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Nicht nur vor der Moderne

Sprengel Museum zeigt Kunst um 1900 Nicht nur vor der Moderne

Mit lasziver Lockerheit posiert am linken Bildrand eine typisierte Frauengestalt. Rechts wendet ein ebensolcher Idealtypus das Haupt der Bildmitte zu – und lenkt den Blick des Betrachters auf die tiefengestaffelte Landschaft dieser Zeichnung mit dem Titel „Sommer“.

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 Soziale Kälte, transzendente Geborgenheit und – Gefahr: „Das kärgliche Mahl“ von Pablo Picasso.

Quelle: pr.

Kultur. Das um 1900 entstandene Werk stammt von Walter Kühne (1875–1956), einem Grafiker und Maler, der heute ebenso wenig bekannt ist wie seine gefälligen Ideallandschaften. Dabei dürften sie für den Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts repräsentativer sein als manches andere, heute als spannender empfundene Werke. Aber zur Entstehungszeit dieses Bildes gab es weder die Brücke noch den Blauen Reiter, weder Fauvisten noch Futuristen, war die künstlerische Moderne in vieler Hinsicht noch nicht angebrochen.

„Vor der Moderne“ lautet daher der etwas kühne Titel der neuen Ausstellung im hannoverschen Sprengel Museum, die Kunst um 1900 aus der grafischen Sammlung des Hauses zeigt. Deren Reichtum stellt Grafik-Kuratorin Karin Orchard damit erneut unter Beweis. Denn neben vielen Werken weniger bekannter Künstler sind auch zahlreiche frühe Arbeiten späterer Klassiker der Moderne unter den 130 dort ausgestellten Exponaten – Zeichnungen, Radierungen oder Holzschnitte von Pablo Picasso und Edvard Munch, August Macke und Max Beckmann, Käthe Kollwitz und Henri Toulouse-Lautrec.

Mit Letzterem bietet „Vor der Moderne“ auch einen kleinen Vorgeschmack auf die große Toulouse-Lautrec-Schau, die unter dem Titel „Plakativ“ am 14. Juni im Sprengel Museum starten soll.
Karin Orchard hat die 130 Bilder dieser Ausstellung aus der riesigen, 20 000 Arbeiten umfassenden Grafiksammlung ausgewählt und thematisch gruppiert. So kann man sich Armutsstudien von Picasso und Kollwitz anschauen, Porträts des hannoverschen Künstlers August Heitmüller (1973–1935) oder des Norwegers Munch, Landschaftsbilder von Tavik-Frantisek Simon, Aristide Maillol oder eben Walter Kühne.

Die Namen deuten auch auf die künstlerischen Zentren des Fin de Siècle hin, die hier repräsentiert sind. Neben Paris, Berlin und München sind es auch Wien und Prag. Und die Werkliste dieser Ausstellung verzeichnet auch Namen US-amerikanischer und britischer Künstler.
Die Werkauswahl spiegelt freilich auch den Bestand der Grafiksammlung des Sprengel Museums wider. Sie basiert auf den Vorlieben hannoverscher Sammler. Zum Grafikbestand des Hauses haben vor Bernhard Sprengel schon August Nitzschner (1856–1929) und Konrad Wrede (1865–1947) beigetragen, deren Sammlungen vom Kestner- an das Sprengel Museum übergegangen sind.

Vielfältig wie die Orte sind auch die künstlerischen Techniken, die sich in dieser Ausstellung besichtigen lassen. Spannend ist Picassos Radierung „Das kärgliche Mahl“, in der er auf geripptem Papier dürre Gestalten mit überlangen Gliedmaßen hinter leerem Geschirr zeigt und so die frugale Künstlerexistenz illustriert. Schon mit dieser Arbeit zählt Picasso ebenso selbstverständlich zur Moderne wie Paul Gauguin mit „Bewacht von den Geistern der Toten“, einem Holzschnitt auf Chinapapier aus Gauguins ozeanischer Phase, der die Körperkonturen einer Schlafenden in scharfen Kontrasten hervortreten lässt.

Eine thematisch spannende Bildergruppe hat Karin Orchard überdies im letzten Raum dieser Ausstellung in den Grafikräumen im Untergeschoss installiert. Dort sind mehrere Arbeiten über das Böse zu sehen, über die Nachtseite von Symbolismus und Jugendstil. Da taucht etwa der Tod als Sensenmann auf. Da folgt eine Frau teuflischen Einflüsterungen. Da wird ein Weib zum Vampir.

Oder – im Frontispiz zu Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“ des Belgiers Armand Rassenfosse (1862–1934) – der Akt des Kusses zur Kippfigur zwischen Zärtlichkeit und Gewalt.
Viele andere Arbeiten wirken heute freilich konventionell, sind kaum mehr als Zeugnisse des damaligen Zeitgeists. Dazu gehört der Farbholzschnitt „Sturm (Adler)“ (1897) von Peter Behrens (1868–1940) mit seinen schematischen Wind- Wellen- und Schwingenmotiven. Dazu gehört aber auch „Ehe-Politik“ (1902), eine Zeichnung von Paul Rieth (1871–1925), die so ornamental ist wie das Muster der darauf gezeigten Röcke.

Solche Werke wirken einfach nur illustrativ. Darin liegt in diesem Fall immerhin auch der Zweck des Bildes, das zur Illustration in der Zeitschrift „Jugend“ diente. Für diese wie für andere Zeitschriften der Zeit – etwa den „Simplicissimus“ oder auch „Pan“ – arbeiteten damals nicht wenige der deutschen Künstler.

„Für mich war es selbst überraschend, wie vielfältig und reizvoll diese Arbeiten aus unserer Sammlung sind“, sagt Orchard. Dieser Vielfalt lässt sich im Sprengel Museum bis zum 19. April nachspüren. Daniel Alexander Schacht

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