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Till Eulenspiegel bei Wilhelm Busch

Wiedensahl / Kultur Till Eulenspiegel bei Wilhelm Busch

Erasmus Odysseus – was für ein Name. Einmalig sicherlich. Einmalig schaurig wohl auch. Und dass man sich – damit belastet – wohl eine Nische in dieser Gesellschaft suchen muss, um wahrgenommen zu werden, ist verständlich.

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Markus Veith als Erasmus Odysseus auf der Bühne im Wiedensahler Wilhelm-Busch-Geburtshaus.

Quelle: soe

Wiedensahl. Nachdem er in seiner Kindheit jahrelang mit Gedichten gefüttert worden war, spricht er ausschließlich in Versen. Gefüttert ist dabei verharmlosend. Die bildungsnahen Eltern nutzten das Auswendiglernen deutscher Dichtkunst als Strafmaßnahme: „Ich wäre lieber zu Bett ohne Abendessen, / als mir zeilenweise Rilke in den Kopf zu pressen. / Vogelweide und Ringelnatz / fluteten meinen Silbenschatz,“ zieht Erasmus die vernichtende Bilanz seiner so wohl behütet geglaubten Erziehung.

Die Folge: Die Reimerei wird zur unheilbaren Manie. Da alle Welt glaubt, er verulke sie mit seiner lyrischen Sprache, macht er aus der Not eine Tugend: Er zieht als moderner Eulenspiegel umher, spielt Streiche und hält dem Publikum, der Gesellschaft den Spiegel vor wie weiland vor gut 700 Jahren ein gewisser Till Eulenspiegel. „Eulenspiegels Enkel“ heißt folgerichtig das Ein-Personen-Stück, mit dem der Dortmunder Schauspieler Markus Veith im Wiedensahler Wilhelm-Busch-Geburtshaus in der Rolle des Erasmus Odysseus brillierte.

Das waren unterm Strich zwei Stunden Spiellust und Herzblut. Nur von einer Pause unterbrochen, brachte der Akteur 120 Minuten lang einen Reim nach dem anderen über die Rampe, die er bisweilen auch verließ und das Publikum ins Geschehen einbezog.

Wenn man mit Veith das Leben des Erasmus Odysseus bilanziert hat, hat man zugleich einen ebenso höchst vergnüglichen wie kabarettistisch-nachdenklichen Rundumschlag gegen die Spießigkeiten des gutbürgerlichen (Kultur-)Lebens anno 2014 zwischen Konsum und Kabel-TV, zwischen Facebook und Fast-Food-Tempel verpasst bekommen. Da will sich die Hand zum Beifall rühren und ist dann doch unfähig, die bloßgestellte eigene Unzulänglichkeit zu beklatschen. Der Spiegel des Till verfehlt auch heute noch seine Wirkung nicht.

Das geht uns jetzt so. Und dürfte in zehn Jahren kaum anders sein. Das macht der zweite Akt deutlich. Allein die Perspektive des Protagonisten hat sich eher verdüstert. Der Schlabber-Rüschen-Karo-Chic muss dem Mantel aus dem Altlasten-Container weichen. Die Parkbank wird zum Zwangsdomizil, zumal per Plebiszit Erasmus Odysseus zwischenzeitlich als Präsident des Volkes aus dem Volke ins Schloss Bellevue einzieht und folgerichtig von der geliebten Mina verlassen wird. Die wiederum hält ihm dann den Spiegel der Verlogenheit vor. Wulff und die Piraten lassen herzlich grüßen.

Solche aktuellen und historischen gereimten Anspielungen tragen das Stück, lassen die Zuschauer sich erinnern und einordnen: Das Lächeln des Koffer umpackenden Robin Hood oder – eigentlich unvorstellbar – der erfolgsverwöhnte Fußballtainer „Kloppo“ auf der Bank der anderen Gelb-Schwarzen in Aachen. Die Opfer der Loveparade in Duisburg relativieren diese Sonnenseiten gleich wieder.

Zwei Stunden kaum einzuordnendes Bühnenspiel vom feinsten in historischer Kulisse, die ein volles Haus verdient gehabt hätten. Und die Erkenntnis, dass Autor Veith Berthold Brecht doch mögen muss. soe

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