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Ungewöhnliche Perspektiven

Kultur / Irland-Glosse Ungewöhnliche Perspektiven

Drei der gebräuchlichsten Lügen in Irland: 1.) Wir treffen uns um halb neun. 2.) Der Scheck ist unterwegs. 3.) Das war das letzte Pint.

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„Kiss me – I’m Irish“ – eine Logik, die nur Iren oder nach erheblichem Guinnessmissbrauch zwingend erscheint.

Quelle: Oppermann

So jedenfalls heißt es in einem der Bücher Ralf Sotschecks. Ob er sich’s selbst ausgedacht hat, sei dahingestellt, zumindest ergeben die drei flüchtigen Striche eine Skizze, die in die richtige Richtung weist. Der Verlag Bittermann bewirbt das vor einigen Jahren erschienene Buch „Nichts gegen Iren“ des „taz“-Korrespondeten so: „Sigmund Freud hat behauptet, dass die Iren das einzige Volk seien, dem durch Psychoanalyse nicht zu helfen sei. Sie seien voller Widersprüche und immun gegen rationale Denkprozesse.“ Das Bild wird schon klarer. Iren sind keine notorischen Lügner, zumindest in nicht nennenswert größerem Maße als andere Europäer. Vielleicht haben sie gelegentlich ein eher taktisches Verhältnis zu Wahrheit und Realität, aber das mag an vielen Jahrhunderten sehr unkomfortabler Lebensumstände liegen. Irische Logik pflügt ungefähr einen halben Meter neben der kontinentaleuropäischen Furche. Paradebeispiel dafür ist das „Dubliners“-Urgestein Barney McKenna, dessen schrägste Bemerkungen inzwischen einen eigenen Fachbegriff haben: Barneyismen. Wirft jemand „Banjo Barney“ vor, er rede zu schnell, kommt todsicher die Antwort „Listen quicker.“

Ralf Sotscheck hat und wagt eine ungewöhnliche Perspektive auf Irland und die Iren. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert ausgewandert und in Irland eingebürgert lässt der gebürtige Berliner vollständig die Konvertiten sonst übliche Haltung vermissen. Gottseidank. Nicht alle Iren legen Bomben, gelten als Freiheitskämpfer, haben rote Haare, Sommersprossen und meistens einen sitzen. Sotscheck verklärt in seinen Beobachtungen nichts, und das ist bereits die erste Irritation. Die zweite: Der Journalist und Buchautor schreibt nicht fortwährend ernste Features, tief gründende Reportagen und werbende Reisebeschreibungen, um noch mehr seiner früheren Landsleute auf die „Grüne Insel“ zu locken. Glossen sind per se ein nicht allzu ernstes Format, aber gleich, ob bewusst oder unbewusst, wählt der „taz“-Autor eine Darstellungsform, wie sie in angelsächsischen Ländern geläufiger ist als auf dem europäischen Kontinent: die der unterhaltenden Information. Dabei kommt Sotscheck zugute, dass er über eine scharfe Beobachtungsgabe, ein ausgeprägtes Gespür für Komik und ein reichlich bemessenes Erzähltalent verfügt. Davon profitieren die Leser im funkelnagelneuen Band „Irland – Die tückische Insel“. Versammelt sind dort Glossen aus den Jahren 1991 bis 2011. Sorgfältig ausgewählt, überarbeitet, aktualisiert und zu einem wunderbar lesbaren kleinen Buch zusammengefügt. Versammelt darin findet sich der gesamte Sotscheck’sche Mikrokosmos: Dort kreisen widerborstige Teenager, folternde Handwerker, fiese Wirte und Sotschecks eigene schwarze Hand, die alles, aber auch alles, was auch nur entfernt mit funktionierender Technik zu tun hat, im Nu zu einem profanen Entsorgungsproblem verkommen lässt.
Sotschecks Glossen sind keine Weltliteratur, aber den Anspruch erhebt er auch gar nicht. Sie bilden den zweiten Publikationsweg neben den ernsthaften Reportagen und Meldungen, die die „tageszeitung“ in der Berichterstattung über Großbritannien und Irland zu den führenden Blättern in der Republik machen. Ob die Glossen, in denen Sotscheck unglaublich rasant und elegant von einem Thema wie dem Titanic-Untergang zum Umgang mit Cablelink-Angestellten (was ebenfalls untergangsgleich zu sein scheint) kommt, einer kostengünstigen Selbstbehandlung oder einfach nur der Lust am Erzählen sehr guter Geschichten geschuldet sind, kann nur der Autor selbst beantworten. Die Lesung in der „Alten Polizei“ in Stadthagen am 17. November wäre eine hervorragende Gelegenheit dazu.

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