Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
HAZ-Wahlreise: Fleisch aus der Region? "Nein danke."

Niedersachsen vor der Landtagswahl HAZ-Wahlreise: Fleisch aus der Region? "Nein danke."

HAZ-Wahlreise: Am 15. Oktober wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. In welchen Regionen läuft es gut, wo sind die Problemzonen? Teil 5: Tierhaltung in Südoldenburg.

Voriger Artikel
Ein Toter nach Unfall auf der A2
Nächster Artikel
Diese Bahnstrecken sind weiter gesperrt

„Nee“: Rudi Böhmer (oben) verwendet in der Mensa der Uni Vechta lieber kein Fleisch aus der Region – er setzt auf Bio und Nachhaltigkeit. Das schätzen auch die Studenten und Professoren an der Uni, deren Existenz Vechta (unten) zu einer lebendigen und jungen Stadt gemacht hat.

Quelle: Villegas

Vechta. Wenn er Besuch bekommt, hält Rudi Böhmer einen Happen zu essen bereit. Reisen macht ja hungrig, und für Hunger ist Rudi Böhmer von Berufs wegen zuständig. In diesem Fall hat er Gurke geschnitten und etwas Tomate dazu geschichtet und alles mit einem leichten Dressing beträufelt. Ganz einfach. Und so lecker, dass der Besuch unter Außerachtlassung jeglicher Tischmanieren die Schale mit den Fingern auswischt und die Finger ableckt und die auch noch hingestellte Nachtischcreme fast vergisst. Was ein unverzeihlicher Fehler gewesen wäre.

Rudi Böhmer sitzt auf einem Stuhl im Essenssaal der Mensa der Uni Vechta, legt den Ellenbogen auf die Lehne und betrachtet seine Gäste mit Wohlwollen. Er freut sich, dass es ihnen schmeckt. Aber das war auch zu erwarten: Die Mensa in Vechta und ihr Küchenchef Böhmer haben diverse Preise eingeheimst und sind dreimal unter allen deutschen Mensen zur Mensa des Jahres gekürt worden.

Der Betrieb hat für heute Feierabend, die Tische sind leer und abgewischt. Im Regelfall kocht Rudi Böhmer hier mit fünf Köchen und zehn Küchenhelfern bis zu 1400  Essen für die insgesamt 5000 Studenten. Bio? „Sicher.“ Auch vegetarisch oder vegan? „Natürlich.“ Und Fleisch aus der Region? Rudi Böhmer schüttelt den Kopf: „Nee.“

Fleisch von hier ist spottbillig

Überall in Deutschland gilt es unter ernährungsbewussten Menschen als Qualitätskriterium, wenn sie Produkte aus ihrer heimischen Region kaufen können. Bei Fleisch aus dem Oldenburger Münsterland ist das anders. Im Raum Vechta/Cloppenburg wird das Fleisch hergestellt, das sich, oft plastikverpackt, in den Kühltruhen der Supermärkte findet. Putenschnitzel, halbes Kilogramm, 2,99 Euro. 400  Gramm Hähnchengeschnetzeltes, 2,49 Euro. Es wurden auch schon 600 Gramm Schweine­nackensteak für 1,99 Euro angeboten, und die Discounterkette war auch noch stolz drauf.

Rudi Böhmer ist ein „Pohlbürger“, wie man das in Vechta nennt, Pfahlbürger auf Hochdeutsch, ein Alteingesessener, ein geborener Vechtaer. Die Massentierhaltung mag er trotzdem nicht. Er hat sich schon in der Schule für den hauswirtschaftlichen Zweig entschieden, später für Flughafen- und Hotelgäste in Bremen und Soldaten bei der Bundeswehr gekocht. Und mit 25, bei einem Probekochen mit 500 Portionen Rindergulasch, hat er das Studentenwerk Osnabrück überzeugt, ihm die damals neu aufzubauende Mensa in Vechta zu übertragen.

Mit der Bio-Schiene hat Böhmer langsam angefangen. Die Studenten sind den Weg mitgegangen. Das Essen ist zwar etwas teurer, aber es schmeckt besser. „Finden inzwischen auch Professoren“, sagt Böhmer und grinst.
Es gibt reines Bio-Essen in der Vechtaer Mensa, es gibt aber auch mal Essen mit konventionellem Gemüse. Eier und Kartoffeln und Fleisch jedoch sind immer bio. Das Fleisch kommt aus einem zertifizierten Betrieb in Greven bei Münster, und zwar seit 30 Jahren.

Vechta, Cloppenburg – das ist der „Schweinegürtel“ in Deutschland. Früher roch man die Gülle schon auf der Autobahn. Inzwischen gibt es bessere Ausbringungsverfahren und weiträumigere Flächenverteilung, aber nicht weniger Gülle. In mehr als der Hälfte aller Brunnen in der Region wird die maximal erlaubte Nitratbelastung überschritten.

