Kürzlich gab der Kandidat eine Pressekonferenz in Berlin. Das Fernsehen sendete live. Ein Pulk von 200 Hauptstadtjournalisten stellte Fragen im Hotel Ritz Carlton. Der Kandidat nannte mögliche Koalitionspartner, verkündete das Programm seiner Partei „HSP“ und bekannte, ein Bewunderer von Barack Obama zu sein.
Es war also alles wie immer kurz vor einer Bundestagswahl. Und doch war alles anders an diesem Tag: Der eloquente Herr mit der Prachttolle, der auch auf Fragen eine Antwort wusste, die niemand gestellt hatte, war kein Bundestagskandidat, sondern der Komiker Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer. Er bewarb seinen neuen Film „Isch kandidiere!“.
Den Film, in dem es um einen fiktiven Wahlkampf Schlämmers geht, gab es in Berlin allerdings gar nicht zu sehen. Er soll erst kurz vor Kinostart am kommenden Donnerstag fertig werden. Genau genommen braucht es den Film aber nicht mehr. Manche kennen ihn auch schon zu Teilen, etwa Grünen-Chef Cem Özdemir, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und der FDP-Haushaltspolitiker Otto Fricke: Sie tauchen als Gäste darin auf.
Umgekehrt ist die Kunstfigur Horst Schlämmer längst von der Leinwand hinab ins wirkliche Leben gestiegen. Schlämmer, die unappetitliche Variante eines Lokalreporters aus Grevenbroich, steht auf den Marktplätzen dieser Republik und erklärt vor bereitwillig hingehaltenen Mikrofonen, dass die „HSP“, die „Horst-Schlämmer-Partei“, den kostenlosen Besuch von Sonnenbänken sowie ein Grundeinkommen von 2500 Euro monatlich ab der Geburt fordere. Seine politische Ausrichtung? „Konservativ, liberal und links – und ein bisschen ökologisch.“
Politklimbim ist das, schon klar. Und ebenso eine prima Werbeaktion für den Film. Gleichzeitig sagt der Erfolg der Satire aber etwas aus über Deutschland 2009. Die Kinofigur wird von Politikern, Journalisten und Wählern mit offenen Armen empfangen in einem Wahlkampf, den viele als langweilig empfinden. Dank Schlämmer ist endlich mal was los. Der Mann füllt ein Vakuum. Das scheinen sogar die Politiker so zu sehen, über die sich der Komiker lustig macht.
Grünen-Chefin Claudia Roth sagt, dass sie mit Schlämmer „sofort koalieren“ würde. Die Linke in Person von Geschäftsführer Dietmar Bartsch erklärt sich „immer bereit“ für eine Zusammenarbeit. Und sogar der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sieht Gemeinsamkeiten: „Ich habe ihm gesagt, Herr Schlämmer, wir sind einig in einer Frage: Wir sind beide gegen die Schweinegrippe.“
Es muss ein seltsamer Mechanismus sein, der den sonst so sachlichen Vizekanzler und Außenminister zu solch kumpelhaften Scherzen veranlasst. Ist Banalität der Preis für Aufmerksamkeit? Oder ist da auch Verzweiflung im Spiel? Was hilft ein 67-seitiges Papier über die Zukunft der Arbeit gegen Schlämmers Zusage, die Verkehrssünderdatei in Flensburg abzuschaffen? Was wiegt ein halbwegs erfolgreiches Management in der Wirtschaftskrise gegen die Parole „Gerechtigkeit insgesamt“? Was sind alle Anstrengungen zur Kostendeckelung in der Gesundheitspolitik im Vergleich zu der Forderung nach Schönheitsoperationen auf Kassenkosten?
