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„Ein zentraler Kampfbegriff“

„Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres „Ein zentraler Kampfbegriff“

Der vom Anti-Islam-Bündnis Pegida benutzte Begriff „Lügenpresse“ ist zum „Unwort des Jahres 2014“ gewählt worden.

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Quelle: pr.

Kultur. Das Wort war „bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff“ und diente auch Nationalsozialisten zur Diffamierung, erklärte die Jury der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ unter Vorsitz von Nina Janich in Darmstadt. Die durch das Wort bewirkte „pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet so einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit“, erklärte die Sprachwissenschaftlerin.

Bei der Sprachkritischen Aktion können Bürger Vorschläge für „Unwörter“ einreichen, in denen sie Verstöße gegen Demokratie oder Menschenwürde, Diskriminierung sozialer Gruppen oder Verschleierung von Missständen erblicken. Unter den 1250 Einsendungen rügte die Jury auch „erweiterte Verhörmethoden“ und „Russland-Versteher“. Der Ausdruck „Lügenpresse“ wurde siebenmal eingesandt. Die Jury entscheidet unabhängig von der Häufigkeit der Einsendungen.

Der Begriff „Lügenpresse“ hatte seit dem 19. Jahrhundert stets in Zeiten sozialer Unruhen und in Kriegen Konjunktur. So verzeichnet die Google-Buchsuche eine besondere Häufigkeit des Wortes vor der Revolution von 1848, vorm deutsch-französischen Krieg 1870/71 – und weitaus stärker im Ersten Weltkrieg sowie während der Nazi-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg.
Ein Buch von 1914 mit dem Titel „Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Die Lügenpresse“ erlebte 1915 und 1916 weitere Auflagen. Adolf Hitler nutzte den Terminus spätestens 1922 („Für die Marxisten gelten wir dank ihrer Lügenpresse als reaktionäre Monarchisten“). NS-Ideologe Alfred Rosenberg verwendete ihn 1923 im „Programm der Bewegung“. Für Joseph Goebbels war die Klage über eine „jüdisch marxistische Lügenpresse“ rhetorisches Standardrepertoire. Und gegen eine „kapitalistische Lügenpresse“ machte Karl-Eduard von Schnitzler später im „Schwarzen Kanal“ des DDR-Fernsehens Front.

Das Wort kommt also überall da zum Einsatz, wo es um schlichte Freund-Feind-Schemata geht. Es legitimiert sich, wie Victor Klemperer 1947 in „Lingua Tertii Imperii“ über die Sprache des „Dritten Reiches“ insgesamt konstatiert, nicht aus Argumenten, sondern aus apodiktischer Behauptung, „millionenfachen Wiederholungen“, die „mechanisch und unbewusst übernommen“ werden.

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