Entstanden ist diese Konzentration aus einem Mangel heraus. Die Region war bitter arm aufgrund ihrer schlechten Böden, und die Bauern in der Gegend hatten immer das Gefühl, dass sie sich allein helfen müssen: Das Oldenburger Münsterland gehört zwar zur Region Oldenburg, ist aber Diaspora, ist kirchenrechtlich eine Enklave des Bistums Münster, die Verbindungen reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Irgendwann erkannten die Landwirte, dass sie mit Tierhaltung mehr Geld verdienen können als mit ihren Äckern, und jetzt verdienen sie damit sehr viel Geld.

Als die alte Lehrerbildungsanstalt Vechta sich langsam zur Hochschule entwickelte, hatten die Studenten in ihrer Freizeit die Wahl zwischen Messdienerwochenenden und Feten der Jungen Union. Inzwischen ist das völlig anders. Die katholische Kirche und mit ihr die CDU prägen die Region nach wie vor, aber Vechta ist ein lebendiges, junges, modebewusstes Städtchen voller Straßencafés und Discos und Kultur.

Irgendwann, prognostiziert Rudi Böhmer, werde es in der Mensa nur noch Bio-Essen geben. Gesunde Inhaltsstoffe, Nachhaltigkeit – „uns ist das ganz wichtig“, sagt er. Weswegen die Mensa nur einen Teil der Portionen vorbereitet und während der Essensausgabe lieber immer wieder frisch zubereitet. Sodass das Gemüse auf dem Teller noch grün ist, nicht zu einem grauen, vitaminlosen Einheitsbrei verkocht, der mit Farbstoffen aufgehübscht werden müsste. Zusatzstoffe sind sowieso nichts, was Böhmer duldet.

Hauptsache, frisch zubereitet

Ob er selbst das 100-Prozent-Bio-Zeitalter noch mitbekommt, ist fraglich. Böhmer ist 62, in einem halben Jahr geht er in den Ruhestand. Aber am Herd stehen wird er weiterhin, keine Frage, nur dann eben zu Hause.
Was isst er selbst am liebsten? „Steak“, sagt er sofort. Ganz schlicht: gutes Fleisch, ein wenig Kräuterbutter. „Das reicht völlig.“

Von Bert Strebe

Jeder dritte Arbeitsplatz im „Schweinegürtel“ hängt an der Tierhaltung

Im Raum Vechta und Cloppenburg werden zwei Millionen Schweine gehalten. Das ist ein Viertel aller Schweine in Niedersachsen, und es sind sechseinhalbmal mehr, als es Menschen in der Region gibt. Dazu kommen rund 178 000 Rinder und rund 26 Millionen Stück Geflügel.

In den Fünfzigerjahren wurde das Konzept entwickelt, Futtermittel über die Häfen einzuführen, im Oldenburger Münsterland Tiere zu mästen und das Fleisch dann ins Ruhrgebiet zu transportieren, wo die meisten Abnehmer sitzen. Dadurch hat sich ein hochspezialisierter Wirtschaftszweig für Viehhaltung, Futtermittel und Schlachtung entwickelt, von dem in der Region 30 Prozent aller Arbeitsplätze abhängen.

Der Landvolk-Vorsitzende von Vechta, Norbert Meyer, ist mit der Entwicklung zufrieden, wünscht sich aber mehr Diversifizierung, etwa in der Wurst- und Schinkenherstellung. Für Bio-Betriebe fehlten den Tierhaltern der Region schlicht die Flächen, sagt er: Man brauche doppelt so viel Futteracker und dreimal so viel Bewegungsfläche für die Tiere wie in der konventionellen Haltung. Zudem sei Bio ein kleiner Markt (2016 lag der Anteil an Bio-Fleisch in Deutschland bei 1,8 Prozent).

Meyer setzt darauf, dass konventionelle Bauern dem Vieh ein besseres Leben ermöglichen, etwa über die Initiative Tierwohl – mehr Platz, bessere Haltungsbedingungen. Rund die Hälfte der Schweinehalter unter den 1500 aktiven Vechtaer Landvolk-Bauern will sich dem anschließen. Generell beklagt das Landvolk, dass den Bauern von der Politik zu viele Auflagen in zu kurzer Zeit gemacht würden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Mehr zum Artikel
Niedersachsen vor der Landtagswahl
Foto: „Hier gibt es keinen Hickhack“: Beate Leu unterrichtet in einer Klasse Kinder aus vier Jahrgangsstufen.

HAZ-Wahlreise: Am 15. Oktober wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. In welchen Regionen läuft es gut, wo sind die Problemzonen? Teil 4: Bildung in Bad Bevensen.

mehr
Mehr aus Der Norden