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Herz im Hals

Konzert als Hommage an Jacques Brel Herz im Hals

Der belgische Chansonnier Jacques Brel war ein Typ, den Frauen mochten – auch, wenn sie in seinen Liedern meist nicht besonders gut wegkamen. Wichtiger als der Zynismus, mit dem er sie oft übergoss, war scheinbar das neue Freiheitsgefühl, das er der jungen Nachkriegsgeneration gab und das er kompromisslos vorlebte. Er brach aus der Enge des Familienlebens aus, verweigerte sich strikt gesellschaftlichem Konformismus und trat auf dem Höhepunkt seiner Karriere die Flucht in die Südsee an.

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Wenn Dominik Horwitz Jacques Brel singt, ist das ein Minutendrama mit beeindruckender Gestik und Mimik.

Quelle: fn

Von Dorothee Balzereit

 Das Lebensgefühl, das in den Sechzigern auch bei frankophilen, linksintellektuellen Deutschen ankam, hat seine starke Anziehungskraft bis heute nicht verloren, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Fans herbeiströmen, wenn ein Mann kommt, der eine Brücke schlägt zu diesem nostalgischen Gefühl. Vor allem, wenn er das so großartig tut wie Dominique Horwitz. Die „Sumpfblume“ ist bis auf den allerletzten Platz besetzt am Donnerstagabend, als Horwitz im Halbdunkel auf die Bühne tritt und „Le prénoms de Paris“ anstimmt. Es folgt „La Cathedral“, einer von fünf Chansons an diesem Abend, die erst 2003 posthum veröffentlicht wurden.

 Horwitz singt mit großer Intensität, grimassiert und gestikuliert, rollt das „R“ – so, wie es auch Brel tat. Lediglich die Schweißquote ist offensichtlich niedriger als bei seinem Vorbild: Er habe gesungen, „wie ein Boxer boxt“, bei seinen Auftritten eine große Menge Schweiß abgesondert und sich derart verausgabt, dass er in anderthalb Stunden bis zu 800 Gramm abgenommen habe, heißt es in Jean Clouzets Textsammlung über Brel.

 Ein Chanson, das ist auch, oder vor allem, in hohem Maße Schauspielkunst. Die Fähigkeit, jenem lyrischen oder dramatischen Sprechgesang Leben einzuhauchen. So zu deklamieren, dass es das Publikum tief berührt. Darin ist Dominque Horwitz ein Meister, denn der Deutsche mit den französischen Wurzeln gilt auch als einer der besten Schauspieler des Landes. Fast zärtlich ist er der Brel’schen Sehnsucht auf der Spur, seinem Schmerz, seinen Frechheiten und seinem Drang nach Freiheit und Abenteuer. Und auch seinem Zorn auf Bourgeoisie und Bigotterie. Er tut es mal im Dreivierteltakt – denn der Walzer entspricht dem Rhythmus der französischen Sprache –, mal als Polka, mal mit Zitaten klassischer Musik oder als Tango wie in „Rosa“, der den Inhalt, die schulische Domestizierung der Jugend, unterstreicht.

 Anders als Brel, der nie einen seiner Chansons ankündigte, moderiert Horwitz, führt zum Thema hin, schafft humorvoll Verbindungen. Besonders gut gelingt ihm das beim Thema Schule. Die Brücken tun gut, auch wenn die Emotionen der Lieder selbsterklärend für diejenigen sind, die kein oder nicht mehr genug Französisch können.

 Bei alledem fehlt ihm nie eine gewisse Distanz zum Gefühl, bisweilen auch eine ironische Brechung zu Brel selbst. Sie ist nicht fehl am Platz, denn das, was vom Generationenzorn übrig geblieben ist, ist eher ein wohlwollender, sicher auch sehnsüchtiger Blick zurück. Diesem vielschichtigen Gefühl verleiht Horwitz auf großartige, feinstoffliche Art Ausdruck, wenn er singt. Aber er spricht es auch aus: „Wir wollen keine Spießer sein und merken nicht, dass wir schon längst welche sind.“ Das Publikum ist abgeklärt, es weiß, was gemeint ist.

 Horwitz singt sich durch die gesamte Thematik Brels: natürlich die (un)erfüllte Liebe (Madeleine), Frauen im Allgemeinen, Tod, Alter, Kindheit und selbstverständlich Kritik an der Gesellschaft. Noch anrührender als die Sturm- und Drangstücke gelingen ihm die Miniatur-Dramen, wie das vom weinenden Freund: „Voir un ami pleurer“. Der Applaus und die Bravo-Rufe des Publikums sprechen Bände, sie gelten im Übrigen auch der fünfköpfigen Band (Flügel, Gitarre, Schlagzeug, Kontrabass und Akkordeon), die den Sänger kongenial begleitet.

 Und auch Horwitz scheint überaus zufrieden. Ihm habe es sehr gut gefallen in der „Sumpfblume“, dieser für seine Verhältnisse „kleinen Location mit intimer Atmosphäre“. Am Ende gibt er drei Zugaben, unter anderem das berühmte Seemannsgarn aus „Amsterdam“.

 Wiederkommen wird er dennoch nicht: zumindest nicht mit „Brel“. Glück für die, die seiner starken Abschiedstournee beiwohnen durften.

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