Der Komiker Schlämmer rückt den echten Politikern nahe auf den Leib: Er beherrscht ihre Sprache besser als diese selbst. Hinterher weiß man nicht immer so genau, was er gesagt hat. Aber überzeugend klang es schon. Für den ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust ist diese Art der Rhetorik „außerordentlich real“ im Politikbetrieb. Ein geschickter Politiker, so der Journalist, argumentiere dialektisch. „Er sagt etwas und hebt es später wieder auf.“ „Und doch“, sagt der Parteienforscher Werner Patzelt von der Technischen Universität Dresden, „ist die politische Klasse nicht gezwungen, da mitzuspielen.“ Er sieht in den Auftritten von Horst Schlämmer und anderen Politiksatirikern einen langfristigen Trend bestätigt: „Wir erleben die Infantilisierung der deutschen Politik.“
Das birgt nach Patzelts Ansicht Gefahren. Das kurzfristige Interesse des Kandidaten, im Gespräch zu bleiben, sei zwar legitim, schade oft aber langfristig, sagt Patzelt. „Da kann schnell etwas hängenbleiben. Wer heute Guido Westerwelle sieht, muss immer noch an die Spaßpartei denken.“
Die Wähler haben Schlämmer längst schon akzeptiert. Die „Bild“-Zeitungsleser kürten ihn kürzlich zum beliebtesten Deutschen. Nach einer Forsa-Umfrage könnten sich 18 Prozent der Befragten vorstellen, die „Horst-Schlämmer-Partei“ zu wählen. Unter den jungen Erwachsenen hält es demnach sogar jeder Vierte für denkbar, bei dem Komiker sein Kreuzchen zu machen. Innerhalb kurzer Zeit haben sich auf Schlämmers Internetseite rund 10 000 Unterstützer angemeldet. Davon können andere nur träumen. Die SPD beispielsweise schlägt sich mit Umfragewerten von zuletzt 22 Prozent Zustimmung herum.
Politikwissenschaftler Patzelt erkennt in den Umfragen eine gewisse Schizophrenie der deutschen Wähler. Einerseits werde von den Politikern erwartet, dass sie „wie der Messias“ Arbeitsplätze und Bankensysteme über Nacht retten. „Und am nächsten Tag sind sie wieder die Volltrottel, die nur dämliche Phrasen dreschen.“
Manche verzichten unter diesen schwierigen Bedingungen lieber ganz auf Argumente: Schon vor neun Jahren begab sich Guido Westerwelle in den Juxmedienbetrieb. Er stieg in den Big-Brother-Container. Damals wurde das allerdings noch als billiger FDP-Wahlkampfgag abgetan. Jetzt hat eine nordrhein-westfälische CDU-Bürgermeisterkandidatin in einer Wahlkampfanzeige versucht, mit dem Konterfei von Horst Schlämmer für sich zu werben. Sie tritt in dem echten Grevenbroich, der Wahlheimat der Kunstfigur Schlämmer, zur Kommunalwahl am 30. August an. Der nicht eben originelle Wahlspruch in der Zeitungsanzeige neben dem gemeinsamen Foto lautete: „Neue Bürgermeisterin! Neuer Bundeskanzler?“ Die Produktionsfirma des Kerkeling-Films musste ihr dies gerichtlich untersagen. So weit ist es schon: Das Kino grenzt sich von den Politikern ab. Nicht umgekehrt.
Womöglich kommt es nicht mehr darauf an, dem Wähler ein komplettes, aber mitunter eben auch kompliziertes Programm anzubieten. Die „Piratenpartei“ beispielsweise kennt im Kern nur ein Ziel: die grenzenlose Freiheit im Internet. Andere Forderungen, so erklärten die Parteioberen ganz im Ernst, würden das Profil nur verwässern. Auch das ist eine Art der Trivialisierung von Politik. Und trotzdem scheint es möglich, dass die „Piraten“ die Fünfprozenthürde überspringen.
Beinahe hätte es auch „Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenforderung und basisdemokratische Initiative“ auf den Wahlzettel geschafft. Was so abgeklärt klingt, ist ein Spaßprodukt von Martin Sonneborn, ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“. Ähnlich wie Kerkeling bewirbt er einen Kinofilm, in dem seine Partei dafür plädiert, die Mauer wieder aufzubauen und die Frauenkirche in Dresden wieder abzureißen. Doch geht Sonneborn noch spaßradikaler vor: Er wollte tatsächlich kandidieren. In der vorigen Woche erst verweigerte der Bundeswahlleiter der „Partei“ die Zulassung zur Bundestagswahl.
Sonneborn stellte sich anschließend vor die Journalisten, zog sein weißes Hemd aus und präsentierte ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Where is my Vote?“ – eine Anspielung auf den mutmaßlichen Wahlbetrug und die Oppositionsbewegung im Iran. Er kündigte an, „beim Verfassungsgericht gegen die Entscheidung des Bundeswahlleiters vorgehen“ zu wollen.
