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Oktoberfest für alle

Speakers’ Online Oktoberfest für alle

Schöner kann man die Einheit nicht feiern, meint unser Gastkolumnist: Ganz Deutschland kopiert die Münchner Wiesn – mit Dirndl und Musikkapelle. Doch ein kleiner Unterschied bleibt.

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Aufi geht’s – noch lange nach der offiziellen Wiesn-Saison.

Quelle: frei

Berlin. Die deutsche Einheit ist real. Eine der Folgen ist, dass in jedem Brandenburger Dorf ein Oktoberfest gefeiert wird, bis weit über den offiziellen Wiesn-Termin hinaus. Ein Dorf ohne Oktoberfest ist wie ein Bürger ohne Stasiakte, es fühlt sich aus der Geschichte des eigenen Landes ausgeschlossen. Man hat hier früher auch Feste gefeiert, doch es waren bloß Dorffeste. Eine Wurstbude wurde aufgebaut, Bulette mit Bratkartoffeln gemacht, Bier mit Schnaps eingeschenkt, für Frauen „Käppchen“ oder Eierlikör. Dazu spielte eine Schulband die Hits, die jeder kannte, die ewigen Puhdys, „99 Luftballons“ und „Tausendmal berührt“.

Das Oktoberfest aber hat sogar die Spaßkultur Brandenburgs verändert. Vor allem die Frauen haben sich verändert, sie glänzen in ganz neuem Look.

Im Dirndl fühlt sich jede Frau wie ein Star. Die Brandenburgerinnen ziehen die bayerischen Kostüme sehr gern an, sie springen und kreisen auf der Tanzfläche. Ihre Männer, ebenfalls als Bayern verkleidet, schämen sich ein wenig, dass sie nackte Knie haben. Viele haben sich kurze Hosen in „extra large“ besorgt, um einigermaßen erwachsen auszusehen. Sie sitzen auf langen Bänken und schauen auf ihre Frauen mit großen Augen. Von Ostalgie keine Spur, es werden frische Buletten mit Bratkartoffeln gemacht, Bier mit Schnaps getrunken, für Frauen „Käppchen“ und Eierlikör. Die Schulband hat frei, dafür müht sich eine echte „bayerische Kapelle aus Mittelfranken“ für gutes Geld, und siehe da: Auch die Franken können die Hits von Puhdys, „99 Luftballons“ und „Tausendmal berührt“. Die deutsche Einheit ist vollzogen.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller in Berlin.

Von Wladimir Kaminer

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