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Umjubeltes Konzert in der Stadtkirche

Justus Frantz in Bückeburg Umjubeltes Konzert in der Stadtkirche

Justus Frantz gehört unbestritten zu den ganz großen Pianisten und Dirigenten seiner Zeit. Wenn so einer gleich zweimal innerhalb eines Jahres in Bückeburg zu Gast ist, darf man sich freuen. Und ein wenig wundern.

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Justus Frantz bedankt sich für den nicht enden wollenden Beifall nach seinem Konzert.

Quelle: mig

Von Michael Grundmeier

Bückeburg. Was zieht den umjubelten Weltstar eigentlich immer wieder in die ehemalige Residenz? Diese Frage hat der Maestro am Wochenende bei seinem Klavierabend – „Beethovens Weg in die eigene Klangwelt“ – im Festsaal des Schlosses beantwortet. In Bückeburg habe er seine ersten Konzerterfahrungen gemacht, verriet Frantz dem gerührten Publikum.

 Es gibt wohl kaum eine Metropole, in der Justus Frantz noch nicht gespielt hat. In New York natürlich (unter der Leitung von Leonard Bernstein) und in Berlin (unter Herbert von Karajan). Frantz gründete die „Philharmonie der Nationen“ und das „Schleswig Holstein Musik-Festival“, bis heute ist der 70-Jährige ein „Hans Dampf in allen Gassen“, er spielt und dirigiert in China und Israel, setzt sich für die Völkerverständigung ein und wirbt in seiner Begrüßung, „für Friedensarbeit“. „Alles, was ich mache und tue, mache ich, um die Zukunft meiner Enkel und Urenkel ein bisschen sicherer zu machen“, sagt Frantz. Das sei sicher nur ein Tropfen im Ozean, „aber ich bin immerhin ein Tropfen im Ozean.“ Es gelte, die „Abwärtsspirale“, in der sich die Welt befinde, aufzuhalten.

 In diesem Kontext steht sein Engagement als Chefdirigent eines israelischen Orchesters (als erster nichtjüdischer deutscher Künstler, der ein so wichtiges und offizielles Amt in Israel übernahm), genauso wie seine kostenlosen Kinder-Konzerte, die Kinder für die Klassik begeistern sollen. In Bückeburg gastierte Frantz jedenfalls nicht nur als Weltklasse-Pianist, sondern auch als musikalischer Botschafter: für Frieden in der Welt und für eine Verständigung der Völker.

 China, Israel – und dazwischen Bückeburg? Gleich zweimal war Frantz in der ehemaligen Residenz zu Gast war – überhaupt scheint er sich dort wohlzufühlen. Seinem Publikum verriet der Maestro, dass Bückeburg einer der ersten Orte gewesen sei, an denen Musik gemacht habe. „Mit dem Göttinger Symphonie Orchester war ich hier, in einer Halle in der Stadt, wo genau, weiß ich heute nicht mehr.“ Das sei eine seiner ersten Konzerterfahrungen überhaupt gewesen, sagt Frantz: „Das hat mich geprägt, dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken.“

 Eine Halle in der Stadt? Damit kann eigentlich nur der Rathaussaal gemeint sein, folgerten die Zuhörer. Irgendwann Anfang der Achtziger. Gisela Grimme, lange Zeit die erste Vorsitzende des Kulturvereins, kann sich jedenfalls noch genau an das großartige Konzert erinnern: „Ja, das hat damals im Rathaussaal stattgefunden“, bestätigt sie. Ein anderer Zuhörer war ebenfalls dabei: Er habe Justus Frantz damals in Bestform erlebt, sagt der Fan, der schon zahlreiche Frantz-Konzerte besucht hat. Die Zuhörer seien begeistert gewesen und man habe noch lange von dem Auftritt gesprochen.

 Fast vier Jahrzehnte später präsentiert sich der Weltstar immer noch in bestechender Form. Seine Einfühlung in die „Klangwelt Beethovens“ sucht ihresgleichen, seine Technik ebenfalls: die flirrenden Klänge, das Leggiero seiner Läufe, die gezielten Rubati. Einfach grandios! Das beseelte Spiel, das er hier vorträgt, weist Frantz als einen emphatischen Künstler aus, einen Künstler, der nicht nur vorträgt, sondern nachschafft. Dazu gehört – gerade bei „Hochkarätern“ wie Beethoven – Mut und ein großer Erfahrungsschatz.

 Zumal Frantz immer auch als Moderator, als Vermittler zwischen Werk und Publikum auftritt. Ihm gelingt, was anderen Künstlern abgeht: die klassische Musik schmackhaft zu machen in ihrer eigenen Qualität und ohne sich im nur Populären zu verirren. Etwa, wenn er die Entwicklung einer eigenen Beethovschen Klangwelt auch mit der Ertaubung des Komponisten erklärt. „Visionen und Wirklichkeit, Realität und Transzendenz“: Das seien die Themen bei Beethoven. Fast schon Poesie ist es, wenn Frantz die besondere Eigenschaft einer Sonate so illustriert: „Die spiele ich, wenn eines meiner Kinder traurig ist und ich es trösten will.“

 Dann kurz vor der Pause ein erster Höhepunkt: Beethovens c-Moll-Variationen, eine fingerverbiegende Hochleistungsnummer. Diese Variationen würden von vielen Pianisten gemieden, weil sie so schwierig seien, erzählt Frantz. Und weiter: „Jede Variationen hat seine eigene Schwierigkeit; das ist eine echte Herausforderung.“

 Erstaunlich, wie es Frantz auch hier gelingt, die je ganz eigenen Stimmungen einzufangen und transparent zu machen. Es folgt: Die wunderbare Sonate „Les Adieux“ – ein Seelen-Gemälde zwischen Abschied, Abwesenheit und freudigem Wiedersehen. Frantz spielt das Werk voller Emphase, lässt die Gefühle in feinste Nuancen hörbar werden. Dafür braucht es mehr als reine Technik.

 Den Schlusspunkt unter in jeder Hinsicht fulminantes Konzert setzt die furios-fiebrige „Waldstein-Sonate“, ein echtes Juwel. Frantz spielt das „Allegro con brio“ äußerst zurückhaltend. Erst spät gibt er dem Affen Zucker. Die kühne Sonate, die in nie gehörte Trillerketten und Glissandi mündet und zahlreiche Überraschungen bereit hält, macht ihm sichtlich Freude.

 Als der letzte Ton verklingt, herrscht für einen kurzen Moment Stille. Dann bricht ein nicht enden wollender Beifallssturm los.

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