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Nebelschwaden symbolisieren Gasangriffe

Collage über den Ersten Weltkrieg in Rinteln Nebelschwaden symbolisieren Gasangriffe

Vor 101 Jahre ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen: Dieses Jubiläum hat das in Hildesheim ansässige Theater für Niedersachsen zum Anlass genommen, sich dem Thema Krieg künstlerisch zu widmen. Unter der Federführung des Dramaturgen und Regisseurs Reiner Müller entstand die literarische Collage „Er verging wie der Rauch“.

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THEATER FUR NIEDERSACHSEN Spielzeit 2014-2015
- Er verging wie der Rauch - Literarische Collage von Reiner Mueller
Premiere 14-02-2015
Regie: Reiner Mueller, Ausstattung: Elisabeth Benning,
mit: Joelle Rose Benhamou, Simone Mende, Marek Egert, Moritz Nikolaus Koch, Dieter Wahlbuhl
Foto Andreas Hartmann, Luisenstrasse 13, 31141 Hildesheim - fotoaha@aol.com

Quelle: Andreas Hartmann

Rinteln. Der Kulturring Rinteln lud das fünfköpfige Ensemble nun in den Brückentorsaal ein, um dem Publikum diese Auseinandersetzung mit der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ nahezubringen. Von den Schauspielern wie von den Zuschauern wurde hohe Konzentration gefordert; das Experiment kann man als gelungen betrachten.

 Autor Reiner Müller unternahm einen Brückenschlag, der von 1914 bis 1916 reichte, vom Hurrapatriotismus bis zur Ernüchterung angesichts der irrsinnigen Materialschlachten an der Westfront, dem industrialisierten Massentod, der Millionen das Leben kostete. Müller unternahm das Wagnis, dieses sehr komplexe Thema mittels unterschiedlicher Textarten auszuleuchten. Briefe, Gedichte, Zeitungsartikel, Romanfetzen, Reden und nicht zuletzt Lieder (vornehmlich von Bert Brecht) dienten als Zeugnis, die Entwicklung von anfänglicher Euphorie hin zur leidenschaftlichen Kriegsgegnerschaft aufzuzeigen.

 Dramaturgisch umgesetzt wurde dies, indem die fünf Akteure in einer klassischen Schreibstube an Bürotischen über Texten brüteten, die sie sich aus Zettelkästen und Pappkartons klaubten, die in Regalen platziert waren. Allen Texten war eigen, dass sie entweder von Künstlern, also Schriftstellern, Malern, Bildhauern stammten oder an diese gerichtet waren.

 Als Bindeglied diente die literarische Figur Adolf Reisiger, die Hauptfigur aus Detlef Köppens Roman „Heeresbericht“. Dessen Geschichten aus dem Kriegsalltag bildeten gleichsam die Kette für die zahlreichen „Perlen“ der fragmentarisch vorgetragenen Einzeltexte.

 Viele berühmte Zeitzeugen kamen zu Wort, der Bogen wurde gespannt von Arp bis Zuckmayer. Im Zentrum standen die Briefe des bildenden Künstlers Franz Marc an seine Frau Maria, die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe der Bildhauerin Käthe Kollwitz an ihren Sohn Hans, Briefe und Gedichte der Dichterin Else Lasker-Schüler sowie Texte, Gedichte und Lieder von Bertolt Brecht. Letzterer erwies sich überraschenderweise zunächst als Kriegsbefürworter – das änderte sich aber schnell angesichts der Brutalität und Ignoranz der Kriegsherren.

 Die Regie-Einfälle zur Auflockerung der im Kriegsverlauf immer häufiger schwerblütigen Textpassagen fielen für die in den vorderen Stuhlreihen Sitzenden zuweilen drastisch aus. Diese verschwanden zur stillen Erheiterung der hinten Platzierten mehrmals überfallartig in Nebelschwaden, die zur Verdeutlichung von Gasangriffen und Pulverdampf auf die Bühnenrampe geblasen wurden.

 Über zwei Stunden lang galt es für Joëlle Rose Benhamou, Marek Egert, Moritz Nikolaus Koch, Simone Mende und Dieter Wahlbuhl, die Spannung zu halten mit einem Thema, das allzu gerne verdrängt und ausgeblendet wird. So war es umso erfreulicher, dass sich im Publikum auffallend viele junge Leute befanden, die bis zum Schluss gebannt lauschten und ehrlichen Beifall klatschten. ten

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