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Stadthäger Frauen bleiben „Schmierweiber“

Traditionelles Bürgerschützenfest Stadthäger Frauen bleiben „Schmierweiber“

Frauen an der Waffe? In der Bundeswehr ist das mittlerweile selbstverständlich. In Stadthagen nicht. Seit mehr als 600 Jahren wird hier das traditionsreiche „Bürgerschützenfest“ gefeiert. Dabei sind die Rollen zwischen Mann und Frau klar verteilt, auch weiterhin.

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Frauen dürfen beim traditionsreichen „Bürgerschützenfest“ in Stadthagen nur für das leibliche Wohl sorgen.

Quelle: dpa (Symbolfoto)

Stadthagen. Die Stadthäger Männer kommen in sogenannten Rotts zusammen. Frauen sind zwar dabei, dürfen aber nicht schießen oder gar marschieren. Stattdessen müssen sie für die Rottbrüder Brote schmieren und ihnen das Bier servieren, werden deshalb auch „Schmierweiber“ genannt. Und das soll so bleiben, haben die Männer vor wenigen Tagen endgültig entschieden.

Die Stadthägerin Susanne Mensching konnte dies nicht ändern. Im August hatte sie einen Brief an die Herren im Festkomitee geschrieben, das aus drei gewählten Volksvertretern und drei Abgesandten der Stadt besteht: „Die Zeit ist reif für ein Frauenrott“. Dass Mensching damit für Diskussionen sorgen würde, war ihr klar. Welche Welle sie damit auslösen würde, aber nicht. Bei Volker May, dem Sprecher des Festkomitees und Standesbeamten in Stadthagen, stand das Telefon nicht mehr still. Fernsehsender und Zeitungen wollten über die Frauenrottdiskussion berichten. Mittlerweile ist May verstummt. Man hätte ihn und das Festkomitee als „verknöcherte alte Herren“ dargestellt und damit in eine falsche Ecke gerückt. In einem Fernsehbeitrag hatte May gefragt, worüber sich die Frauen beim Schützenfest denn unterhalten wollten. Und gleich selbst die vermeintlich satirische Antwort gegeben: „Kochrezepte, neueste Babywindeln oder Kosmetikprodukte.“ „Ganz sicher nicht“, entgegnete Simone Mensching.

Das Festkomitee wirft der 38-jährigen Sozialpädagogin vor, der Stadt mit ihrer Anfrage einen Bärendienst erwiesen zu haben. Erst die ablehnende Reaktion habe das Interesse der Medien geweckt, hält sie dagegen. Zwischenzeitlich wurden Pläne laut, die 2000 feiernden „Rottbrüder“ beim nächsten Schützenfest über ein mögliches Frauenrott abstimmen zu lassen. Zeitweise war die Rede von einem Proberunde oder gar der Integration der Frauen in die bestehenden Rotts. „Soweit habe ich gar nicht zu denken gewagt“, sagt Mensching.

Doch ihre Vorfreude ist verflogen. Das Festkomitee teilte vor wenigen Tagen schriftlich mit: Das Stadthäger Schützenfest findet weiter ohne Frauenrott statt. Mensching ist enttäuscht. Rund 30 Mitstreiterinnen würden in so einem Rott mitmachen. Das Festkomitee hat ihr aber angeboten, 2015 eines der Rotts zu besuchen. „Wozu soll ich teilnehmen? Um mich vorführen zu lassen?“ Sie möchte mit dem Festkomitee an einen Tisch kommen, hat mehrmals um eine Einladung gebeten. Bislang ohne Erfolg.

Sogar Anwälte haben schon angeboten, die Frauen in das „Bürgerschützenfest“ einzuklagen. „Das möchte ich nicht, es geht schließlich um Freude und Geselligkeit“, sagt die Stadthägerin. Nach dieser Diskussion kann sie sich nur schwer vorstellen, fröhlich mit den Männern zusammen zu feiern.

In der Stadthäger Fußgängerzone ist das Thema vielen jungen Passanten völlig egal, sie haben mit dem traditionsreichen Schützenfest einfach nichts am Hut. Einer sagt immerhin: „Warum nicht?“. Eine 82-Jährige kann sich dagegen gut erinnern, damals mit Freude blecheweise Kuchen für die Rottbrüder gebacken zu haben. Das Wort „Schmierweib“ findet sie furchtbar. Trotz der Helferinnenrolle hat sie sich aber immer als Teil der Festgesellschaft gesehen. Noch heute werde sie im Rott herzlich empfangen. Aber aktive Frauen in den Rotts? „Das wird es nie geben“, ist sich ihr Mann sicher.

Unter den Frauen, die heute Brote schmieren, hat Mensching nicht nur Unterstützerinnen. Ihr wird gar vorgeworfen, das Schützenfest in Gefahr zu bringen. Das sieht Mensching anders. Nur durch Anpassung lasse sich eine Tradition bewahren. Es habe immer Veränderungen gegeben. Feuerrohre seien durch Holzgewehre ersetzt worden, die jungen Bürger in die Festgemeinde aufgenommen. Mensching hofft, dass eines Tages auch Frauen mitfeiern können. Noch ist das geradezu utopisch.

Vienna Gerstenkorn

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