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Die Stille durchbrochen

Orgelkonzert Die Stille durchbrochen

Von weit her, fast wie aus dem Himmel fallend, kommen die ersten Orgeltöne dieses spätabendlichen Konzerts im Kloster Möllenbeck. Im Kirchenschiff selbst, das bis fast auf den letzten Platz gefüllt ist, brennen nur ein paar Kerzen. Die Zuhörer sitzen mit dem Rücken zur Orgel, und können den spielenden Wolfgang Westphal nicht sehen.

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Von lakonischer Heiterkeit

Wolfgang Westphal sitzt an der Orgel, Angelika Westphal wendet die Notenblätter.

Quelle: cok

Möllenbeck. Umso eindrucksvoller wirkt es, wenn Johann Sebastian Bachs „Präludium“ die Stille plötzlich durchbricht.  Es ist ein reizvoller Gegensatz: Draußen in der warmen Nacht feiern Menschen ein Fest unter den Wallnussbäumen des „Hofgartens“, die Sterne stehen am Himmel, und ein dörflicher Geruch nach Kuhmist zieht bis in die uralte Kirche hinein.

Ausgesprochen virtuose Kompositionen

Drinnen gibt Westphal eine Orgel-Nachtmusik, die eigentlich eine Art Gottesdienst darstellt. Sie beginnt mit besagten „Präludium a-Moll“ (BWV 543) und der anschließenden, kunstvoll-dramatischen Fuge, die mit ihrer spannungsgeladenem Themenbearbeitung schon aufzeigt, dass es für die Zuhörer nicht nur darum gehen wird, die „Seele baumeln zu lassen“ (wie es im Programm heißt), sondern sich konzentriert auf teils ausgesprochen virtuose Kompositionen einzulassen.

Da sind zwei Choräle vom Komponisten Max Reger (1873-1916), der, obwohl eigentlich tief katholisch, gerade die protestantischen Chorälen besonders liebte. Und damit man die in kühnen musikalischen Fantasien neu interpretierte „Jesu, meine Freude“ und „Nun danket alle Gott“ trotzdem sofort erkennt, sang Westphal beides vorab mit gewaltiger Stimme von der Empore herab. Bevor dann die Orgelsonate des einst sehr berühmten Gustav Adolf Merkel (1827-1885) folgt, spricht Westphal den wunderbaren Text des zugehörigen Psalmes „Der Herr ist mein Hirte“: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.“

Ein innerer Aufruhr

Das anschließende „Gebet“ des belgischen Komponisten Nicolas Jacques Lemmens (1823-1881) scheint in seiner tongewaltigen Dramatik genau die Angst vor einem „finstern Tal“ besiegen zu wollen. Und schließlich kommt zum Abschluss des musikalischen Gottesdienstes, noch einmal Reger zu Gehör, mit dem Werk „Benedictus“, also „Gesegnet“, das ebenfalls zunächst eher einen inneren Aufruhr beschreibt, bis dann gelassene Ruhe eintritt. Es dauerte eine Weile, bis das Publikum wagte, sich durch einen rauschenden Applaus bei Westphal zu bedanken.

Im „Hofgarten“ wurde noch immer unter dem Sternenhimmel gefeiert, die Nacht war immer noch lau – und auch die dörflichen Gerüche hatten sich nicht verzogen. Trotzdem kam man verändert aus der Klosterkirche heraus. Wirklich „gebaumelt“ hatten die meisten Seelen wohl nicht, aber die eine oder andere konnte sich geöffnet fühlen. cok

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