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Starke Stimmen in glatt gebügelter Story

Hameln Starke Stimmen in glatt gebügelter Story

Die gute Nachricht vorweg: Das Hamelner Publikum ist begeistert von „Friedrich – Mythos und Tragödie“. Die Hameln-Premiere des Musical ging mit Pomp und Pracht über die Bühne. Geht man davon aus, dass ein Musical vor allem unterhalten will, dann hat die Fuldaer Produktionsfirma Spotlight einen Hit gelandet – der Entertainment-Faktor war hoch.

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Sabrina Weckerlin als Wilhelmine und Tobias Bieri als junger Kronprinz Friedrich begehren gegen das strenge Regiment des Vaters auf.

Quelle: Dana

Von Dorothee Balzereit

Wer indes historisches Interesse mitbrachte oder einen geschärften Blick hinter die Fassade der schillernden Herrscherpersönlichkeit erwartete, musste schon ein Auge zudrücken.

 Brillant waren in erster Linie die darstellerischen Leistungen. Tobias Bieri als junger Kronprinz-Rebell unterstreicht seine Rolle mit einem Tenor der Sehnsucht transportiert und die Leidenschaft der Jugend in sich trägt.

 Chris Murray als alter gramgebeugter Monarch setzt die ganz starken Akzente des Abends. Die Verbitterung des Alten Fritz stellt er mit großer Intensität dar. Seine Interpretation des Stückes „Ebenbild“ im zweiten Akt ist zweifellos der Höhepunkt des gesamten Musicals, bei dem er seinen vollen Bariton wunderbar entfalten kann. Er wurde vom Publikum zu Recht gefeiert.

 Sabrina Weckerlin als seine Schwester Wilhelmine und Maximilian Mann als Leutnant Katte sind ebenfalls ein Gewinn für das Musical, und Claus Dam setzt als strenger Vater Friedrich Wilhelm I. die nötigen Kontrapunkte, die Spannung bringen.

 Musikalisch richtig in Fahrt kommt das Musical leider erst im zweiten Teil. Die rührigen Balladen des ersten Aktes sind recht poppig und nett anzuhören, aber irgendwie auch belanglos.

 Das ändert sich nach der Pause mit der rasanten Nummer „Bienvenu in Sanssouci“ schlagartig – Andrea M. Pagani gibt den Denker Voltaire herrlich dekadent – und setzt sich fort mit der großen, packenden Ensemblenummer „Sieben Jahre Krieg“ und Friedrichs erschütternder Erkenntnis „Ebenbild“. Ansprechend ist auch die Intention der Inszenierung. Sie will Friedrich als Menschen zeigen. „Der große König – wie ihn keiner kennt“: So wirbt der Veranstalter für das Musical. Für einen historischen Stoff, in dem ein langes Leben, unzählige Zahlen, Daten und Fakten, historische Bedeutung und persönliche Problematik dramaturgisch verdichtet werden sollen, ist das nicht die schlechteste Idee.

 Die Umsetzung gelingt bei Friedrich nur bedingt. Dabei fängt es gut an: Der einsame, verbitterte Monarch ruft sich kurz vor seinem Tod noch einmal in Erinnerung, was wichtig war im Leben, um seine Biografie zu schreiben. Im Zentrum steht die Wandlung vom zarten Schöngeist zum harten Feldherrn. Die Konzentration auf die Kronprinzenjahre, den Vater-Sohn-Konflikt, Friedrichs Fluchtversuch aus Preußen und die daraus resultierende Enthauptung seines Freundes Katte ist stimmig. Doch dann geht der Geschichte die Puste aus. Warum muss der Zuschauer im Jahre 2014 – beziehungsweise zu Friedrichs 300-jährigem Jubiläum im Jahr 2012, zu dem das Musical uraufgeführt wurde – zwischen den Zeilen lesen, wenn es um Friedrichs viel diskutierte homosexuelle Neigung geht?

 Dass Friedrich nie mit Frauen konnte, ist bekannt. Der Monarch selbst spricht lediglich von „einer eigenartigen Freundschaft“ bei seinem Besuch in Kattes Kasernenkammer. Nur der eine oder andere Moment von leichter Eifersucht auf seine Schwester Wilhelmine, die mit dem Freund ein (erdachtes) Verhältnis anfängt, lässt kurz erahnen, dass vielleicht mehr dahintersteckt.

 Für einen Blick in die Tiefen der zerrissenen Monarchen-Persönlichkeit ist das eher schwach, zumal da sich das Libretto an anderen Stellen viel künstlerische Freiheit nimmt und Ereignisse einbaut, die es nie gegeben hat.

 Erfreulich ist dagegen, dass die Autoren auf die Klischees von Friedrich II., die ihn als genialen Strategen oder weisen und liebenden Landesvater glorifizieren, verzichten.

 Eindrucksvoll sind die beschwingten Tänze und die choreografisch inszenierten Umbauten, die quasi ineinander überfließen. Mit zwei dreistufigen beweglichen Treppenelementen werden immer wieder neue Ideen und Räume dargestellt. Die spartanische Bühne lebt von tollen Projektionen und Animationen im Hintergrund. Die Kostüme von Ute Carow sind opulent, die Uniformen schick.

 Wer sich zuvor noch nicht mit Friedrich dem Großen beschäftigt hat, wird sicher seine Freude an diesem Musical haben.

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