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Von lakonischer Heiterkeit

Konzertbericht Von lakonischer Heiterkeit

Frédéric Chopin befindet sich auf einer Konzertreise in Wien, als er vom niedergeschlagenen Novemberaufstand gegen die russische Herrschaft in Polen hört. Der polnische Patriot leidet, seine Seele schmerzt. Er reißt sich zusammen, in den Salons bleibt er ruhig und gelassen, aber daheim, da tobt und hämmert und donnert er am Klavier. Gefühle, die sich im aufgewühlten und pathetischen Gestus der Musik des Scherzo Nr. 1 in H-Moll widerspiegeln.

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Mozart und Schubert flankieren ein Konzert, indem Michael Kravtchin Werke Chopin und Ravel in den Mittelpunkt stellt, die gespickt sind mit anspruchsvollen Höchstschwierigkeiten.

Quelle: pr.

Obernkirchen. Vollkommen unvermittelt stellt der Komponist mit den ersten beiden Akkorden eine Spannung in den Raum, die sich in aufgewühlter und düsterer Bewegung entladen muss. Der Mittelteil, dem ein altes polinsches Weihnachtslied zugrunde liegt, ist mit seiner Innigkeit und Entrücktheit dann das genaue Gegenteil.

Innigkeit und Sensibilität

Michael Kravtchin verbindet technische Perfektion auf eindrucksvolle Weise mit einer künstlerischen Individualität, die sich aus Gegensätzen speist: Eruptive Energie und Geradlinigkeit verbinden sich bei ihm mit Momenten tiefster Innigkeit und Sensibilität. Kravtchin führt dies alles mit allen Zwischentönen dem Hörer glasklar vor Augen und Ohren. Nie begegnet der Hörer an diesem Nachmittag im Stiftssaal dem breiten Pinsel, der den Klang in dicken Schichten aufträgt; immer bleibt alles durchhörbar.

Kravtchin startet sein Programm mit Mozart und dessen Sonate A-Dur, KV 331; einem Welthit, wenn man so möchte, insbesondere durch seinen dritten Satz; den berühmten „Türkischen Marsch“, den man als Hommage Mozarts an die „Entführung aus dem Serail“ verstehen kann. Er spielte hier gewissermaßen auf jener Tastatur weiter, die er in seinem Singspiel so erfolgreich angeschlagen hatte: orientalischer Romanzenton im Thema des ersten Satzes, türkische Musik im Finale.

Später wird Kravtchin die melancholische Grundstimmung wieder aufnehmen, in Franz Schuberts Sonate A-Dur, D.664. Es ist der sichere Hit, die Sonate gehört zu den beliebtesten und meist gespielten Klaviersonaten Schuberts. Eine Sonate, die alles sagt, ohne es auszusprechen – für den Spieler und den Hörer eine nie endende Herausforderung.

Eine bunte Wasserfarbenmalerei

Nach der Pause heißt der Tages-Höhepunkt „Jeux d’eau“, die Wasserspiele von Maurice Ravel, seinem wohl berühmtesten und folgenreichsten Klavierstück. Geschrieben hat er es 1901, und gern wird es als das erste impressionistische Klavierstück der Musikgeschichte bezeichnet. Aber eine bunte Wasserfarbenmalerei verwischter Konturen ist bei Michael Kravtchin nicht zu hören. Man meint, das Wasser in Form von Strahlen und Tropfen körperlich zu spüren.

Flink, doch mit innerer Ruhe geht er diese Musik an. Die Formteile – an den klassischen Sonatensatz angelehnt – sind deutlich markiert. Die Coda gewinnt lakonische Heiterkeit. Der häufige Verzicht auf das Pedal gibt dem Ton etwas Prickelndes, Tastbares. Die taktile Brillanz folgt dabei dem Motto, das Ravel über seine Wasserspiele gesetzt hat: „Der Flussgott lacht vom Wasser, das ihn kitzelt.“ Bei Kravtchin werden die Wasserspiele zu einem erfrischenden, meisterlichen, denkerisch wie manuell brillantem Klavierwerk.

Ansatzlos schließt von Ravel das „Alborada del grxioso“ aus „Miroirs“ an. Das Morgenständchen des Narren ist technisch ebenfalls außerordentlich anspruchsvoll und von einem virtuosen Klaviersatz geprägt. Die schwer zu verarbeitende mehrstimmige Passage zum Ende des Stückes, eine Vielzahl von technischen Finessen: Kravtchin nutzt das komplette technische, harmonische und klangliche Spektrum des Instruments, um in allen Stücken äußerst vielfältige und raffinierte Farbnuancen hervorzubringen. rnk

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