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Alte Musik neu entdeckt

Bückeburg / Ensemble „Hamburger Ratsmusik“ Alte Musik neu entdeckt

„For several Friends“ lautete das Motto eines Konzerts, das im Zuge der 27. Niedersächsischen Musiktage in der „St. Cosmas und St. Damian“-Kirche Petzen stattgefunden hat.

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Haben sich den Beifall mehr als verdient: die Mitglieder des Ensembles „Hamburger Ratsmusik“ mit Tenor Julien Pregardien.

Quelle: mig

Von Michael Grundmeier

Bückeburg. Auf dem Programm stand „Alte Musik“ mit Werken des 16. und 17. Jahrhunderts, die das Ensemble „Hamburger Ratsmusik“ und Tenor Julien Pregardien mit großer Virtuosität zu neuem Leben erweckten.

 Eigentlich hätte man das Konzert auch anders betiteln können; „back to the roots“ (zurück zu den Wurzeln) beispielsweise, schließlich spielt das Hamburger Ensemble Musik aus dem 16. bis 18 Jahrhundert. „Back to the roots“ aber auch deshalb, weil Werke von Thomas Simpson, eines Engländers, der einen Teil seines Lebens am Bückeburger Hof verbracht hat, vorgetragen wurden. Was die Hofmusik der Residenzstadt im 17. Jahrhundert zu einer der „führenden in Europa“ gemacht hat, so Simone Eckert, Leiterin des Ensembles. Simpsons Exil sei eine Folge des Todes von Elisabeth I. gewesen, der das Land in eine politische und religiöse Krise gestürzt habe. Cromwells Luxus- und Musikverbot veranlasste viele Musiker zur Flucht nach Europa. Neue Arbeitgeber fanden sich in Bückeburg und an anderen Höfen. Aus dieser Zeit des Umbruchs stammt Matthew Lockes mottogebende Sammlung „For several Friends“. Darin enthalten sind mehrere Suitensätze, die in heimlichen Zusammenkünften von befreundeten Musikern entstanden sind. Nach der Wiederherstellung der Monarchie kamen verstärkt der französische Musikgeschmack und eine Vorliebe zur Geige zum Tragen. Der englische König hatte sich diese Vorliebe im Exil angeeignet. Sie selbst, so Gamben-Spielerin Eckert augenzwinkernd, sei da etwas parteiisch: „Die Gambe gilt gemeinhin als das Instrument des Hofes, die Geige als das der Wirtshäuser“, meinte sie leicht scherzhaft.

 Gambe oder Geige? Auf diese Frage gab es an diesem Abend nur eine Antwort: Gambe und Geige; zumindest wenn sie von der brillanten „Hamburger Ratsmusik“ und ihren Mitgliedern (Christoph Heidemann, Barockvioline; Barbara Hofmann, Maria Pallasch, Herman Hickethier, Violen da gamba und Violone; Ulrich Wedemeier, Laute; Simone Eckert, Viola da gamba, Leitung) gespielt werden.

 Es war also ein ambitioniertes und breit angelegtes Programm, dass die Gruppe (und Tenor Julien Pregardien) in der voll besetzten Petzer Kirche zu Gehör brachten. Das Spektrum reichte vom lebhaft-fröhlichen „A catch“ (Simon Ives) bis zum komplexen „Come away, come, sweet love“ (John Dowland). „Alte Musik“ also, für die man sich ein neues Label wünscht, die absolut frisch daherkommt.

 Ein großes Verdienst liegt dabei bei den Musikern, die die klanglichen Kontraste zwischen der warmen Gambe und der wendigen, dynamischen Violine bis auf den Grund ausloten. Die klaren Strukturen und vielfältigen Rhythmen entwickeln einen ganz eigenen Reiz; einen besonderen Swing, der einen gedanklich an die Höfe des 16. bis 18. Jahrhunderts versetzt. Wie in einem Traum ersteht das Bild von Hofmusik, die dem Adel aufspielt und vor geistreicher Eleganz sprüht.

 Die „Hamburger Ratsmusik“ vereint tänzerische Leichtigkeit mit einem geschmeidigen, einheitlichen Klangfluss voller musikalischer Überraschungen und „packender Melodien“. Ein Beispiel bietet Matthew Lockes Suite in G-minor-major aus „For several Friends“, ein raffiniertes Werk, das ein breites Spektrum an Klangfarben bietet. Die Musiker präsentieren das von wechselnden Dynamiken geprägte Stück als Einheit, mal tänzerisch leicht, mal mit ruhigem Strich. Hier wie auch an anderer Stelle berührt das einzigartige Klangspektrum von Gambe und Laute, die die Tonsprache um ein Vielfaches erweitert und weite Räume eröffnet.

 Dazu kommt mit Julien Pregardien ein Tenor, der stimmlich ein sehr hohes Niveau erreicht hat. Wie er John Dowlands „Now, oh now, I needs must part“ voller Inbrunst dehnt und vor dem Zuhörer ausbreitet. Wie er manche Töne nur hauchzart andeutet und andere fast aus sich herausschleudert. Kurz: Wie er eine intensive Spannung aufbaut und sie bis zum Schluss aufrecht erhält, das hat man so noch nicht gehört. Fein artikulierend gibt er den Worten einen Ausdruck mit, der aus tiefster Seele kommt. Etwa hier: „Now, oh now, I needs must part, parting though I absent mourn“ – „Oh, nun muss ich Abschied nehmen, obwohl ich tief traurig darüber bin“. Oder hier: „Sad despair doth drive me hence, this despair unkindness sends“ – „Verzweiflung, die mich durch Herzlosigkeit ergriffen hat, reißt mich fort“.

 Das kann man nicht hören, ohne das einem Tränen in die Augen schießen. Dem jungen Tenor gelingt hier eine kongeniale Interpretation. Mindestens genauso bewegend: das berühmte und schon zu John Dowlands Zeit vielfach gesungene „Come again: sweet loue doth now inuite“. Julian Pregardien wird bei diesem Lied von einer Laute begleitet – eine glückliche Kombination, wie sich schnell zeigt. Ihm gelingt, was vielen nicht gelingt: die Entwicklung einer eigenen Perspektive. Der Tenor retardiert, macht Pausen und klingt tatsächlich wie ein Liebender, der an seiner Liebe leidet („Gentle loue, draw forth thy wounding dart“ – „Zarte Liebesgöttin, entferne deinen verletzenden Pfeil“). Pregardien, das wird schnell deutlich, hat ein untrügliches Gespür für den „richtigen Ton“.

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