Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Monolog im Ruderboot

„Der alte Mann und das Meer“ Monolog im Ruderboot

Gleich mal vorneweg: Die hohen Erwartungen wurden ganz und gar erfüllt. Ernest Hemingways Novelle „Der alte Mann und das Meer“ erfuhr in der Bearbeitung von Jens Hasselmann und Marie-Luise Gunst, inszeniert fürs Euro-Studio Landgraf und Theater im Rathaus Essen, mit Horst Janson in der Titelrolle eine würdige Bühnenanpassung.

Voriger Artikel
Musikalische Perle im Programm
Nächster Artikel
„Vom Saulus zum Paulus“

Der Fisch ist am Haken: Horst Janson will ihn in „Der alte Mann und das Meer“ ans Boot ziehen.

Quelle: tol

Live gespielte kubanische Klänge stimmten das Publikum ein bis zum Beginn der ersten Szene. Das Bühnenbild war aufs Notwendigste konzentriert: Im Vordergrund prangte das alles beherrschende Fischerboot, im Hintergrund standen rechter Hand der Tresen der Strandbar „La Terraza“ mit den Musikanten als Gäste und zur Linken des alten Mannes karger Ruhe- und Schlafplatz.

 Und dann begann sie, die bekannte Geschichte von Santiago, dem betagter vom Fangpech geplagten Hochseefischer: Seit 84 Tagen beißt kein nennenswerter Meeresbewohner an, obwohl es vor Marlins nur so wimmeln müsste. Am 85. Tage endlich scheint dem zwar enttäuschten, nichtsdestotrotz kämpferischen Santiago das Glück wieder hold: Ein Riesenfisch schluckt den Köder. Ein harter Überlebenskampf beginnt! Damit wartete auch auf Schauspieler Horst Janson auf Rintelns Bühne eine schauspielerische Höchstleistung.

 Mit all seiner verbliebenen Kraft und ungeachtet der Schmerzen und Krämpfe lässt der um seine Routine wissende Fischer nicht locker. Fisch und Mensch erfahren ihre Grenzen, während die Sonne ins Meer sinkt. Santiago kommt ins Grübeln, lässt den imaginären Zuhörer in sich – er führt mit großem Vergnügen Selbstgespräche – teilhaben an seinen Lebensbetrachtungen, an der großen Abrechnung mit einstigen Ansprüchen und der bloßen, der ernüchternden Lebenswirklichkeit.

 Nach drei Tagen endlich verlassen den Marlin die Kräfte. Santiagos präziser Harpunenwurf tötet ihn flugs. Die Freude des erschöpften Mannes währt nicht lang: Haie werden vom Blut angelockt und reißen Stücke aus dem Fang. Mit letzter Energie wehrt sich Santiago gegen das Unvermeidliche, tötet Hai um Hai, bis ihm die Waffen ausgehen und vom Marlin nur noch Skelett und Schwertschnabel übrig bleiben. Heimgekehrt im Hafen fällt der deprimierte, aber von seinem jungen Freund Manolin liebevoll getröstete Fischer in einen tiefen Schlaf. Er träumt von Löwen an der Küste Afrikas.

 Bereits vor Beginn der Aufführung gab es vor allem im weiblichen Publikum eine Art positive Unruhe, sollten Rintelns Frauen doch den Schwarms ihrer Backfisch-Zeit sehen. Horst Jansons „Bastian“, dieser unvergessliche und ewige TV-Lausbub und Schlendrian mit blonder Mähne und blauen Augen, denen man einfach alles verzeihen musste, er saß leibhaftig und greifbar nahe im Boot – und er spielte großartig. Die Falten hatten keine Chance gegen den Charme des 79-Jährigen, zumal sie zur Rolle passten wie die Knoten, die der leidenschaftliche Hobbysegler perfekt ganz nebenbei knüpfte und löste. Perfekt: So geriet dann auch der gesamte Abend in Rinteln.

 Die so natürlich wirkende Konzentration Jansons auf seinen Santiago, die sanfte und glockenhelle Stimme von „Barfrau“ Marie-Luise Gunst (sie sprach die Erzählerin aus dem Off und sang die Intermezzi), der herzliche wie naiv-freundliche Manolin (Peter Menden) und die vierköpfige Musikcombo mit Kuba-Rhythmen um Regisseur und Gitarrist Jens Hasselmann – sie alle entließen die Rintelner mit einem zufriedenen Lächeln in die Nacht.

Von Karl-Heinz Thenhart

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben