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Im Angesicht des Todes

"Rusalka" an der Staatsoper Im Angesicht des Todes

Leichen im Keller: Dietrich W. Hilsdorf inszeniert Antonin Dvoráks "Rusalka" an der Staatsoper Hannover, es ist die erste Premiere der Saison. Der Applaus im voll besetzten Saal war herzlich und ausdauernd.

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Zwischen Leben und Streben: Rusalka (Sara Eterno).

Quelle: Jauk

Hannover. Die Natur ist ein Witz. Der Wassermann, der mit grimmiger Güte über Teich und See herrscht, die gefühlsverwirrte Nixe, die den nackten Hintern hier noch schnell in ein Fischschwanzkostüm zwängt: Sie sind Pausenclowns, die grellgrün geschminkt das Publikum mit derben Späßen unterhalten. An der Staatsoper Hannover, wo Antonin Dvoráks „Rusalka“ nun als erste Premiere der Saison zu sehen war, tummeln sich die beiden Buffo-Geister in der Umbaupause zwischen dem ersten und zweiten Akt vor dem Vorhang, um gleich darauf die Hochzeitgesellschaft auf der Bühne in Stimmung zu bringen.

Die kurzen Auftritte dieser beiden hinzuerfundenen Nebenfiguren erinnern daran, wie gründlich Regisseur Dietrich W. Hilsdorf Dvoráks symbolistischer Märchenoper bei seinem späten Hannover-Debüt alles Märchenhafte ausgetrieben hat. Vergeblich sucht man hier nach Mondschein über dem Weiher, nach verwunschenen Hütten und einem glänzenden Schloss. Bühnenbildner Dieter Richter hat die Fabelwesen und den Operettenprinzen des Stückes in einen düsteren Schlosskeller gesperrt, der halb Verließ, halb Pathologielabor ist. Statt am Rande eines Waldteiches erwachen die Nymphen auf klinisch kühlen Totenbahren. Um Punkt zwölf werfen sie die Leichentücher ab und schrecken auf von den Toten: Geisterstunde auf Schloss Orloc.

RUSALKA – Antonín Dvořák from Theater-TV on Vimeo.

Das passt insofern, als dass Nymphen wie die Titelheldin Rusalka der Sage nach tote Frauen sind, die wegen eines unehelichen Kindes ins Wasser gegangenen sind. Bei Hilsdorf allerdings sind sie statt in einer besseren Welt auf den Seziertischen des Wassermanns gelandet, der sie hier von der Bürde des fatalen Nachwuchses befreit: Sorgfältig werden die Föten in Gläser eingelegt und in einem Regal gesammelt, das an einer Wand voller Totenmasken steht. Dass dieses Stück kein gutes Ende nehmen kann, ist mit der ersten Szene klar.

Ein solches Szenario, das mit aufwendiger Ausstattung auch bei den Kostümen von Renate Schmitzer an frühe Horrorfilme gemahnt, bildet fast automatisch einen düster-kühlen Kontrapunkt zu Dvoráks lichter, stark von der Melodie geprägter Musik. Unter Leitung von Anja Bihlmaier tönt das Staatsorchester dann auch oft greller, lauter und rauer, als man es erwartet könnte – vor allem den Holzbläsern gelingen expressionistische Klanggemälde von ganz eigener, intensiver Schönheit.

Ansonsten wurde der Premierenabend aber von einem erheblichen musikalischen Problem beeinträchtigt: Die Sopranistin Sara Eterno war erkältet verstummt und konnte die Titelrolle nur spielen. Obwohl Rebecca Davis diesen kurzfristig übernommenen Part bewundernswert souverän von der Seitenbühne sang, war die heikle Balance zwischen den Stimmen dahin.

Dem sensiblen, angenehm wenig auftrumpfenden Tenor von Andrea Shin (Prinz), dem heroisch-angespannten Bariton von Tobias Schabel (Wassermann) und dem weich, aber machtvoll strömenden Mezzo von Khatuna Mikaberidze (Hexe) fehlte der alles überstrahlende Sopran der Hauptfigur als Gegengewicht. Erschwerend kam hinzu, dass Rusalka in dem Stück als Preis für eine menschliche Gestalt ausgerechnet die Stimme verliert und im zweiten Akt stumm ist. Weil Eterno auch vorher schon zur Statistin verdammt war, fiel das aber kaum auf: Auch ein mächtiger musikdramatischer Effekt wie dieser verliert unter derart widrigen Bedingungen seine Wirkung.

Zu allem Unglück hat Hilsdorf die Inszenierung stark auf die Hauptfigur fokussiert: Alle übrigen Figuren reagieren entweder auf sie – oder werden kurzerhand ausgeblendet: Der musikalisch präsente Chor etwa überflutet im zweiten Akt gerade einmal kurz in den stockfleckigen Vorraum, hinter dem das eigentliche Leben nur vermutet werden darf.

Eine Stahltreppe führt von hier in den Keller herab, in dem die Leichen liegen: Von einer unüberwindbaren Trennung zwischen den Welten kann also nicht die Rede sein. Auch der Prinz, der sich zwischendurch so schnell in die Arme einer fremden Fürsten (furchterregend rücksichtslos: Brigitte Hahn) gestürzt hat wie er zuvor für Rusalka entflammt war, findet schließlich todessehnsüchtig in den Keller zurück.

Am Ende liegt er auf einer der Bahren, und der Wassermann zieht einen Fötus aus seiner Anzugsjacke. Steht das ungeborene Kind für die Seele? Für die unmögliche Liebe? Im letzten Moment verliert sich die Inszenierung doch noch in jenen ahnungsvoll raunenden Symbolbildern, die sie zunächst so abgebrüht vermieden hat. Eine logisch stringente Geschichte will sie jedenfalls nicht erzählen. Ob sie als Folie, als abgedunkelter Klangraum für dieses erstaunliche Stück wirklich funktioniert, wird man ganz erst entscheiden können, wenn das Opernteam nicht mehr vom Verletzungspech geplagt ist. Die Chancen dafür scheinen nicht schlecht zu stehen: Der Applaus im voll besetzten Saal war herzlich und ausdauernd.

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