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„Man muss gegen das Alter angehen“

Horst Janson in Rinteln „Man muss gegen das Alter angehen“

Horst Janson ist am Mittwochabend ab 20 Uhr in Rinteln in der Theateradaption von Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ zu sehen. Im Gespräch verrät der Schauspieler, wie er diese Rolle seit 2010 meistert und was er über das heutige Fernsehen denkt.

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Sieht dieser Mann aus wie 79? Am Mittwochabend steht Horst Janson als Fischer Santiago in der Theateradaptionvon „Der alte Mann und das Meer“ auf der Bühne im Brückentorsaal.

Quelle: Die TONabnehmer

Rinteln. Im Telefongespräch mit Schauspieler Horst Janson habe ich endlich Gelegenheit, mich zu bedanken. Mit 41-jähriger Verspätung zwar, aber immerhin. Denn die TV-Serie „Bastian“, die 1973 im Fernsehen lief, handelte von einem Lehramtsstudenten in München, der nach seinem letzten Examen die Freiheit vor dem Antritt seiner ersten Stelle genießt und sich in eine Ärztin verliebt. Bastian war nett, hilfsbereit, gutmütig – und er trug sehr lange Jahre. Was im damaligen Fernsehen eine Sensation war und bis ins Auetal ausstrahlte: Wenn dieser nette Student seine Haare so lang trägt, dann darf sich auch ein 14-Jähriger den einen oder anderen Friseurbesuch sparen.

 „Gern geschehen“, sagt Janson am Telefon und lacht: So habe ein Interview mit ihm auch noch nicht angefangen.

 Beinahe hätte Janson die Rolle gar nicht gespielt, seine damalige Agentin wollte schon absagen, aber „ich bestand darauf, die Bücher wenigstens einmal zu lesen“. Dabei war er damals schon 37 Jahre alt – und damit zehn Jahre älter als die Figur des Lehramtsstudenten. Auf den Bastian wird er heute immer noch angesprochen, und er ist nicht böse darüber: „Ihm verdanke ich einen Großteil meiner Popularität, insofern war es auch eine Traumrolle für mich.“

 Die Karriere des 1935 geborenen Janson darf man sich wie den beherzten Tritt auf das Gaspedal eines Porsches vorstellen: Von null auf hundert in wenigen Sekunden. Nach einer gründlichen Schauspielausbildung verhalf ihm gleich die erste Filmrolle in den „Buddenbrooks“ zum Durchbruch, im zweiten Film stand er neben Gustav Gründgens und Liselotte Pulver in „Ein Glas Wasser“ vor der Kamera: „Was?“ fragt Janson am anderen Ende des Telefonhörers, „das kennen Sie noch?“ War Gründgens damals schon die große Legende, die er später wurde? „Er war vor allem kollegial“, erzählt Janson, und der Mann, zu dem der junge Schauspieler aufblickte, war der Regisseur, der große Helmut Käutner. „Wir drehten damals in Hamburg, wohnten aber beide in Berlin. Und Käutner fuhr nicht gerne Auto. Also saß ich dann am Steuer.“

 Es ist ein Telefongespräch, das zurückführt in eine andere Bundesrepublik; in eine Welt der schwarz-weißen Serien; in ein Land, in dem die großen Schauspielerstars Gründgens hießen, Hans Söhnker, die kleine und doch so große Lina Carstens, Karin Anselm, die später die zweite Tatort-Kommissarin wurde, oder Rudolf Prack als Landarzt Dr. Brock. Zwei Jahre spielte Janson in der Serie mit, anschließend folgten 18 Folgen „Salto Mortale“ und seine Rolle als Sascha Doria, den Fänger der gleichnamigen Trapezgruppe. Haben Sie sich doublen lassen? „Nein“, sagt Janson, „ich war schon immer sehr fit, seit meiner Jugend war ich Schwimmer – Brust, Schmetterling – und ich war ein guter Schwimmer.“

 Und spätestens an diesem Punkt des Gespräches geht es um sein gutes Aussehen. Aber was heißt gutes Aussehen? Sehr gut, unverschämt toll sieht er aus, immer noch, mit seinen unfassbaren 79 Jahren würde er als rüstiger Mittfünfziger locker durchgehen. „Ja, das ist ein Geschenk, und ich bin dankbar. Aber man muss sich bewegen, auch und gerade im Alter, man muss sich aufraffen“, sagt Janson und lacht wieder: „Man muss gegen das Alter angehen.“

 Am Mittwoch steht Janson ab 20 Uhr im Rintelner Brückentor auf den Brettern, die die Welt bedeuten: In der Theateradaption von Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ spielt er den Fischer Santiago. Eine große Herausforderung, denn sehr viel mehr als einen Fischer im Boot gibt es nicht zu sehen. Das sieht Janson auch so: „Meine große Aufgabe ist es, so überzeugend zu spielen, dass der Zuschauer den Fisch und das Meer, die ja nicht da sind, in der Phantasie sieht.“ Das scheint ihm zu gelingen, seit 2010 spielt er die Rolle des Santiago, und er lässt wenig Zweifel, dass es im Alter eine Bühnen-Traumrolle ist.

 Ganz zum Schluss, als das Gespräch schon fast vorbei ist, kommen wir noch auf das heutige Fernsehen zu sprechen. Ist es generell schlechter als vor 30, 40 Jahren? „Na ja“, meint Janson, „es gibt eine höhere Vielfalt an Sendern und auch an Geschichten.“ Aber? „Es gibt auch mehr Geld durch die Zwangssteuer, aber weniger Geld für die Praktizierenden.“ Alle müssten sparen, sparen, sparen, die Drehtermine würden immer kürzer, überall würden die Kosten gedrückt, weil es weniger Geld gebe, „aber das ist gelogen“. Doch es würde niemand drüber sprechen oder schreiben.

 Sein Rat an alle Schauspieler: Sich auf der Bühne ein zweites Standbein als Schauspieler sichern, und vorher eine vernünftige Ausbildung durchlaufen. „Damit man noch über die zehnte Reihe hinaus verstanden wird. Das ist ja heute des Öfteren nicht mehr der Fall.“ rnk

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