Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Platz am Feuer für Robert Plant

Pop Ein Platz am Feuer für Robert Plant

Robert Plant macht mit den Sensational Spaceshifters eine ganz eigene Art von Rock. Das Album „Carry Fire“ speist sich aus vielen Stilen und ist ein schönes, verwegenes Alterswerk. Am Freitag, den 13. Oktober, kommt wes auf den Markt.

Voriger Artikel
Journalistin Sylke Tempel von Baum erschlagen
Nächster Artikel
„Um die Liebe ist mir nicht bang“

Lieder von Schatten: Robert Plant singt vom Altwerden und einer Welt, aus den Fugen. Die Musik auf seinem neuen Album „Carry Fire“ aber ist eine spannende Stilfusion – mit Bezügen zum Led-Zeppelin-Sound.

Quelle: Nonesuch

Hannover. Die Trommeln klingen wie ein gedämpfter Herzschlag aus der Tiefe, ein Keyboard sirrt als wäre es ein Insekt überm Wasser und das Klavier murmelt wie ein ruhiger, verschatteter Fluss. Eine Abendstimmung beschwört der Sänger in dem Song „Away with Words“ herauf. Dass er zurück sei aus der Kälte, dass er die Liebste finden wird, singt er, zuversichtlich, seinen „Platz am Feuer“ zu finden, während ein Cello schwere, psychedelische Bögen maunzt. „A Way with Words“ heißt der Song und je nachdem, wie man das liest, vertraut der Sänger entweder auf die Überzeugungskraft seiner Worte oder er will die Worte verscheuchen – „away with words“ – weil sie nicht auszudrücken vermögen, was ihn umtreibt.

„Es wird sich alles zurechtrücken“

Robert Plant, 69, einst Frontmann von Led Zeppelin, legt mit „Carry Fire“ das zweite Album mit seiner Band Sensational Spaceshifters vor. Es ist vom ersten ( „The May Queen“) bis zum letzten Song („Heaven Sent“) voll solcher Abendstimmungen, die gern auch als Lebensabendbeschreibungen gedeutet werden. Hinter den cineastischen Bildern schimmert zudem die komplizierte Gegenwart durch. In „Bones of Saints“ etwa, das klingt wie ein rumpelnder Rock’n’Roll aus den Fünfzigern, schildert Plant ein Endzeitszenario von Krieg, Flucht und Leid, und beklagt die mitleidlosen Wohlstandsgesellschaften, die sich Nächstenliebe nicht mehr leisten wollen. „Woher kommt das Geld? Wer kauft die Patronen? Wer verkauft die Gewehre?“ fragt er. Und zitiert in „Carving Up the World Again“ auch den Mauerbauer Trump, den er ebenso ablehnt wie den Umgang der Medien mit ihm. Wie er den US-Präsidenten sieht, fragte ihn im September das Musikmagazin Rolling Stone. „Es wird sich alles zu gegebener Zeit zurechtrücken“, war Plant überzeugt.

In Texas lebte er eine Weile, gründete mit der Folk- und Countrysängerin Patty Griffin eine Band namens Crown Vic und kaufte sich ein altes Polizeiauto. Mit dem klapperten sie dann über die Festivals, um zu spielen und anderen Bands zuzuhören. Es war eine gute Zeit zum Sich-frei-Fühlen, aber dann vermisste er seine Familie. So zog Plant vor drei Jahren zurück in die Nähe von Wales, um Ruhe und Frieden und den Platz am Feuer zu finden. Dort geht er mit dem Hund spazieren, spielt Tennis und jeden Mittwochabend um 7 Uhr auch Fußball mit alten Freunden, „bis mich jemand ins Tor schickt, weil ich aussehe, als würde ich sterben.“ Und dann macht er noch diese Musik – Songs, die zwar vom Alter erzählen, sich aber jünger und verwegener anhören als so vieles, was von viel Jüngeren derzeit für die Charts abgeliefert wird. Die aber eine Art Geheimtipp sind.

Der Zeppelin stieg in den USA in den Himmel

Was nichts Neues ist für Plant. Auch seine Band Led Zeppelin hob zu Hause ja erstmal gar nicht ab. Was wollte eine britische Rockgruppe auch erwarten, die sich Ende der Sechzigerjahre nach einem deutschen Luftschiff benannt hatte. Die Deutschen hatten England bombardiert, waren besiegt worden und 1968 schon wieder das gut gelaunte Aufschwungsland Nummer eins in Europa. Während auf den britischen Inseln weit und breit kein Wirtschaftswunder in Sicht war.

Die Himmelfahrt von Led Zep passierte dann in Amerika. Und griff von dort ganz schnell auf den Rest der Welt über. Zwölf Jahre dauerte die Karriere dieser legendären Band, die Hardrock, Blues, Folk, Psychedelik und orientalische Klänge in ihren Sound mengte, bis ihr Schlagzeuger John „Bonzo“ Bonham starb und sie sich auflösten. Den „goldenen Gott“ nannte man Plant in seiner großen Zeit. Seither wollen Millionen Fans in aller Welt, dass der Zeppelin wieder steigt.

Die Hardcorefans interessiert Plants musikalische Vision

Sie verstehen nicht, dass der grau gewordene Gott anderes im Sinn hat, als für die Legionen der Nostalgiker bis zur Bahre den „Stairway to Heaven“ zu bauen. Die Hallen der Spaceshifters mögen kleiner sein, aber das Publikum, das Plant heute noch die Treue hält, interessiert sich für die musikalische Finessen seines Alterswerks, nicht fürs Feiern der eigenen Jugend. Ein Suchender ist Plant heute mehr denn je mit seinen Begleitern John Baggott (vornehmlich Keyboards), Liam Tyson (Gitarren), Justin Adams (Saiteninstrumente) und Dave Smith (Schlagzeug, Percussions).

Diese fünf Spaceshifter mischen Rock (mit grollenden und jubilierenden Gitarren) auf eine sehr spannungsvolle Weise mit Blues, Folk, Rockabilly, Electronica und – im Titelsong „Carry Fire“ auch nordafrikanischen Klängen - zu einem Sound, der sich einer Schublade, einem Begriff entzieht. Plant mag am Feuer sitzen, aber er trägt es, darauf zielt der Albumtitel, auch in sich. Seine Stimme steigt dabei heute nicht mehr in die sirenenhaften Höhen des „Immigrant Song“, gewiss. Aber sie ist wärmer und zärtlicher denn je - wenn er beispielsweise mit silbrig-heiserem Timbre in „Season’s Song“ dem entflogenen süßen Vogel Jugend nachseufzt.

Wäre ein schöner Song fürs Radio. Das aber leider keine schönen Songs spielt, wenn die Sänger alt sind.

Von Matthias Halbig / RND

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Mehr aus Medien