Allein die konsequente Verwendung der politischen Sprachrituale lässt die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit im bundesrepublikanischen Politikbetrieb verschwimmen. Es ist gar nicht mehr so klar zu benennen, wo der Spaß aufhört und der Ernst beginnt. Oder um es mit den Worten von Horst Schlämmer zu sagen: „Schlechter als die anderen bin ich auch nicht.“
von Stefan Stosch und Dirk Schmaler
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Kommentare
@ "bubba hottep" scardanelli – 16.08.09
Ich würd mich informieren, bevor ich einfach Vorurteile und falsche Berichterstattungen aus dem Medien kritiklos übernehmen:Die Piratenpartei tritt für keine "Entrechtung" ein, von niemandem, im Gegenteil FÜR Rechte des Individuums, Grundrechte usw. - Auch das Urheberrecht will sie Piratenpartei NICHT abschaffen, auch wenn das viele behaupten, sondern refomieren. - Filesharing zu privaten Zwecken entrechtet keine Künstler, sondern verbreitet ihre Werke, erhöht ihren Bekanntheitsgrad und die Möglichkeit neue potenzielle Fans zu gewinnen --- vor allem ist Fliesharing MIT RECHTSSTAATLICHEN MITTELN GAR NICHT ZU VERHINDERN!!! Man müsste die totale Überwachung JEDER Verbindung einführen, um es zu unterbinden. Und zur Reform des Urheberrechts informier dich bitte mal, bevor du unqualifiziertes Zeug von dir gibst:
http://www.youtube.com/watch?v=5Ryvya7uFQI (ein Interview mit einem der größten Experten in Deutschland für Medienrecht)
http://www.piratenpartei.de/presse/Lars%20Gustafsson%20w%C3%A4hlt%20die%20Piratenpartei
(die Begründung eines 73-jährigen schwedischen Schriftstellers, warum er - der ja laut deiner Ausführungen "entrechtet" werden soll durch die Piraten - die Piratenpartei wählt.
Also, informier dich mal, denk mal nach und dann reden wir weiter ;-) Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
"piraten" bubba hotep – 15.08.09
die piratenpartei eine bürgerrechtsbewegung? selten so gelacht.immerhin tritt diese "partei" ja, wie in ihrem programm nachzulesen ist, für die völlige entrechtung aller kulturschaffenden ein. damit sich die jungs auch weiterhin ihre musik und filmchen illegal kostenlos aus dem netz ziehen können.
billig. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Piratenpartei MainBrain – 15.08.09
Ahoj,auch wenn es sich der "Qualitätsjournalismus" (sic!) hier wieder einfach macht, die Piratenpartei ist eine echte Bürgerrechtsbewegung.
Ich sehe mich als Pirat z.B. strikt konservativ - ich möchte den Schutz durch das GG des Bürgers gegenüber dem Staat erhalten, lat. conservare.
Gleichzeitig sind wir Piraten innovativ - unsere Bundesparteitage werden als livestream eingespeist, das Protokoll ist live im wiki aktualisiert und veröffentlicht worden. Und ich selbst konnte mich - trotz 300km Entfernung wegen familiärer Gründe - als Kandidat dort zur Wahl stellen und per Mobiltelefon Fragen der Anwesenden beantworten.
Und hätte man mir vor 5 Jahren gesagt, ich wäre Mitglied einer Partei (OMG!), wäre Funktionär auf Bundesebene und ginge freiwillig nachts von 23-6 Uhr Wahlplakate aufhängen, dann hätte ich denjenigen für verrückt erklärt.
Dazu fällt mir nur das Zitat ein: "ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen!". Ich bin Politikerdarstellerverdrossen. Darum bin ich Pirat.
