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Christian Meyer - die heimliche Nummer Eins

Parteitag der Grünen Christian Meyer - die heimliche Nummer Eins

Erste Eindrücke des Parteitages der Grünen in Göttingen: Sie springen auf, sie juchzen, sie lachen. Wenn Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer auf einem grünen Parteitag spricht, dann ist er der Star des Abends. Doch Spitzenkandidatin wird Anja Piel. 

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Anja Piel ist zwar als Spitzenkandidatin gewählt worden, und Stefan Wenzel (links) folgt auf Platz zwei - heimlicher Star ist jedoch Christian Meyer.

Quelle: dpa

Göttingen. Sie springen auf, sie juchzen, sie lachen. Wenn Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer auf einem grünen Parteitag spricht, dann ist er der Star des Abends. Meyer kandidiert am Freitag auf der Göttinger Landesdelegiertenkonferenz, die die Personalliste für die vorgezogene Landtagswahl am 15. Oktober zusammenstellen soll, auf Platz vier. Er bekommt nicht ganz so viele Stimmen wie Anja Piel, die bisherige Fraktionsvorsitzende im Landtag. Doch so wie er gefeiert wird, ist der linke Grünen-Politiker, der auch hinter den Kulissen ein großer Strippenzieher ist, die heimliche Nummer Eins.

Meyer polarisiert nicht nur im Landtag. Auch auf dem Parteitag in Göttingen zieht er alle Register, spottet und ätzt über die konservative Opposition, die im Landtag mit Hilfe der ehemaligen Parteifreundin Elke Twesten die rot-grüne Koalition entmachten konnte. "Wir lassen uns dieses Land nicht von den schwarz-gelben Hetzern wegnehmen", sagt Meyer - und beschwört für Niedersachsen eine Zukunft, in der "kaltherzige Menschenfeinde" Asylbewerber in Massen abschieben, in der nur noch betoniert und die Insekten totgespritzt werden, in der die Agrarlobbyisten wieder die Macht erobern können. Und dann schließt Meyer seine Rede noch mit einer Bauernregel, die den Saal vollends zum Juchzen bringt: "Glückliche Hühner und saubere Eier - die gibt es nur unter Minister Meyer."

Dabei sind die Aussichten, dass es nach dem 15. Oktober tatsächlich zu einer Neuauflage der rot-grünen Koalition in Hannover kommt, alles andere als rosig. Neun Prozent gab die jüngste Meinungsumfrage den Grünen, 32 Prozent der SPD, während die CDU sich bei 40 Prozent bewegt. Aber der Parteitag in Göttingen gerät nach dem Seitenwechsel der ehemals Grünen Elke Twesten zur CDU zu einem grünen Feldgottesdienst gegen den Rückfall in schwarz-gelbe Zeiten. Da wird sogar Stefan Körner, der als einer der  beiden Landesvorsitzenden sonst eher den Kuschelpapst der Partei gibt, äußerst kämpferisch: "Das ist für uns doch eine Steilvorlage", sagt Körner. Schon Körners Eröffnung des Parteitags führt zu Jubelstürmen als seien die Grünen Niedersachsens neue Spaßpartei.

Auch Anja Piel, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, redet sich voller Kampfesmut frei. Die Zeit sei vorbei, über den Abgang Twestens zu jammern. "Aber es kann doch nicht sein, dass die Leute, die das so dreckig inszeniert haben, am Ende die Wahl gewinnen", sagt Piel. Niedersachsen habe für die härteste Abschiebepraxis in Deutschland gestanden, sagt sie. Das drohe jetzt wieder. Das zieht. Piel bekommt an diesem Abend 94 Prozent und den 1. Platz auf der Landesliste.

Während die grüne Partei auf Bundesebene hin und her taumelt, nicht das richtige Thema und den richtigen Sound gefunden zu haben scheint, hat Elke Twesten den niedersächsischen Ökofreunden ein Thema gegeben. Der eher unverbindliche "Grün wirkt"-Wahlkampfslogan, der ehemals angedacht worden war, ist seit einer Woche durch das trotzige "Jetzt erst recht" ausgetauscht. Und dieser Spruch scheint zumindest intern zu funktionieren, da er die Reihen zwischen Fundis und Realos schließt. "Geht es zurück mit Gülle, Pestiziden und toten Insekten, oder weiter mit ökologischer Innovation?" fragt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel. Die Grünen müssten dafür kämpfen, der Kern für Forschung und Innovation zu bleiben. Heftiger Beifall. Als ob nichts geschehen sei.

"Ist es nicht toll, wie geschlossen wir sind", fragt hinten eine Grüne. Heute abend haben die Lauten das Wort, der Zorn über Twestens Abgang ist noch frisch. Ob er reicht, auch Wähler für die Grünen zu begeistern, ist noch offen. "Wir streben ein zweistelliges Ergebnis an", hämmert die Grünen-Landesvorsitzende Meta Janssen-Kucz ihren Freunden ein, Platz fünf der Landesliste. Ganz rausgefallen ist eine, die in Hannover noch einen Kabinettsposten bekleidet. Gabriele Heinen-Kljajic, die zum eher gemäßigten Lager zählt, ist an diesem Abend gar nicht angetreten. Die Ministerin habe Angst gehabt, bei den Wahlen nur einen hinteren Platz zu bekommen, "nach hinten durchgereicht zu werden", heißt. Dafür kommt die 25jährige Imke Byl als Vertreterin der Grünen Jugend auf Platz Drei. Auch sie hat den Saal der Göttinger Stadthalle zum Kochen gebracht. "Bei uns kommt die Grüne Jugend sogar noch vor Ministern", sagt Christian Meyer, die Nummer vier hinter Byl. Es könnte auch auf Heinen-Kljajic gemünzt sein.

Am Sonnabend setzen sich noch Miriam Staudte, bisher stellvertretende Fraktionsvorsitzende, sowie Helge Limburg, bisher Parlamentarischer Geschäftsführer, bei den Delegierten durch. Ein hartes Geschäft ist die Delegiertenwahl, denn es wird stark sortiert: Erst Frau, dann Mann, und dann ein Neuer oder eine Neue. Wie etwa der frühere Rumäne Dragos Pacescu aus der Wesermarsch. "Gebt den ewig Gestrigen mit ihrem Fleisch-Protektionismus keine Chance", ruft die Linke Miriam Staudte. Die Aussichten für ein schwarz-grünes Bündnis in Niedersachsen sind seit dem Göttinger Parteitag äußerst gering.

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