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In den Fängen der Heuschrecke

Hauptversammlung bei Neschen In den Fängen der Heuschrecke

Es dürfte wieder einmal spannend zugehen in Hannover am kommenden Dienstag bei der Hauptversammlung der in Bückeburg beheimateten Neschen AG. Das dürfte aber weniger an den Zahlen liegen.

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Das Geschäft mit der Folienbeschichtung und mit über 30 neuen Produkten brummt wieder bei der Neschen AG – wenn da nicht die leidlichen Altschulden in Höhe von rund 24 Millionen Euro wären, die der Hedgefond Sandton Capital übernommen hat.

Quelle: Archiv

Bückeburg. Die stimmen wieder, seit Vorstand Henrik Felbier vor knapp drei Jahren bei dem krislenden Folienhersteller die Führung übernommen und in die Erfolgsspur zurückgeführt hat. Auf 1,9 Millionen Euro beläuft sich im ersten Halbjahr 2014 das operative Ergebnis (Ebitda), plus wohlgemerkt, nicht minus, wie es seit über zehn Jahren mehr oder weniger üblich war bei Neschen. An der Börse sind die guten Zahlen längst honoriert worden. Von einmal neun Cent hat sich der Kurs in der Spitze auf über einen Euro erholt, liegt derzeit durchschnittlich bei 80 Cent. Heute werden die Zahlen für das dritte Quartal bekannt gegeben. Dann wird sich zeigen, ob Neschen den eingeschlagenen Weg weiter gegangen ist.

 Eitel Sonnenschein also eigentlich für die gebeutelten Aktionäre und Mitarbeiter, die den Sanierungskurs seit 2009 durch einen 20-prozentigen Lohn- und Gehaltsverzicht mittragen – zwei Millionen Euro im Jahr. Wenn es da nicht zwei große Unbekannte gebe, die um Macht und Einfluss bei der Neschen AG ringen: Zum einen den Fond Sandton Capital, der Anfang des Jahres ein Kreditpaket in Höhe von knapp 24 Millionen Euro samt Besserungsschein von der Neschen-Hausbank JP Morgan übernommen hat. Ein Hedgefond, wie ihn Felbier in einer Pressemitteilung Anfang der Woche nannte, als er den Fond öffentlich aufforderte, endlich Klarheit über seine Refinanzierungsoptionen zu schaffen und Neschen nicht länger hin zu halten.

 Es gebe immer wieder Gespräche mit Sandton, sagte Felbier auf Anfrage unserer Zeitung, aber keine Antworten, wohin es gehen könne. Felbier: „Wir vertreten die Realwirtschaft und die Menschen, die hier in der Region arbeiten, um den Kunden die beste Qualität zu produzieren und zu liefern.“ Auf der anderen Seite habe sich ein Fond durch die Übernahme des Schuldenpakets eingekauft, der Neschen nicht sagen wolle, was er in der Realwirtschaft zu tun gedenkt. Die Aktivseite der Bilanz habe Neschen in den Griff bekommen, die Passivseite gehört als Spiegelbild dazu: „Und da warten wir seit Juni auf Antworten.“

 Felbier bestätigte einen Bericht des „Handelsblatt“, dass Sandton an das Management herangetreten sei, das Management von Neschen solle für den Kredit aus der Firmenkasse nicht 4,5 Millionen, sondern 9,25 Millionen Euro zahlen, gerne finanziert durch einen zusätzlichen Kredit bei der Hausbank. Im Gegenzug würde die Neschen-Führung großzügig beteiligt. Eine Verquickung und aus moralischer Sicht nicht in Ordnung, wertete Felbier: „Als ich das Angebot gelesen habe, war ich mir nicht sicher, ob das ein Fall für den Staatsanwalt ist.“

 Zum anderen gibt es die zweite große Unbekannte, den Londonderry Fond, der selbst in Fachkreisen ein unbeschriebenen Blatt ist und in einer Wohnung in New York beheimatet sein soll. Andere sprechen von Wilmington im US-Bundesstaat Delaware, in einschlägigen Kreisen als das Steuerparadies der USA bekannt. Dessen Chef Gary Millin schrieb ebenfalls Anfang des Jahres einen Brief an die Neschen AG, dass er nun 29,9 Prozent an der Neschen AG halte. Das Aktienpaket, das zuvor zwei Fonds gehalten hatten, die JP Morgan zugerechnet wurden. In einer Pflichtmitteilung teilte er wenig später mit, dass er gedenke, dass Aktienpaket längerfristig halten zu wollen und forderte einen Aufsichtsratssitz bei Neschen.

