die Ostsee schweifen. In der Ferne ist bereits das dänische Festland zu erkennen. Der 25-Jährige reist mit der Fähre von Puttgarden nach Rødby und wirkt angespannt. Er stammt aus Afghanistan und ist seit zwei Wochen mit seiner Frau auf der Flucht. Das Paar will nach Schweden. Oder zur Not auch nach Norwegen, dort habe er Familie, berichtet Asadullah Balkhi.

Doch nun stehen die beiden vor einer großen Hürde. Wegen der vielen Flüchtlinge hat Dänemark seit Anfang der Woche wieder Kontrollen an der Grenze zu Deutschland eingeführt. Stichprobenartig werden die Ausweise von Einreisenden überprüft, zunächst bis zum kommenden Donnerstag. „Wir wissen nicht, was sie gleich mit uns machen“, sagt Asadullah Balkhi. Er spricht Englisch. Seine Frau und er haben afghanische Pässe. „Wir müssen es einfach versuchen.“

Neben ihm steht Hamza, 17 Jahre alt. Auch er stammt aus Afghanistan, auch er will nach Schweden. Die beiden Männer haben sich auf der Flucht kennengelernt. Hamza hat Angst. Unruhig läuft er auf und ab, blickt sich immer wieder sorgenvoll um. Denn der Minderjährige hat keinen Ausweis dabei, und Dänemark erlaubt die Durchreise ohne Papiere nicht mehr. Dennoch will Hamza jetzt, so kurz vor dem Ziel, nicht aufgeben.

In Hamburg sind die drei in den ICE Richtung Kopenhagen gestiegen. Kurz bevor die Fähre Rødby erreicht, steigen sie wieder in den Zug, zusammen mit rund 30 anderen Flüchtlingen. Doch schon wenige Meter nach dem Verlassen des Schiffes, am Bahnhof Rødby Færge, wird der ICE von der dänischen Polizei gestoppt. Etwa zehn Beamte in grellgelben Warnwesten steigen in die Waggons. Nach und nach bringen sie die Flüchtlinge auf den Bahnsteig. Hamza muss aussteigen, aber auch Asadullah Balkhi – trotz seines afghanischen Ausweises. Ein Kleinkind beginnt auf den Armen seiner Mutter zu weinen, ansonsten bleibt es relativ ruhig. 

20 Minuten dauert die Kontrolle, dann fährt der ICE weiter. Die Flüchtlinge müssen zurückbleiben, die Polizisten bringen sie zu Containern in der Nähe. „Vier Züge kommen pro Tag mit der Fähre von Puttgarden zu uns“, sagt ein dänischer Polizist. „Wir kontrollieren sie alle.“ Die festgesetzten Flüchtlinge hätten die Möglichkeit, in Dänemark Asyl zu beantragen. „Dann bringen wir sie zur Registrierung und anschließend in eine Unterkunft“, sagt der Polizist. Wer das nicht wolle, werde mit der Fähre zurück nach Deutschland geschickt. 

Kontrolliert werden in Rødby aber nicht nur Bahnreisende, sondern seit Montag auch Fußgänger. Bereits im Fährhafengebäude stellen sich den Passagieren vier dänische Polizisten in den Weg. Die Männer fragen jeden nach seiner Herkunft, Deutsche dürfen in der Regel weitergehen, ohne ihren Ausweis zeigen zu müssen. 

Ähnlich sieht es bei der Grenzkontrolle für die Autofahrer aus. „Wen wir überprüfen, hängt vom Aussehen der Insassen ab“, sagt ein Polizist. Wer den Eindruck mache, Syrer oder Afghane zu sein, werde angehalten. Zwei Polizisten beobachten an diesem Tag zur Mittagszeit die Autofahrer, die die Fähre verlassen. Ihre Fahrzeuge werden von einer Bodenschwelle auf Schrittgeschwindigkeit gebremst. Anhalten muss aber kaum ein Wagen – egal ob dänisches, deutsches, schwedisches, niederländisches oder luxemburgisches Kennzeichen. Lediglich zwei weiße Kleinbusse werden kurzzeitig aus dem Verkehr gezogen, dürfen nach der Kontrolle aber weiterfahren. Der Verkehrsfluss wird dadurch kaum gebremst.

Dennoch kommen die Kontrollen bei den meisten Reisenden nicht gut an – weder bei Deutschen noch bei Dänen. „Das ist ein Rückschritt“, sagt der Kopenhagener Søren Westergaard. „Ich glaube nicht, dass Mauern und Grenzen etwas bringen.“ Es sei ungewohnt, innerhalb von Europa kontrolliert zu werden, sagt der Lübecker Stefan Ahler. Er war mit seiner Familie in Kopenhagen und musste bei seiner Einreise nach Dänemark seinen Pass hochhalten. „Ich finde die Einstellung der Dänen nicht in Ordnung“, sagt der 45-Jährige. „Die Herausforderung mit den Flüchtlingen sollte EU-weit gelöst werden und nicht dadurch, dass jedes Land allein Entscheidungen trifft.“ 

Wie es mit Asadullah Balkhi, seiner Frau und dem jungen Hamza nun weitergeht, ist unklar. Vor ihrer Festsetzung durch die Polizei hatten sie erklärt, auf keinen Fall in Dänemark bleiben zu wollen. „Dann gehen wir lieber zurück nach Deutschland oder probieren noch einmal, über einen anderen Weg nach Schweden zu kommen.“

Von Janina Dietrich

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