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„Mackie Messer“ als Gangstermacho

„Dreigroschenoper“ in Bückeburg „Mackie Messer“ als Gangstermacho

Die „Dreigroschenoper“ steht nicht auf der Liste zum niedersächsischen Zentralabitur im Fach Deutsch. Bertolt Brecht hat keinen runden Geburtstag, seines Todes ist auch noch nicht feierlich zu gedenken. Von Komponist Kurt Weill ist ohnehin selten die Rede. Es muss andere Gründe geben, das oft gespielte Werk „Die Dreigroschenoper“ aus dem Jahre 1928 erneut und landesweit auf die Bühne zu bringen. Reiner Müller, Dramaturg am Hildesheimer „Theater für Niedersachsen“, verrät sie.

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Ganoven und Gauner tierisch maskiert am Tisch des Herrn Macheath.

Quelle: pr.

Bückeburg. Das Stück habe zu Beginn des 21. Jahrhunderts nichts an „analytischer Schärfe“ verloren und biete zugleich beste Unterhaltung.

 Brecht-Kenner wissen ja: Der Brillenträger aus Augsburg war ein Genießer, nur zu starke Frauen und zu blöde Nazis konnten ihm die gute Laune als Stückeschreiber verderben. In Bückeburg kommt die Inszenierung von Bettina Rehm am Dienstag, 18. November, um 19 Uhr im Rathaussaal auf die Bühne. Erstmals arbeiten die „TfN“-Abteilungen Schauspiel und Musik Hand in Hand. Nach einer Laufzeit von mehreren Monaten ist es kein Geheimnis mehr, auch wenn die Hildesheimer die Kritiken auf ihrer Presseseite vermutlich ängstlich zusammengestrichen haben: Die Inszenierung speist sich aus nicht unumstrittenen drastischen Anspielungen auf die bundesdeutsche Gegenwart mit Altersarmut und Verschwendungsreichtum, Flüchtlingselend und Eventflucht, Hochamtsmissbrauch und Amtsblindheit. Wer will, kann aufgrund der eigenwilligen Eröffnung das ganze glanzvolle Elend auch durch das Brennglas des „Letzten Abendmals Jesu“ sehen. Dafür hätte man allerdings die „Zehn Gebote“ vielleicht doch in das Programmheft aufnehmen sollen, sonst wird wieder während der Vorstellung gegoogelt, wenn es vollmundig heißt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“ Die Menüfolge ist nicht gemeint.

 Als Schauspielgruppe auf Reisen stehen die Hildesheimer auswärts immer wieder vor neuen Herausforderungen. Was in der Bischofstadt Biss und Schärfe hat, so gewisse behände Beruhigungstechniken, mit denen ein elektrisierter „Mackie Messer“ wieder runtergeholt wird vom hohen Ross des Verbrecherkönigs, wirkt andernorts, wo die Aufklärung früher und nachhaltiger wirkte, womöglich nur spätpubertär oder skandalverliebt. In Bückeburg darf man gespannt sein auf die Gratwanderung am Rande des Haifischbeckens, für die es noch Karten im Vorverkauf des Kulturvereins und an der Abendkasse gibt.

 Der Weg ins Glück endet unter den Augen der Justitia bei der „TfM“-GmbH übrigens ganz anders als im Original aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise, als allmählich immer mehr Menschen in Deutschland auf einen Erlöser warteten. Ein Verbrecher wie Macheath hätte das Zeug zum Führer gehabt, das hat Brecht später im Exil auf seine Weise besungen, der Typ wurde zum Leidwesen von Millionen noch gebraucht. 1928 war das soziale Elend sicherlich schon nicht gering, das soziale Gefälle steil, und Millionärssorgen waren noch kein TV-Thema. Der Witz Brechts, den Irrsinn des Erfolgsystems und die Kunst der Heuchelei am Beispiel einer Bettler-Company in Soho zu demonstrieren und die Liebe als eherne Illusion, ja als Fehlkalkulation zu demontieren, bekommt in Zeiten, in denen Flüchtlingsunterkünfte mit kriminellen Methoden konsequent gewinnorientiert geführt werden, ganz neue Schärfe. vhs

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