Die Piratenpartei Deutschland (PIRATEN) beschäftigt sich mit den entscheidenden Themen des 21. Jahrhunderts. Niemand sonst. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Wenig Recherche, viel Oberflächliches Stefan K. – 15.08.09
Ich bin ein Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. Deshalb sehe ich Schlämmers Erwähnung seines allzu großzügigen diesbezüglichen Vorschlags eher skeptisch. Die Idee wird lächerlich dargestellt. Aber immerhin wird sie so bekannter...Die Piratenpartei ist immerhin offen für eine ernsthafte Diskussion dieser Idee und hat sie zumindest schon meines Wissens nach teilweise ins Programm aufgenommen (Piraten Brandenburg). Die Piraten sind durchaus eine ernst zu nehmende Partei, die eher wei weiß wovon sie spricht, als die "renommierten" Parteien, die unter dem Deckmäntelchen des Kinderschutzes unwirksame Mittel gegen Kinderpornografie etablieren wollen. Die Piraten haben m.E. Recht, indem sie gegen diese lächerlichen Stopp-Schilder plädieren. Die Piraten sind auch gegen Kinderpornografie, aber sie sind dafür, dass man das Problem an der Wurzel zu packen und nicht erst an der Frucht.
Ich jedenfalls werde die Piraten wählen, weil sie weniger abgedroschene Floskeln unters Volk bringen und den Mut haben, auch alte Probleme mit neuen Lösungsansätzen anzugehen, statt mit neuen Varianten eh schon als unwirksam erkannter Mittel den deutschen Wähler in Vollbeschäftigungsträume zu wiegen. Die großen Parteien sollten lieber Acht geben, sonst wird aus der als Spasspartei verschrienen Piratenpartei bald ein umgarnter Koalitionspartner, der mit mehr Realismus seine Ziele verteidigt als die FDP den freien Markt... Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Unglaublich M.Kunz – 15.08.09
dumm ist dieser Artikel, und nebenbei auch diffamierend. Die PIRATENPARTEI hat nicht nur ein Ziel, die "grenzenlose Freiheit" im Internet - und behauptet auch nicht "allen Ernstes" andere Ziele würden das Programm verwässern. Auch wenn sie durch solche Hetzpropaganda und dreiste Verleumdung die Menschen davon abhalten wollen die Partei zu wählen, wird es ihnen nicht gelingen!Es geht der Partei und Transparenz in der Politik (was hat das mit Internet zu tun), um die Erhaltung des Grundgesetzes (das gibt's wohl auch nur im Internet?), das in den letzten Jahren abgebaut wurde, um Reformen des Urherber- und Patentrechts, keine Patente auf Tiere und Pflanzen z.B. (Tiere und Pflanzen gibt's wohl im Internet), um Bürgerrechte, um Datenschutz, und auch um Bildung (naja, halt Internet, oder was?)
Der Autor hat wohl sein Hetzhandwerk noch in der DDR gelernt und nichts dazugelernt.
So geht Demokratie nicht! Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Was "wir" wollen MissGeschick – 15.08.09
So wie es aussieht, hat es auch Herr Patzelt noch nicht kapiert, Beruf verfehlt? Wir wollen keine Eierlegendewollmilchsau, dem deutschen Volk, jedenfalls denen die auch dieh HSP geil finden geht es um Werte, Respekt und Normen, dass was Menschen in politischer Lieger schon lange abgeworfen haben. Wann fangt ihr endlich an uns zu zu hören und nicht irgendwelche möchtegern Prognosen zu vertrauen von Menschen die sich nie mit einen von UNS unterhalten haben. Lobbyisten Meinungen sind nicht mehr die Meinungen des Volkes, sondern die Meinung des Geldes! Auf diesen Kommentar antworten Kommentar meldenKaputtvereinfacht Jonathan K. – 14.08.09
Die Piratenpartei hat mehr als nur ein Ziel. Es geht doch nicht nur um das Internet, es geht um Bürgerrechte auch im Offline-Leben. Es geht um Datenschutz, freie Bildung, freies Wissen, um Transparenz des Staates, Überarbeitung des Urheber- und Patentrechts. Das hat in weiten Teilen nicht nur mit Internet zu tun. Und es geht nicht um Grenzenlosigkeit. Nach wie vor soll Kriminalität - auch im Netz - natürlich bekämpft werden, nur bitte mit rechtsstaatlichen und verhältnismäßigen Mitteln und ohne dabei 80 Millionen Bürger ohne Not zu überwachen. So schwer ist das doch nicht. Aber anscheinend finden Medien die Programmpunkte der Piraten so kompliziert, dass sie sie - wie hier geschehen - bis zur Unkenntlichkeit kaputtvereinfachen. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar meldenKommentar schreiben
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