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Stimmung versaut

Hameln Stimmung versaut

Sie sind selten, machen sich ausgesprochen rar – aber es gibt sie: Aufführungen, in denen man sich wünscht, dass es so immer weitergehen könnte auf der Bühne.

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Vincent (rechts) behauptet, seinen ungeborenen Sohn Adolphe nennen zu wollen. Der Intellektuelle Pierre kann darüber nicht lachen.

Quelle: Bernd Böhner

Hameln. „Der Vorname“, lapidarer Titel einer Komödie mit zwei französischen Vätern: Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière. Intellektuelles Geplänkel, das sich witzig in den eigenen Fallstricken verheddert. Immer wieder abstürzt. Ein Quintett, Freunde, die sich seit Jahrzehnten kennen, sich raffiniert mit abstrusen Plänkeleien, kleinen Giftpfeilen ad absurdum führen – auch hinters Licht und sich hingebungsvoll verarschen. Man kennt sich, spielt mit, ist mal genervt, rastet aus. Eine Katastrophen-Komödie, die als Einladung zu einem gemeinsamen Essen beginnt, sich an einem Namen reibt, der unvermittelt zum Sprengsatz wird.

 Vincent, dessen Lebensgefährtin Anna schwanger ist, verrät den Namen des noch Ungeborenen. „Adolphe.“ Adolf also. Und schon fliegen die Fetzen. Vor allem Pierre, Vincents Schwager, dreht fast durch. Alles nur Geplänkel und „Adolphe“ ein Scherzchen. Und sophisticated: Was kann ein Adolf schon dafür, dass er einmal Hitler war?

 Keiner wird verschont, kein Vorurteil ausgelassen. Wer verletzt wird, verletzt seinerseits. Dazwischen; Spielwitz, Gewohnheiten – und: so überlegene, gescheite, gebildete Erwachsene im kleinlichen Kindergarten-Gezänk. Allerdings: einer der vielen Reize dieser Ausnahme-Komödie, die Gesellschaft vorführt, ohne sie wirklich zu denunzieren. Sonst könnte man sich nicht so genau darin wiederfinden. Familien-Clinch unterm Christbaum kann sehr ähnlich funktionieren.

 Wunderbare Darsteller – vor allem Martin Lindow als Vincent und Christian Kaiser als Pierre, der schon so oft mit der Bremer Shakespeare Company auf unserer Bühne gastierte. Ein perfekt eingespieltes Ensemble mit Julia Hansen als Anna, Anne Weinknecht als Elisabeth und Benjamin Kernen als Musiker Claude. Vor allem: Ulrich Stark als Regisseur. Ein Parforceritt durch Befindlichkeiten – ein Gag-Timing, wie man es nur selten so hinreißend erleben darf. Dazu immer wieder brillante Soli – und allemal: keine noch so kleine Sekunde Leerlauf. Ein Abend lang perfekte Unterhaltung und die Erkenntnis, dass im Witz immer auch ein bisschen Inferno lauert. Und nur scheinbar tröstlich – egal, was passiert: Es geht immer weiter.

Von Richard Peter

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