 Inwieweit die beiden großen Unbekannten untereinander bekannt sind, ist nicht bekannt. Beide sollen aber von den gleichen Rechtsanwälten vertreten werden, so Informationen unserer Zeitung. Felbier sagte dazu, dass Sandton ihm gegenüber beteuert hätte, dass es kein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Sandton und Londonderry gebe.

 Auch ein dritter Name spielt derzeit wieder eine Rolle, ein Name, der in der Kreuzbreite allerdings allseits bekannt ist: die Familie Zinn. Oliver Zinn, jüngster Sohn des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Rolf Zinn, und Halter eines Aktienpakets von 9,8 Prozent, hat sein Paket an seinen Vater abgetreten. Der fristgerecht zur Hauptversammlung einen Antrag einreichte, dass der Aufsichtsrat von drei auf sechs Sitze erweitert werden soll. Und der neben Guido Koch und Dr. Dirk Wolfertz noch Dr. Stefan Weniger vorschlägt, der vor wenigen Wochen beim skandalgeschüttelten Fahrradhersteller Mifa aus dem Vorstand verwiesen wurde.

 Der Name Weniger taucht auch schon auf der Namensliste auf, die der derzeitige Aufsichtsrat den Aktionären zur Wahl zum Aufsichtsrat vorschlägt: Neben den amtierenden Aufsichtsräten Robert Gärtner, Bernd Capellen und Joachim Koolmann, wird als fünfter Vorschlag der Name Dr. Wolfgang Riehle unterbreitet. Vorstand und Aufsichtsrat haben den Antrag Zinns geprüft und einen Gutachter bestellt. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass die Aktionäre die Anträge ablehnen sollten.

 Ob die Anteilseigner dem Antrag Zinns stattgegeben werden – und wie die Wahlen und Abstimmungen über die Entlastung der Vorstände und Aufsichtsräte ausgehen – ist angesichts der zersplitterten und zerstrittenen Aktionärsstruktur offen. 25 Prozent sind im Streubesitz. Sandton Capital als Gläubiger hat auf der Aktionärsversammlung – eigentlich – keine Bühne. Offen ist, welche Rolle Londonderry mit seinem 30-Prozent-Aktienpaket spielen wird. Das allerdings nicht für eine Mehrheit reichen wird, um etwa den Aufsichtsrat so zu besetzen, dass der Vorstand – sprich Henrik Felbier– abgelöst werden könnte. Ein Ansinnen, das Sandton bereits dem Aufsichtsratsvorsitzenden Robert Gärtner vorgetragen hat, wie das „Handelsblatt“ berichtet. Der aber rundweg ablehnte. Mehrheiten können die Amerikaner nur mit den Besitzern der beiden anderen großen Aktienpakete erreichen: der Vermögensverwaltungsgesellschaft Erben Dr. Karl Goldschmidt GmbH, die gut 25 Prozent der Neschen-Aktien hält und deren Geschäftsführer Frederick von Dörnberg nach eigenen Angaben nichts von dem Geschäftsgebaren der Fonds hält.

 Bleibt die Familie Zinn. Nach den offiziellen Angaben im Geschäftsbericht 2013 hält Sohn Oliver ein Aktienpaket von insgesamt 10,48 Prozent. Stefan Zinn, der 2012 als Vorstand bei Neschen ausschied, taucht in der Aufstellung nicht auf. 2011 hielt er nach dem Geschäftsbericht noch ein Aktienpaket von 9,06 Prozent.

 Wie dem auch sei. Es wird eine Hauptversammlung mit Haken und Ösen werden. Diverse Rechtsanwälte werden erwartet, da Beteiligte davon ausgehen, dass vor Ort komplizierte Verfahrensfragen zu klären sein werden. Hinter den Kulissen laufen jedenfalls bereits seit Wochen Gespräche. Es wird um Mehrheiten gerungen. Felbier: „Ich wünsche mir, es würde einfach nur die Leistung zählen.“ In einem Brief an die Belegschaft schrieb er, dass „unser Weg“ der richtige sei, aber der Weg sei in Gefahr. Jeder, der eine Aktie hat, solle zur Hauptversammlung kommen. Und jeder, der einen Freund mit Aktie hat, solle den mitbringen. rc

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