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Vom russischen Lastwagenfahrer in der Mongolei

Stadthagen Vom russischen Lastwagenfahrer in der Mongolei

Ein Koffer, zwei Taschen und den Blumenstrauß für Tante Elli – alles am Mann, und in drei Minuten geht der Zug: Jetzt heißt es Tempo, Tempo, quer durch den Bahnhof und nichts verlieren. Diese Szene könnte die Musik von ?Shmaltz!, die am Sonntag in der Stadthäger Martini-Kirche im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage gastierten, sehr gut untermalen.

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?Shmaltz! legen in der Martini-Kirche mächtig Tempo vor.

Quelle: sk

Stadthagen. Voll Tempo, voll Unruhe, Dreher und Jauchzer stürmen alle Instrumente in einer Front im Parforceritt nach vorn: Der Kontrabass und die Geige, das Akkordeon, Banjo, Posaune und das Schlagzeug rechts außen, das der Mobilität halber am Spieler aufgehängt ist.

 ?Shmaltz! steht nach eigener Aussage für „Herzblut, Rhythmus und Leidenschaft, ein bisschen Kitsch und viel Gefühl“. Von Balkan bis Kurt Weill, von Cumbia bis Tom Waits, von Berliner Schnauze bis Fellini-Filmmusik reicht der Repertoire-Mix. Das Sextett formierte sich aus den Bassisten und Multiinstrumentalisten Carsten Wegener und Detlef Pegelow, die jahrelange Erfahrung in der Berliner Klezmer-Szene mitbrachten und bald in Posaunistin Anke Lucks, Geigerin Claudia Mende, Akkordeonistin Paula Sell sowie dem Banjospieler und Tenorhornist Thomas Schudack Gleichgesinnte fanden.

 Die virtuosen Musiker eint ein musikalischer Daseinsbereich: Malwonia, eine wunderliche Welt, in der ?Shmaltz! musizieren und existieren und in die sie ihr Publikum entführen. Die Band spielte in den vergangenen Jahren auf unzähligen „Hochzeiten, Straßenfesten, Beerdigungen oder Steuerrückzahlungs-Partys, auf Festivals, in Kirchen, Nachtclubs und Theatern“ – und am Sonntag also in der Martini-Kirche. Hier klang es zeitweilig wunderlich und schauerlich, wenn nicht gerade das „Gaspedal“ durchgetreten wurde.

 Carsten Wegener setzte ein ungewöhnliches Instrument an, eine Säge, die er poetisch „weinender Engel“ nannte und deren glatte Kante er mit dem Geigebogen bestrich, während er das Sägeblatt mehr oder minder bog. Das entstehende melodiöse Heulen ließ sich wunderbar für einen Walzer einsetzen. Wie fast jedes Stück, erzählte auch der Walzer eine Geschichte, hier von einem heimwehkranken, bärenstarken russischen Lastwagenfahrer, der in einer Kneipe in der tiefsten Mongolie um eben einen Walzer bittet und sich das Hemd vom Leibe reißt, als die Band ihn nicht versteht – eine Story aus Malwonia. Aber der Walzer war so schön und das Publikum in der Kirche begeistert.

 „Als er sie das erste Mal sah, träumte er nur noch von ihren grünen Augen.“ Im wiederum opulenten und ebenso beweglichen Stück ging es um die Frage, wie man eine Piratenbraut erobert. Mit rauer Stimme bemühte sich Detlef Pegelow um Yolanda.

 Und dann gab es noch ein wildes Stück, das im Zirkusmilieu angesiedelt ist und den Flug einer menschlichen Kanonenkugel beschreibt. Kein Problem für ?Shmaltz!. sk

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